Französische „Tiefenwirkung“ – ein Überblick über französische Entwicklungsprojekte für Waffensysteme großer Reichweite

Fabian Hoffmann

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Während die europäischen Staaten ihre Aufrüstungsbemühungen im Bereich der Waffensysteme mit großer Reichweite vorantreiben, sticht Frankreich durch die schiere Anzahl laufender Entwicklungsprogramme auf nationaler Ebene hervor und hebt sich damit von anderen europäischen Staaten ab, die sich – ob zum Guten oder zum Schlechten – dafür entschieden haben, auf amerikanische Technologie zu setzen, um dringende Fähigkeitslücken zu schließen.

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über Frankreichs laufende Programme für Waffensysteme großer Reichweite in vier Fähigkeitsbereichen: Raketenartillerie, Marschflugkörper, ballistische Raketen und kostengünstige Einweg-Effektoren.

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Es überrascht vielleicht nicht, dass die Breite dieser Bemühungen Fragen hinsichtlich der finanziellen und industriellen Machbarkeit aufwirft. Dennoch könnte Frankreichs jüngste, recht entschlossene Hinwendung zu kostengünstigen Lösungen für Angriffe großer Reichweite das Land als europäischen Vorreiter in diesem Fähigkeitsbereich positionieren.

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Französische Programme für Waffensysteme großer Reichweite

Französische Hersteller entwickeln insgesamt 12 verschiedene Waffensysteme mit großer Reichweite, die in der nachstehenden Tabelle zusammengefasst und im folgenden Abschnitt näher erläutert werden.

NameHerstellerTypReichweiteNutzlastStatusIOC
ThundartMBDA + SafranArtillerierakete150 km?In Entwicklung~2030
FLP-T 150ArianeGroup + ThalesArtillerierakete150 km?In Entwicklung~2030
SCALP-EG Mk. 2MBDAMarschflugkörper560 km450 kgIn Entwicklung?
Stratus-LOMBDAMarschflugkörper500-1,000 km?In Entwicklung~2032
Stratus-RSMBDAMarschflugkörper500-1,000 km?In Entwicklung~2035
Land Cruise Missile (MdCT)MBDAMarschflugkörper>1,000 km In Entwicklung~2030
MBT – Single StageArianeGroupBallistische Rakete>1,000 km?In Entwicklung~2032
MBT – Two StageArianeGroupBallistische Rakete>2,000 km?In Entwicklung~2035
One-Way EffectorMBDALangstreckendrohne500 km40 kgIn Produktion~2027
CrossbowMBDAMini-Marschflugkörper800 km300 kgproduktionsreif?
ChorusTurgis & Gaillard + RenaultMarschflugkörper3,000 km500 kgIn Entwicklung~2027
OWE 500+?Langstreckendrohne>500 km50 kgKonzeptphase?

Raketenartillerie

Im Rahmen des FLP-T-Programms entwickeln französische Hersteller derzeit zwei konkurrierende Konzepte für eine gelenkte Artillerierakete mit einer Reichweite von 150 Kilometern, die vom Konzept her der amerikanischen GMLRS-ER ähnelt, die von HIMARS-Systemen abgefeuert wird.

MBDA und Safran bieten die Thundart an, während ArianeGroup und Thales gemeinsam die FLP-T 150 (wahrscheinlich ein vorläufiger Name) anbieten. Das Programm zielt darauf ab, bis 2030 mindestens 13 französische MLRS-Systeme zu beschaffen, was darauf hindeutet, dass das ausgewählte Design Anfang der 2030er Jahre die erste Einsatzfähigkeit erreichen wird.

Zwar scheint ein Bedarf an einer französischen Artillerierakete mit einer Reichweite von 150–300 Kilometern zu bestehen, vergleichbar mit der amerikanischen M57 ATACMS oder der südkoreanischen CTM-290, doch ist derzeit kein solches System im Rahmen des Programms geplant. Die FLP-T sieht jedoch eine Reichweitenfähigkeit von über 500 Kilometern vor, worauf im nächsten Abschnitt eingegangen wird.

Landangriffsfähige Marschflugkörper

Frankreich verfügt derzeit über drei laufende Programme für Marschflugkörper, die geeignet sind Bodenziele zu bekämpfen.

Das erste ist der SCALP-EG Mk. 2, das, wie der Name schon sagt, eine Weiterentwicklung des bestehenden luftgestützten Marschflugkörpers SCALP-EG darstellt. Die Waffe wird voraussichtlich verbesserte Funktionen in den Bereichen Lenkung, Zielerfassung und Missionsplanung bieten, dabei jedoch weitgehend die ursprüngliche Flugzeugzelle beibehalten und die Interoperabilität mit der aktuellen Flotte gewährleisten. Die Variante Mk. 2 ist in erster Linie als Maßnahme zur Verlängerung der Lebensdauer gedacht und soll die Lücke überbrücken, bis Frankreichs luftgestützte Marschflugkörper der nächsten Generation Anfang der 2030er Jahre in Dienst gestellt werden.

