Weltraumlogistik: Bundeswehr untersucht Satellitenstart vom Flugzeug

Lars Hoffmann

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In den kommenden Jahren wird es aller Voraussicht nach in Europa zu erheblichen Engpässen beim Transport von Satelliten in den Weltraum kommen. Denn die gegenwärtig genutzten Trägersysteme sind mitunter auf Jahre für bestimmte Orbits ausgebucht, während sich erst langsam ein neues Launcher-Angebot entwickelt.

Vor diesem Hintergrund zeigt das Verteidigungsministerium in Berlin nicht nur Interesse an zusätzlichen Startplätzen in Äquatornähe und hält den Start von schwimmenden Plattformen für denkbar. Das BMVg untersucht auch Möglichkeiten für „Aircraft Launched Satellites“, kurz als Airlaunch bezeichnet, wie ein Ministeriumssprecher auf Nachfrage von hartpunkt bestätigte. Die Option des Satelliten-Starts von einem Flugzeug aus werde in die Überlegungen einbezogen, sagte er. Allerdings befinde man sich noch in einer frühen Phase der Überlegungen, räumte er ein.

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Das Konzept ist gar nicht so neu, wie es sich anhört und wurde in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt in die Praxis umgesetzt. So etwa von der Firma Virgin Orbit. Als Startplattform nutzte das Unternehmen ein Flugzeug des Typs Boeing 747-400, das eine Trägerrakete mit dem Namen „LauncherOne“ unter der Tragfläche mitführen konnte. Die Boeing 747 mit dem Namen „Cosmic Girl“ trug die Rakete auf eine Höhe von mehr als 10.000 Metern und klinkte dann den Flugkörper aus. Nach ein paar Sekunden im freien Fall zündete dieser, um Satelliten in einen Low Earth Orbit (LEO) zu bringen. Bei LauncherOne handelte es sich um eine zweistufige, luftgestartete Rakete für kleine Satelliten mit einer Nutzlast von bis zu 500 kg. Die Rakete war an einem Punkt der Boeing-Tragfläche angebracht, an dem auch ein fünftes Triebwerk zum Zweck der Überführung montiert werden kann.

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Mittlerweile hat Virgin Orbit Insolvenz angemeldet und das Flugzeug wurde verkauft. Allerdings hat das Unternehmen als kommerzieller Anbieter nachgewiesen, dass das Verbringen von Satelliten von einem Flugzeug in den Weltraum möglich ist. Es soll sechs Flüge gegeben haben, von denen vier erfolgreich waren.

Die Vorteile für die militärische Anwendung sind offenkundig: Das Trägerflugzeug kann zu einem geeigneten Absetzpunkt über See fliegen, an dem bei einem möglichen Absturz – im Gegensatz zum Start von Land – nur begrenzte Kollateralschäden zu erwarten sind. Aufgrund des Konzeptes ist der Nutzer nicht an einen festen Weltraumbahnhof gebunden, der in Deutschland aufgrund der Sicherheitserfordernisse ohnehin kaum zu realisieren wäre.

Damit entfällt auch der Aufbau einer komplexen Startinfrastruktur. Ein geeigneter Flugplatz und ein entsprechend ausgerüstetes Flugzeug mit einer Trägerrakete würde genügen. Dadurch könnte bei Ausfall oder einem kurzfristigen Bedarf im Rahmen des Responsive-Space-Ansatzes schnell ein oder mehrere kleine Satelliten in den LEO verbracht werden.

Im Rahmen zweier Studien hat auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bereits Anfang dieser Dekade die Möglichkeit eines Satellitenstarts von einem Flugzeug unter die Lupe genommen. Dabei wurde davon ausgegangen, dass ein Trägerflugzeug von einem militärischen Flugplatz in Deutschland startet und anschließend über der Nordsee den Airlaunch des Trägersystems mit dem Satelliten durchführt. In einer der Studien wurde insbesondere der Flugplatz Rostock-Laage als möglicher „Spaceport“ betrachtet.

Wie es in einer öffentlich zugänglichen Kurzfassung der Untersuchung heißt, wurden entsprechende Verfahren in den notwendigen Lufträumen untersucht einschließlich einer Risikobewertung. Es zeigte sich demnach, dass der Einfluss von Airlaunch-Operationen auf den zivilen Flugverkehr durch geeignete Planungen minimiert werden kann. „Aus diesen Ergebnissen ergeben sich kurz- bis mittelfristig realisierbare Fähigkeiten für die Bundeswehr, weltraumbasierte Systeme je nach Krisenfall innerhalb weniger Tage optimieren zu können“, hieß es.

Darüber hinaus wurde eine grundsätzliche Eignung des Standortes Rostock für verschiedene Missionsvarianten aufgezeigt. „Besonders erfolgsversprechend erscheint der Airlaunch von Kleinsatelliten in polare Umlaufbahnen (Startort über der Nordsee), da ein entsprechendes System zeitnah verfügbar sein könnte“, schrieben die Autoren der Studie. Der Flughafen bringe die Grundvoraussetzungen zur Einrichtung eines Weltraumflughafens mit. Zum gegenwärtigen Stand der Überlegungen wollte sich das DLR auf Nachfrage von hartpunkt nicht äußern.

Ein seinerzeit vom DLR vorgeschlagenes Test-Pilotprojekt wurde bislang nicht umgesetzt. Das könnte sich jetzt womöglich ändern, weil die Bundeswehr große Satellitenkonstellationen aufbauen will. Allerdings müsste das BMVg zunächst ein neues Flugzeug finden, da die seinerzeit von Virgin Orbit genutzte Boeing 747 nicht mehr zur Verfügung steht, ebenso wenig wie die dafür entwickelte Trägerrakete.

Lars Hoffmann