Handbuch für den geordneten Einsatz von Kleinstdrohnen

Kristóf Nagy

Anzeige

Die militärische Bedeutung von Kleinstdrohnen (sUAS) hat in den letzten Jahren, nicht zuletzt durch den „Inkubator“ Ukrainekrieg enorm zugenommen. Moderne Konflikte zeigen, dass sUAS inzwischen allgegenwärtig sind und für die Gefechtsführung bis runter in die niedrigste taktische Ebene grundlegend prägen. Mit dem am 12. September veröffentlichte Handbuch „Small Unmanned Aircraft System Airspace Management and Control – A Handbook for Army Leaders“ legt die U.S. Army nun einen besonderen Fokus auf die Herausforderungen und Neuerungen im Bereich der Luftraumnutzung und -koordination von Kleinstdrohnen auf den unterschiedlichen taktischen Ebenen.

Verantwortlich für das 34-seitige, öffentlich zugängliche Dokument zeichnet sich das Center for Army Lessons Learned (CALL). Eine Organisation der U.S. Army, die den Austausch und die systematische Sammlung von Erfahrungen, Erkenntnissen und Best Practices aus Übungen, Einsätzen und Operationen fördert. CALL unterstützt dabei, erfasste Erfahrungen zu analysieren und in praxisnahe Empfehlungen, Handbücher und Leitfäden umzusetzen. Die Institution steht Führungskräften, Soldaten und Einheiten als Ressource zur Verfügung und veröffentlicht regelmäßig Lehrmaterialien sowie aktualisierte Doktrinen, wie im vorliegenden Fall.

Anzeige

Als eines der Schlüsselherausforderungen im Luftraummanagement von sUAS identifiziert das Handbuch die stetige Komplexitätssteigerung und notwendige Integration der Systeme. Dabei ist die Koordination von bemannten und unbemannten Systemen auf dem Gefechtsfeld gleichzeitig zu denken. Hieraus entsteht eine nie dagewesene Anforderung an Synchronisation zwischen den unterschiedlichen taktischen Ebenen bis hin zu teilstreitkräfte- und sogar multinationalübergreifenden Abstimmungen. Die massive Zunahme der Kleinstdrohnen erzwingt ein konsequentes Umdenken im Management des bodennahen Luftraums. Taktische Führer müssen gemäß den Ausführungen des CALL nicht nur zukünftig, sondern bereit heute Kenntnisse zur Luftraumgliederung besitzen und proaktiv an der Entwicklung und Umsetzung von sogenannten Unit Airspace Plans (UAP) bis auf Teileinheitsebene mitwirken, um Operationsfreiheit und Wirkung sicherzustellen.

Anzeige

Hierzu müssen innerhalb der Army Rollen und Verantwortlichkeiten angepasst werden. So erfährt die Position des Air Defense Airspace Management auf Brigadeebene eine deutliche Aufwertung, nicht zuletzt, da die angesprochene taktische Ebene erstmalig über eigene organische Luftfahrzeuge in nennenswerter Zahl verfügt. Zudem stellt die Brigadeebene die Schnittstelle zwischen den sUAS einsetzenden Kräften und dem übergeordnetem Luftlagebild dar. Auf Kompanie- und Bataillonsebene liegt zukünftig die Verantwortung für die Durchführung der sUAS-Einsätze, die Kommunikation und Koordination mit übergeordneten Stellen der Brigade und die Überwachung des Luftraums im eigenen Abschnitt. Daher müssen Kleinstdrohnenbediener laut dem Handbuch nicht nur sUAS-Missionen erfüllen, sondern auch ein aktives und stetig angepasstes Luftraumbewusstsein entwickeln.

Der Schlüssel zu einem reibungslosen Betrieb liegt daher in einem vorgeplanten und ständig angepassten, dynamischen Deconflicting. Dies beinhaltet Aspekte wie das Vorabfestlegen von Parametern wie Flugrouten, Höhen-Layer und Koordinationszonen. Dabei sind insbesondere Höhenbereiche und Areale zu berücksichtigen, die mit bemannten Luftkriegsmitteln und -Fahrzeugen, Artilleriefeuer oder der eignen Drohnenabwehr kollidieren können. Daher müssen vorgeplante Missionen auf Basis von etablierten Verfahrensweisen (SOPs/ Standard Operating Procedures) ausgearbeitet und dennoch dynamisch und kurzfristig anpassbar ausgeführt werden. Zudem müssen Abläufe wie die automatisierte Rückkehr und vorgeplante Notlandeplätze zum Erhalt des eigenen Drohenbestandes mitgeplant werden. Auch beschränkende Faktoren wie Störungen durch feindliche elektronische Kampfführung (EW), sich wandelnde Witterungsbedingungen sowie die hohe Beanspruchung der Bediener ist zu berücksichtigen.

Um primär den letztgenannten Aspekt zu lindern ist die Nutzung von automatisierten Systemen wie der Tactical Airspace Integration System (TAIS) und digitale Kartenwerkzeuge zur Verbesserung der kollektiven Luftraumwahrnehmung unerlässlich. Automatisierte Erfassung und Verfolgung von Missionsanfrage unterstützen das Deconflicting zusätzlich und ermöglichen reaktionsschnelle Anpassungen auch während dynamischer Operationen.

Das Handbuch liefert eine strukturierte Hilfestellung zur Bewältigung wachsender Komplexität und betont vornehmlich den Wert realitätsnaher SOPs, automatisierter Prozesse sowie interdisziplinär abgestimmter Ausbildung und Planung. Zugleich bleibt die schnelle Entwicklung technischer Möglichkeiten, die normative zwingend notwendige Anpassung der Verfahren und die Adaption von Führungsstrukturen eine zentrale Herausforderung, auch für die nächsten Jahre.

Das Handbuch kann hier kostenlos heruntergeladen werden: Small Unmanned Aircraft System Airspace Management and Control – A Handbook for Army Leaders

Kristóf Nagy