Schunk Technical Ceramics will nach eigenen Angaben eine resiliente europäische Lieferkette zur Produktion von Ballistikschutzplatten etablieren, um mehr Unabhängigkeit von Drittstaaten zu erlangen und die Versorgungsicherheit zu erhöhen.
Wie das Unternehmen in einer Mitteilung schreibt, sieht es sich mit mehr als zwei Millionen ausgelieferter Schutzplatten als Weltmarktführer bei ballistischen Schutzlösungen für militärische Einsatzzwecke. Als weltweit einziger Hersteller könne Schunk Technical Ceramics Großbauteile mit komplexen Geometrien, wie etwa Pilotensitze, im 3D-Druck realisieren. Das Unternehmen beliefert nach eigenen Angaben alle großen Integratoren von Schutzwesten. In Deutschland ist dies beispielsweise Mehler Systems.
Wichtigste Bestandteile zur Herstellung der keramischen Komponenten seien Siliciumcarbid (SiC) und Borcarbid (B4C). Um Abhängigkeiten von volatilen Lieferketten zu reduzieren, will Schunk Technical Ceramics die beiden Hochleistungswerkstoffe künftig vollständig in Europa aufbereiten. Bisher werden nach Aussage von Experten aufbereitete Materialien, insbesondere Borcarbid, unter anderem aus China bezogen. Bei der Förderung von Bor nimmt die Türkei eine wichtige Rolle ein.
Mit der Übernahme des Rohstoffherstellers ESK-SiC im vergangenen Jahr hat Schunk Technical Ceramics nach eigenen Angaben seine Fertigungstiefe erweitert und damit sowohl das Werkstoff-Know-how ausgebaut wie auch die eigene Versorgung und die für andere Unternehmen der Branche gesichert. „Unser strategisches Ziel ist, diese Unabhängigkeit auch auf Borcarbid auszuweiten“, so Borja Cordero, Sales Director Armor Ceramics bei Schunk Technical Ceramics.
Ein wichtiger Schritt in Richtung einer vollständig autonomen Produktion in Europa ist den Angaben zufolge die mit dem Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme IKTS entwickelte RECOSiC-Technologie zum Recycling. Binnen zwei Jahren soll eine europäische Kreislaufwirtschaft für die umweltschonende Herstellung von SiC in Gang gesetzt werden.
Dafür investiere Schunk Technical Ceramics rund 100 Millionen Euro in die nachhaltige Produktion des Hochleistungswerkstoffs, zusätzlich zur EU-Förderung für die Umsetzung der RECOSiC-Fabrik, schreibt das Unternehmen.
Gleichzeitig arbeitet Schunk Technical Ceramics an der Aufbereitung und dem Recycling von B4C. Durch das Recycling von Nebenprodukten und die Rückgewinnung keramischer Bestandteile ausgemusterter Schutzplatten soll künftig nicht nur Siliciumcarbid, sondern auch Borcarbid in Europa hergestellt werden. Wie ein Sprecher des Unternehmens auf Nachfrage mitteilte, wird der Recycling-Prozess für Borcarbid vollständig aus eigenen Mitteln bezahlt. Seinen Worten zufolge sollen Ende 2027 oder Anfang 2028 die Recycling-Anlagen ihre Arbeit aufnehmen. Das gewonnene Material aus den Recycling-Prozessen werde einen großen Bedarf für sein Unternehmen decken, aber nicht alles. Für das Recycling können auch während des Produktionsprozesses anfallende Reststoffe genutzt werden.
Unter der Bezeichnung „Qitin Armor Ceramics“ vermarktet Schunk seine Keramiken für ballistische Schutzlösungen. Laut Hersteller setzen sie Maßstäbe bei Herstellungsverfahren, Fertigungsqualität und Skalierbarkeit. Qitin Armor Ceramics schütze Soldaten, Luft- und Landfahrzeuge, sei es als zentrale Komponente für Körperschutzplatten in Schutzwesten, als Unterbodenschutz für Flugzeuge oder als Material für die Herstellung von Pilotensitzen in Kampfhubschraubern.
In den vergangenen zwei Jahren wurden der Mitteilung zufolge alleine 500.000 keramische Platten für Körperschutzsysteme gefertigt – viermal so viele wie in den Jahren zuvor.
Lars Hoffmann














