Die auf militärische Antriebslösungen spezialisierte RENK Group AG arbeitet gegenwärtig an der Entwicklung eines innovativen Getriebes für Kampfpanzer mit der Bezeichnung HSWL 406. Dem Unternehmen zufolge ist das Getriebe speziell für die Anforderungen der nächsten Generation von Kampfpanzerplattformen ausgelegt. Das HSWL 406 wird laut RENK für schwere Kettenfahrzeuge von 50 bis über 70 Tonnen konzipiert und soll mit seiner modularen Architektur und einem hohen Digitalisierungsgrad neue Standards im Bereich militärischer Antriebstechnologien setzen.
Die RENK Group reagiert nach eigenen Angaben mit der eigenständigen Getriebeentwicklung auf die Vielfalt an Fahrzeugplattformen in Europa, die zu erheblichen Effizienzverlusten führt. RENK-CEO Alexander Sagel bewertet dies als wichtigen Impuls für die Konsolidierung im Bereich militärischer Antriebslösungen: „Durch die Einführung eines modularen Kampfpanzergetriebes wird die logistische Gleichheit der Streitkräfte gestärkt, eine schnellere Verfügbarkeit von Ersatzteilen erreicht und eine plattformübergreifende Versorgung und Instandsetzung ermöglicht“, sagt er. Das neue Getriebe solle auch zur Gewichtsreduktion beitragen.
Die modulare Bauweise gewährleiste nicht nur die Kompatibilität mit allen relevanten Motorenherstellern, sondern ermögliche verschiedene Konfigurationen und eine flexible Anpassung an Plattformen unterschiedlicher Gewichtsklassen – ohne die Architektur der jeweiligen Fahrzeugplattform verändern zu müssen. „Mit dem HSWL 406 setzen wir Maßstäbe in der Entwicklung von Antriebslösungen für die schwere Kette“, so Michael Masur, CEO Vehicle Mobility Solutions, RENK GmbH. Wie er vergangene Woche vor Journalisten in Augsburg ausführte ist das neue Getriebe so konzipiert, das es sowohl für den Motor des Leopard 2 als auch den koreanischen K2 Panther, der eine andere Konfiguration des Antriebsstrangs aufweist, kompatibel ist.
Das HSWL 406 nutzt das 2024 von RENK vorgestellte ATREX-Antriebskonzept als Technologieträger und verfügt über eine vollintegrierte Drive-by-Wire-Funktionalität. Entsprechende Funktionsversuche werden dem Unternehmen zufolge aktuell durchgeführt. Über eine digitale Schnittstelle soll die Voraussetzung für zukünftige autonome Antriebslösungen im Bereich gepanzerter Fahrzeuge geschaffen werden. Ziel ist die erste Fahrzeugintegration bis Mitte 2027. Anschließend finden die kundenseitige Erprobung und Qualifikation statt.
Nach Aussage von RENK-CEO Sagel, will das Unternehmen in den kommenden Jahren weiter expandieren. Dazu sollen rund eine halbe Milliarde Euro in den Kapazitätsausbau sowie Forschung und Entwicklung fließen, sagte er vergangene Woche bei dem Pressetag. RENK sei gut gerüstet für den erwarteten Auftragseingang etwa durch die umfassenden Beschaffungen der Bundeswehr. Erste Aufträge im Rahmen der Bundeswehr-Vorhaben erwartet er ab dem Jahresende. „Wir haben nagelneue Anlagen“, betonte Sagel. Jede Ecke in Augsburg werde zugestellt mit weiteren Anlagen, so der Manager. Da das Unternehmen neben dem Hauptsitz in Augsburg über weitere Standorte, etwa in der Nähe von Paris oder im westfälischen Rheine verfüge, sieht er keinen Bedarf, weitere Niederlassungen für die Produktion aufzubauen. Durch die Übernahme von Fertigungs-Know-how aus der Automobilindustrie – etwa in der Montage-Logistik – und die damit realisierte Effizienzsteigerung werde der Personalaufbau auch nicht so umfangreich ausfallen, wie ursprünglich vorgesehen, sagte Sagel. Sollten die bestellten Mengen hochgefahren werden und damit in der Produktion Skaleneffekte realisiert werden könne, seien auch Preissenkungen möglich. Voraussetzung dafür seien jedoch verbindliche Verträge.
RENK werde sich auf die nächste Mobilitätsgeneration nach 2030 vorbereiten. Dem CEO zufolge geht es darum, unbemannte Bodenfahrzeuge – sogenannte Unmanned Ground Vehicles (UGV) – gemeinsam mit dem Start-up ARX Robotics zu entwickeln. Erst vor wenigen Wochen hatten beide Unternehmen eine Partnerschaftsvereinbarung getroffen, in deren Rahmen die Software Mithra OS von ARX Robotics für zukünftige Fahrzeugkonzepte genutzt werden soll. Dieses KI-gestützte Betriebssystem ermöglicht laut RENK die digitale Modernisierung bestehender Flotten und die Umrüstung älterer Fahrzeuge in intelligente, vernetzte und autonome Systeme. Renk steuert bei der Kooperation die benötigten Getriebe mit der Drive-by-Wire-Technologie bei, die für UGV eine Voraussetzung sind. Dabei dürfte es um Fahrzeuge mit einem Gewicht bis zu 15 Tonnen gehen.
Lars Hoffmann


















