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Mörserkampfsystem NEMO auf Ketten

Waldemar Geiger

Der britisch-amerikanische Rüstungskonzern BAE Systems hat eigenen Angaben zufolge den ersten Prototyp eines Mörserkampfsystems NEMO auf der gepanzerten Mehrzweckplattform AMPV an die U.S. Army übergeben.

Einer Mitteilung des Unternehmens vom 7. März zufolge ist der Prototyp das Ergebnis eines raschen gemeinsamen Technologie-Investitionsprojekts zwischen dem US-Heer, BAE Systems und KONGSBERG/Patria. Durch die Verwendung eines bereits im Einsatz der U.S. Army befindlichen und voll qualifizierten Fahrzeugs wie des AMPV-Fahrgestells erhält das Heer die Möglichkeit, dringend benötigte Kampffähigkeiten wie beispielsweise den Patria NEMO wesentlich schneller und zu geringeren Kosten einzuführen. „Der Prototyp des AMPV Turreted Mortar (Turmmörser) entstand aus einer Diskussion über die Fähigkeiten, die wir 2022 mit der U.S. Army geführt haben“, wird Bill Sheehy, AMPV-Programmdirektor bei BAE Systems, in diesem Zusammenhang in der Mitteilung des Unternehmens zitiert.

Dem Unternehmen zufolge wird das US-Heer den Prototypen des AMPV Turreted Mortar in den nächsten Monaten strengen Feldtests unterziehen, um seine Fähigkeiten mit den Anforderungen der Truppe zu vergleichen.

Das aktuelle in Produktion befindliche AMPV-Mörserfahrzeug basiert auf einem klassischen Lukenmörserkonzept, welches bereits im Vorgängerfahrzeug M113 zum Einsatz kam. Der neue Prototyp des AMPV Turreted Mortar stellt BAE Systems zufolge eine wesentliche Verbesserung dar, die nicht nur die Fähigkeiten und den Schutz der Truppe erhöht, sondern auch dafür sorgt, dass die Soldaten während des Feuerkampfes vollständig unter dem Panzerschutz des Fahrzeugs bleiben. Der Prototyp des NEMO-AMPV ist in der Lage, Feuerunterstützung im direkten und indirekten Richten aus der Feuerstellung sowie während der Fahrt zu leisten.

Für das US-Heer ist der NEMO-Turmmörser kein unbekanntes System. Die U.S. Army hatte bereits 2020 mit Patria ein sogenanntes kooperatives Forschungs- und Entwicklungsabkommen (Cooperative Research and Development Agreement, CRADA) unterzeichnet, um die Durchführbarkeit des Einbaus eines turmartigen, verschlossenen 120-mm-Mörserwaffensystems in US-Mörserträger zu ermitteln.

Im Rahmen des Vorhabens wurde beispielsweise untersucht, inwieweit der Nemo die militärischen Forderungen der Army an ein Mörsersystem erfüllt. Zudem wurde die Kompatibilität des Mörsers mit in der Army eingeführten Fahrzeugplattformen und Feuerleitsystemen sowie Mörsermunitionssorten geprüft.

Auch die Bundeswehr interessiert sich dem Vernehmen nach für den NEMO, welcher als heißer Kandidat für eine der ersten zu beschaffenden Fahrzeugvarianten im Vorhaben Transportpanzer Neue Generation (Fuchs-Nachfolge) gilt.

NEMO

NEMO steht für New MOrtar und ist ein rund 1,9 Tonnen schwerer 120-mm-Turmmörser des finnischen Rüstungskonzerns Patria. Das System wurde 2006 erstmals vorgestellt und seitdem konsequent weiterentwickelt. So hat Patria Anfang 2021 die Qualifizierung des NEMO für die Fähigkeit „Fire-on-the-move“, auf Deutsch Feuern in der Bewegung, bekanntgegeben. Diese für Mörsersysteme bis dato einzigartige Fähigkeit erlaubt es der Truppe, während des Feuerkampfes ständig in der Bewegung zu bleiben und sich somit der feindlichen Waffenwirkung wirkungsvoll zu entziehen.

Die Konstruktionsweise als Turmmörser gilt zwar als besonders komplex und ist demensprechend auch mit höheren Beschaffungs- und Unterhaltskosten verbunden, bietet gegenüber klassischen „Lukenmörsern“ aber mehrere Vorteile. Zum einen ist die Besatzung komplett geschützt, sowohl ballistisch, als auch gegen ABC-Bedrohungen. Ein weiterer Vorteil besteht in der Fähigkeit, in einer niedrigen Winkelgruppe im direkten Richten feuern zu können. Eine Fähigkeit, die im Gefecht sowohl defensiv als auch offensiv genutzt werden kann.

