Der effektive Einsatz von Strike Drohnen bzw. Loitering Munition im Ukraine-Krieg sorgt auch in den NATO-Streitkräften für ein hohes Interesse an diesen Systemen, die eine kostengünstige und in Massen abrufbare Präzisionswirkung auf weite Distanzen versprechen. Der deutsche Gefechtskopfspezialist TDW Gesellschaft für verteidigungstechnische Wirksysteme mbH (TDW) und der deutsch-französische Zünderspezialist JUNGHANS Microtec GmbH (JUNGHANS Defence) haben nun eine Kooperationsvereinbarung unterschrieben, um gemeinsam entwickelte modulare Gefechtskopfsysteme für den antizipierten Bedarf an Loitering Munition anzubieten. Die Unterzeichnung des Memorandum of Understanding fand im Rahmen eines gemeinsamen Treffens im Vorfeld der Loitering Munition Conference am 17. November in London statt.
hartpunkt hat mit Andreas Seitz, Geschäftsführer der TDW, und Dr. Kim Lioe, CEO von JUNGHANS Defence, über das Ziel der Partnerschaft sowie die nächsten Schritte gesprochen, damit die Gefechtskopfsysteme Ende 2026 bzw. Anfang 2027 in die Massenproduktion gehen können.
Unter der Begrifflichkeit Gefechtskopfsystem – im englischen Sprachgebrauch als „Lethal Package“ bezeichnet“ – verbirgt sich eine Kombination aus mehreren Komponenten, die gemeinsam für die Wirkung eines Lenkflugkörpers, einer Granate oder eben einer Loitering Munition verantwortlich sind. Sichere und zuverlässige Gefechtskopfsysteme in einer Loitering Munition bzw. einer Strike-Drohne setzen sich aus den Komponenten Gefechtskopf, Zündverstärker sowie einem Detonator (Low Energy Exploding Foil Initiator – LEEFI), enthalten in einer elektrischen Zünd- und Sicherungseinrichtung (Electronic Safe and Arm Detonation Devices – ESAD) zusammen.
Wie die beiden Geschäftsführer im Gespräch mit hartpunkt erläutern, fokussiert sich die Partnerschaft darauf, die jeweiligen Kernkompetenzen der beiden Unternehmen zu bündeln und so schnell eine massenproduzierbare Gefechtskopfsystemfamilie auf den Markt zu bringen, die auch die Zulassungskriterien anspruchsvoller NATO-Streitkräfte (bezogen auf Sicherheitsforderungen und Zuverlässigkeit in der Funktion) erfüllt.
Während TDW die erst vor wenigen Wochen auf der Rüstungsmesse DSEI vorgestellte Gefechtskopffamilie „Lion Strike“ in die Partnerschaft einbringt, steuert JUNGHANS Defence die als SESAM benannte elektronische Zünd- und Sicherungsarchitektur bei. Dabei handelt es sich Lioe zufolge um ein „Derivat“ aus dem unternehmenseigenen Bomben- und Lenkflugkörperportfolio. SESAM steht in diesem Zusammenhang für Standardized Electronic Safety and Arming Module, einem Zündsystem, welches in Form und Größe in etwa einem verkleinerten Eishockey-Puck entspricht.
Beide Teilkomponenten weisen nach Aussagen der Unternehmensvertreter bereits einen hohen Reifegrad auf. So wird beispielsweise die 110 mm-Gefechtskopfvariante der LION STRIKE-Familie gerade der Firmenqualifizierung unterzogen, die in Kürze abgeschlossen sein wird, wie Seitz erklärt. Die weiteren Kaliber – 90 mm und 140 mm – sollen im Anschluss folgen. Auch der SESAM-Zünder ist bereits fertigentwickelt und nach Angaben von Lioe in leicht abgewandelter Form bei den französischen Streitkräften bereits „durchqualifiziert“. Beide Komponenten zusammen sollen zukünftig eine Basis für viele europäische Strike-Drohnen und Loitering Munition bilden.