Dieses System der nächsten Generation ist der STRATUS LO, der im Rahmen des früher als „Future Cruise/Anti-Ship Weapon“-Programm bekannten Vorhabens entwickelt wurde, das gemeinsam mit Großbritannien und Italien durchgeführt wird. STRATUS LO ist eine von zwei Varianten, die im Rahmen des Programms vorangetrieben werden; die andere ist STRATUS RS. STRATUS LO ist ein Unterschall-Marschflugkörper für Landangriffe mit geringer Radarsignatur; STRATUS RS ist ein Überschall-Marschflugkörper für Landangriffe mit einer angestrebten Höchstgeschwindigkeit von Mach 3 bis Mach 5.

Für Frankreich wird STRATUS LO in erster Linie die SCALP-EG ersetzen. Während STRATUS RS eine allgemeine Mehrzweckfunktion erfüllen wird, soll der Flugkörper der Rafale-F5-Flotte auch spezialisiertere SEAD/DEAD- und zeitkritische Zielerfassungsfähigkeiten bieten. Bei STRATUS LO wird eine erste Einsatzfähigkeit um das Jahr 2032 angestrebt; STRATUS RS wird voraussichtlich nicht vor 2035 einsatzbereit sein.

Schließlich entwickelt MBDA noch die Land Cruise Missile, eine bodengestützten Marschflugkörper für Landangriffe, der auf der Missile de Croisière Navale basiert – Frankreichs Schiff- und U-Boot-gestützter Landangriffsmarschflugkörper, der 2017 seine anfängliche Einsatzfähigkeit erreichte. Erste Testschüsse sind für 2027–2028 geplant. Die Land Cruise Missile soll im Rahmen des FLP-T-Programms die Reichweitenklasse von über 500 Kilometern abdecken, wobei die Reichweite voraussichtlich 1.000 Kilometer übersteigen wird. Die erste Einsatzfähigkeit wird voraussichtlich für Anfang der 2030er Jahre angestrebt.

Ballistische Raketen

Das von der ArianeGroup geleitete Programm Missile Balistique Terrestre (MBT) markiert Frankreichs Rückkehr zu konventionellen ballistischen Raketen nach einer dreißigjährigen Pause.

Zwei Varianten wurden im Juni 2025 auf der Paris Air Show als Modelle vorgestellt. Die erste ist eine einstufige ballistische Feststoffrakete mit einer Reichweite von über 1.000 Kilometern, die von einem Standard-Transporter-Erector-Launcher aus gestartet wird. Die zweite ist eine zweistufige Variante, die die Reichweite auf 2.000 Kilometer oder mehr erweitert. Beide stützen sich stark auf das Know-how der ArianeGroup bei Feststoffraketenmotoren, die für die U-Boot-gestützte ballistische Rakete M51 und die Ariane-Trägerraketenfamilie entwickelt wurden.

Das Programm wurde im Haushalt 2026 offiziell mit zunächst 15,6 Millionen Euro für Machbarkeitsstudien finanziert, wobei sich die Mittel bis 2030 auf insgesamt rund 900 Millionen Euro erhöhen sollen. Eine realistische erste Einsatzfähigkeit für die einstufige Variante wird für Anfang bis Mitte der 2030er Jahre erwartet; bei der zweistufigen Variante dürfte dies noch später der Fall sein.

Die zweistufige Variante könnte letztendlich einen Hyperschall-Gleitflugkörper integrieren, aufbauend auf dem V-MAX-Demonstrationsprogramm, das im Juni 2023 unter Verwendung einer von den USA gelieferten Höhenrakete erfolgreich getestet wurde. V-MAX2, der nachfolgende Demonstrator für einen Hyperschall-Gleitflugkörper, entspricht in seiner Konstruktion eher dem späteren operativen System und sollte ursprünglich 2025 getestet werden, wurde jedoch verzögert, nachdem Frankreich beschlossen hatte, sich von der Abhängigkeit von amerikanischer Booster-Technologie zu lösen.

Frankreich wartet nun auf die Fertigstellung der zweistufigen Höhenforschungsrakete SyLEx, die ebenfalls von der ArianeGroup geliefert wird und benötigt wird, um das Projektil in ausreichende Höhe zu bringen, bevor die Tests mit dem Hyperschallgleitflugkörper wieder aufgenommen werden können. Der Flug der Höhenforschungsrakete ist nicht vor 2027 geplant, wodurch sich die Tests im Hyperschallbereich wahrscheinlich bis in die späten 2020er Jahre und der endgültige Einsatz bis weit in die 2030er Jahre hinein verzögern werden.

Kostengünstige Waffensysteme großer Reichweite

Darüber hinaus arbeitet Frankreich an drei separaten Programmen für Waffensysteme großer Reichweite, deren Schwerpunkt auf der Schaffung erschwinglicher Massenproduktion liegt.