Ein einziger NEMO-Mörser ist laut Hersteller in der Lage, bis zu sechs Patronen gleichzeitig ins Ziel zu bringen. Das Verfahren wird als Multiple Round Simultaneous Impact (MRSI) bezeichnet. Diese Fähigkeit bleibt dem Hersteller zufolge auch beim Feuern in der Bewegung erhalten.

Der NEMO-Turm verfügt über einen Schwenkbereich von 360 Grad und eine Waffenneigung von -3 bis 85 Grad. Das drei Meter lange Rohr erlaubt eine im Vergleich zu klassischen 120-mm-Mörsern leicht gesteigerte Kampfreichweite.

Die Waffenanlage ist als Hinterlader mit einem halbautomatischen Lademechanismus konzipiert. Dabei wird die Munition durch die Besatzung vorbereitet und auf eine Ladeschiene platziert. Der Mechanismus lädt die Waffe im Anschluss automatisch. Je nach Größe können Fahrzeuge, die mit NEMO-Turm ausgerüstet sind, 50 bis 60 Patronen 120-mm-Mörsermunition mitführen. Für den Verschuss aus dem NEMO muss die Mörsermunition mit einem sogenannten Stub Case (auf Deutsch Hülsenstummel) versehen werden. Dabei handelt es sich um ein von Patria entwickelte kurze Hülse, die als Interface zwischen der Hinterladerwaffenanlage und der Munition fungiert. Aussagen von Patria zufolge eignet sich fast jede auf dem Markt befindliche 120-mm-Mörsermunition für den Verschuss aus dem NEMO, sobald sie mit dem Stub Case bestückt wurde. Die Bestückung der Munition ist einfach und kann durch die Besatzung erfolgen. Nach dem Abfeuern der Waffe wird der Hülsenstummel in einen auf dem Fahrzeug montierten Auffangbehälter ausgeworfen.

Nach Angaben von Patria wird das Waffensystem üblicherweise durch eine vierköpfige Besatzung bedient, welche aus einem Kraftfahrer, einem Kommandanten – der auch gleichzeitig die Funktion des Richtschützen wahrnimmt – einem Lade- sowie einem Munitionsschützen besteht. Ein modernes Feuerleitsystem komplettiert das Waffensystem.

Armored Multi Purpose Vehicles (AMPV)

Das AMPV ist ein vom Schützenpanzer M2 Bradley abgeleitetes Mehrweckkettenfahrzeug, welches die in fünf Varianten in das US-Heer eingeführt werden und dort die in die Jahre gekommene M113-Flotte ersetzen soll. Absicht der Army ist es, den AMPV in den sogenannten Armored Brigade Combat Teams (ABCT) neben den Kampfpanzern M1 Abrams und den Schützenpanzern M2 Bradley einzusetzen. Der Gesamtbedarf der U.S. Army beläuft sich nach derzeitigem Kenntnisstand auf über 2.900 Fahrzeuge in fünf unterschiedlichen Varianten.

Als einzuführende Varianten wurden seitens der Army ein Führungsfahrzeug (Mission Command), ein Universalfahrzeug (General Purpose) für allgemeine Transportaufgaben, ein 120-mm-Mörserträger (Mortar Carrier) sowie zwei Sanitätsvarianten – Verwundetentransportfahrzeug (Medical Evacuation) und Rettungsfahrzeug (Medical Treatment) – genannt. Darüber hinaus hat BAE Systems jüngst eine Drohnenabwehrvariante (C-UAS) des AMPV vorgestellt, welche jedoch derzeit noch nicht von der Army bestellt wurde.

Von der U.S. Army ausgewählte Varianten des AMPV. (Bild: BAE Systems)

2014 vergab das US-Heer den ersten AMPV-Auftrag an BAE Systems und unterzeichnete 2018 einen Vertrag über die Erstproduktion in kleinen Stückzahlen (low-rate initial production – LRIP). Das erste LRIP-Fahrzeug wurde im August 2020 ausgeliefert. Der Auftrag für die Serienproduktion des AMPV (full-rate production) wurde im August 2023 vergeben.

Das Fahrzeug nutzt den gleichen Antriebsstrang und das gleiche Fahrwerk wie der Schützenpanzer Bradley und die Panzerhaubitze M109A7 Paladin. Im Vergleich zum Bradley wurde beim AMPV das Wannendach hochgezogen und der Schutz verbessert. Durch diese Maßnahme wurde das Innenvolumen des AMPV gegenüber dem M113 um 78 Prozent vergrößert. Angetrieben wird das Mehrzweckkettenfahrzeug mittels eines Cummins Dieselmotors mit 440 kW Leistung.

Waldemar Geiger

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