Aufgrund der unterschiedlichen Kalibergrößen der LION STRIKE-Gefechtskopffamilie, inklusive der Möglichkeit, einen optionalen Splittermantel für eine Flächenwirkung sowie eine Vorhohlladung zur Bekämpfung von Reaktivpanzerungen nutzen zu können, und den unterschiedlichen Funktionalitäten des SESAM-Zünders (inklusive der Möglichkeit der Wiedersicherung) eröffnet sich ein hoher Grad an Modularität, was die spezifische Wirkung im Ziel angeht.
Die Idee ist es, dass Strike-Drohnen-Hersteller, viele davon junge und im Umgang mit Explosivstoffen und Gefechtsköpfen unerfahrene Unternehmen, sich zukünftig auf die Entwicklung leistungsfähiger „Transportmittel“ konzentrieren, während TDW und JUNGHANS Defence aufgrund ihrer nachgewiesenen Expertise die passende und zuverlässig funktionierende Wirkung beisteuern, ohne dass die Streitkräfte am Ende auf „Panzeranklopfgeräten“ sitzen bleiben oder Systeme detonieren, wenn sie nicht detonieren sollen. Seitz zufolge können die beiden Unternehmen so „jedem Kunden eine funktionierende Lösung aus einer Hand bieten, die er in hohen Stückzahlen beschaffen kann“. Lioe ergänzt: „Die Drohnenhersteller haben so die Wirkung und die Sicherheit, ohne dass sie sich Sorgen darum machen müssen.“
Da es sich bei den Gefechtskopfsystemen um komplett europäische Lösungen handelt, wären Nutzer im Falle einer Beschaffung nicht auf fremde Lieferketten angewiesen, die im Bedarfsfall aufgrund von Eigenbedarf oder politischen Restriktionen einem höheren Risiko der Störung unterliegen.
Die beschlossene Zusammenarbeit sieht nun in einem ersten Schritt die Abstimmung der Interfaces zwischen dem Zünder und der Gefechtskopffamilie vor. Absicht ist es, dass jeder Gefechtskopf unabhängig vom Kaliber mit demselben System bezündert werden kann. Im Anschluss daran erfolgt die gemeinsame Erprobung, so dass Ende 2026 bzw. 2027 die Massenfertigung der Gefechtskopfsysteme anlaufen kann.
Angesprochen auf die Gründe für die notwendige Zeitdauer erklären Seitz und Lioe, dass im Vorfeld einer Massenfertigung nicht nur die Qualifizierung der Systeme durch die Unternehmen und kundenabhängig auch vom jeweiligen Kunden erfolgen muss, es müsse auch die Lieferkette aufgebaut und qualifiziert werden. Dazu müssen Verträge mit den Lieferanten verhandelt und geschlossen werden. All das geschieht nicht über Nacht, schließlich müssen die geforderten Standards anspruchsvoller westlicher Streitkräfte erfüllt und gewährleistet werden. „Früher spielte Zeit keine Rolle und Geld war der kritische Faktor, heute ist es bei der Entwicklung genau andersherum“, beschreibt Lioe die aktuelle Situation. „Gleichwohl entwickeln wir hier Systeme die deutlich komplexer sind als ein paar zurechtgebogene Kleiderbügel, aber die Industrie ist schon schneller geworden“, erklärt er weiter.
„Wir gehen hier in Antizipation einer hohen Nachfrage von Loitering Munition in Vorleistung und entwickeln Gefechtskopfsysteme auf die andere aufsetzen können, um die Nachfrage schnell bedienen zu können“, sagt Seitz. „Die Motivation für die Zusammenarbeit mit JUNGHAS Defence, liegt in dem erwarteten Stückzahlbedarf“, erklärt der TDW-Geschäftsführer weiter. „Um diesen befriedigen zu können, wollten wir mit einem Partner kooperieren, mit dem wir die schnelle Skalierung erreichen können“.
Waldemar Geiger


