Das erste ist der MBDA One-Way Effector (OWE), eine strahlgetriebene Langstrecken-Angriffsdrohne mit einer Reichweite von 500 Kilometern und einem 40-Kilogramm-Sprengkopf. Die französische Rüstungsagentur (DGA) erteilte im Dezember 2025 einen bestätigten Entwicklungs- und Produktionsauftrag, wobei die ersten Lieferungen an die französischen Streitkräfte für Mitte 2027 geplant sind. MBDA gibt an, durch Partnerschaften mit Herstellern aus der Automobilindustrie eine Produktionskapazität von bis zu 1.000 Einheiten pro Monat erreichen zu können. Die ursprünglich vertraglich vereinbarte Stückzahl wurde nicht bekannt gegeben, dürfte sich jedoch auf mehrere Hundert Flugkörper belaufen.

Das zweite ist der Crossbow von MBDA, ein schwererer Einweg-Effektor, der einen 300-Kilogramm-Sprengkopf über eine Reichweite von 800 Kilometern trägt und Ähnlichkeiten mit den Mini-Marschflugkörper-Designs aufweist, die in der Ukraine populär wurden und von mehreren anderen Herstellern verfolgt werden. Ein Produktionsauftrag wurde noch nicht bestätigt.

Das dritte ist Chorus, entwickelt von Turgis & Gaillard in Zusammenarbeit mit dem Automobilhersteller Renault, das ein Waffensystem großer Reichweite vorsieht, das einen 500-Kilogramm-Sprengkopf über 3.000 Kilometer mit einer Geschwindigkeit von etwa 400 Kilometern pro Stunde transportiert. Das System wird gemeinhin als Drohne bezeichnet, scheint jedoch mehr Ähnlichkeiten mit einem kostengünstigen schweren Marschflugkörper-Design zu haben, ähnlich dem ukrainischen FP-5 Flamingo. Die DGA hat einen Validierungsauftrag im Wert von 35 Millionen Euro vergeben, wobei bis zum Sommer 2026 etwa zehn Systeme zur Bewertung geliefert werden sollen. Bei erfolgreichem Verlauf der Tests könnte ein zehnjähriger Rahmenvertrag im Wert von etwa einer Milliarde Euro folgen.

Frankreich ist zudem Unterzeichner der im Februar 2026 von sechs europäischen Nationen unterzeichneten Absichtserklärung OWE 500+ im Rahmen des European Long-Range Strike Approach (ELSA), die einen gemeinsam entwickelten Einweg-Effektor mit einer Reichweite von über 500 Kilometern und Kosten von unter 100.000 Euro vorsieht. Das Programm befindet sich in der Machbarkeitsphase und hat noch nicht zu einem Entwicklungsvertrag geführt. Die OWE von MBDA könnte als industrielle Grundlage für eine multilaterale europäische Initiative in diesem Bereich dienen, wobei jedoch noch abzuwarten bleibt, ob sich das ELSA-Programm auf dieses oder ein anderes Design festlegen wird.

Ausblick und Herausforderungen

Frankreichs Portfolio an Waffensystemen großer Reichweite ist auf dem Papier das ehrgeizigste in Europa. Frankreich entwickelt in allen Klassen mehr unterschiedliche Waffensysteme großer Reichweite als jeder andere europäische Staat.

Die einschränkenden Faktoren werden die finanziellen Kapazitäten und die industrielle Bandbreite sein. MBDA und ArianeGroup führen gleichzeitig Entwicklungsprogramme in fast allen oben genannten Kategorien konventioneller Langstrecken-Angriffssysteme durch, während sie gleichzeitig bestehende Systeme instand halten und Verpflichtungen zur Modernisierung der Nuklearwaffen erfüllen – ASMPA-R, ASN4G und M51.4 –, was erhebliche technische Kapazitäten beansprucht.

Auch Zeitplanrisiken sind offensichtlich. Mehrere Programme sind bereits im Verzug, und aufgrund von sequenziellen Abhängigkeiten könnte sich eine Verzögerung in einem Programm auf die anderen auswirken. Die FLP-T-Fähigkeitslücke – das Zeitfenster zwischen der Außerdienststellung der aktuellen MLRS-Raketenwerfer und der Auslieferung der FLP-T-Systeme – ist ein bestätigtes kurzfristiges Problem, für das es keine vollständig geklärte Lösung gibt. Allgemeiner betrachtet ist, wie im übrigen Europa, eine umfassendere französische Aufrüstung im Flugkörperbereich nicht vor Mitte der 2030er Jahre zu erwarten, wodurch das Zeitfenster Ende der 2020er Jahre, das mehrere europäische Geheimdienste- und Streitkräftevertrerter als potenziell gefährlichsten Zeitraum identifiziert haben, unberücksichtigt bleibt.

Allerdings sind die französischen Bemühungen teilweise entschlossener als die anderen europäischen Staaten. Dies gilt insbesondere für kostengünstigere Fähigkeiten, bei denen Frankreich feste Entwicklungs- und Beschaffungsverträge abgeschlossen hat – wenn auch nur in begrenzten Stückzahlen und zu Proof-of-Concept-Zwecken –, während andere europäische Staaten in der Planungsphase stecken bleiben. Wenn Frankreich seinen Kurs beibehält und diese Programme diszipliniert vorantreibt, könnte es sich in diesem Fähigkeitsbereich als Europas führende Kraft herausstellen.

Autor: Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 19. April 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.