Deep Precision Strike (Präzisionsschlag in der Tiefe) ist Bestandteil von Deep Operations (Operationen in der Tiefe) und beschreibt die Fähigkeit, ausgewählte feindliche Ziele aus großer Entfernung mit Flugkörpern punktgenau bekämpfen zu können. Aktuell ist diese Fähigkeit nur mittels luftgestützter Wirkmittel in der Luftwaffe vorhanden. Nach Aussage des Inspekteurs des Deutschen Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, wird sich dies in Kürze ändern.
„Zur indirekten Wirkung zählt auch der Kampf in der Tiefe. Hier werden wir – Entscheidung getroffen! – als Heer künftig auch über Low Cost Cruise Missiles verfügen. Zwei marktverfügbare Systeme stehen hier derzeit im Fokus. Beide müssen für die Bundeswehr allerdings noch qualifiziert werden“, erklärte Freuding im Rahmen seiner Keynote anlässlich des parlamentarischen Abends des Förderkreises Deutsches Heer e. V. am 7. Oktober laut geleaktem Redetext. „Ein erster Zulauf ab 2027 ist damit grundsätzlich möglich, und wir wollen das auch erreichen, denn der operative Mehrwert – Reichweite und Masse – ist beträchtlich: Wir werden damit Ziele in einer Tiefe von etwa 1.500 Kilometern massiert bekämpfen, gegnerische Flugabwehrsysteme übersättigen können“, heißt es im Text des Heeresinspekteurs weiter.
Auch wenn Freuding weder Hersteller noch Produktbezeichnung der beiden möglichen Kandidaten genannt hat, die aktuell im Rahmen des Vorhabens Low Cost Cruise Missiles (LCCM; auf Deutsch: kostengünstige Marschflugkörper) betrachtet werden, soll es sich dabei laut gut unterrichteten Kreisen um die Wirkmittel „Anthem“ und eine Variante des „Bars“ handeln.
Anthem ist ein vor Kurzem vorgestelltes System des Unternehmens Covenant mit Niederlassungen in Israel, den USA und Deutschland, das zukünftig in Leipzig gefertigt werden könnte, wie hartpunkt berichtete. Beim Bars-Flugkörper handelt es sich hingegen um einen Vertreter einer im Ukrainekrieg bewährten Flugkörperfamilie eines ukrainischen Herstellers, die zukünftig in Kooperation mit einem deutschen Partner ebenfalls in Deutschland gefertigt werden soll. Dazu wurde bereits im Juli am Rande des NATO-Gipfels in Ankara eine entsprechende Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Ukraine unterzeichnet.
Weder der Hersteller des Bars noch der des Anthem hat bislang genaue Spezifikationen der Flugkörper bekanntgegeben. Covenant gibt jedoch an, dass der Stückpreis des Anthem im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich liegen soll. Beim Bars soll es Medienberichten zufolge unterschiedliche Varianten des Flugkörpers geben, die dem Vernehmen nach Gefechtsköpfe mit einem Gewicht von 22, 60 bzw. 105 Kilogramm tragen sollen. Welche Konfiguration für das Deutsche Heer infrage kommt, ist aktuell nicht bekannt. Die Aussage von Freuding deutet jedoch darauf hin, dass mindestens einer der beiden Flugkörper eine Reichweite von rund 1.500 km haben könnte. Es ist jedoch nicht bekannt, ob beide Systeme in die gleiche Leistungskategorie von LCCM eingeordnet werden können.
Heer greift auch nach dem Tomahawk
Mit den kostengünstigen Marschflugkörpern soll es nach Ansicht des Deutschen Heeres nicht enden, wenn es um Deep Precision Strike geht. Nach Ausführungen des Heeresinspekteurs können sich die LCCM und klassische Marschflugkörper gut ergänzen, indem die LCCM beispielsweise massiert zur Sättigung gegen feindliche Luftverteidigungssysteme eingesetzt werden und die hochwertigeren Marschflugkörper gegen Ziele von strategischer Bedeutung. „Daher halten wir aus der operationellen Perspektive der Landstreitkräfte Typhon und Tomahawk auch bei uns im Heer für richtig verortet. Vor allem, weil das System seinen höchsten Einsatzwert eben im synchronisierten Einsatz mit den Low Cost Cruise Missiles entfaltet. Und weil wir im Ringen um Geschwindigkeit gut beraten sind, aus einer Hand zu führen und zu wirken“, argumentierte Freuding laut Text.
Ob diese Ansicht auch auf Zustimmung des Verteidigungsministeriums trifft, dem die zukünftige Feinstruktur der Bundeswehr aktuell zur Billigung vorliegt, ist aktuell nicht bekannt. Neben dem Heer hat auch die Luftwaffe Interesse an den Tomahawk-Systemen bekundet.
Bei Tomahawk handelt es sich um einen vom US-Hersteller Raytheon gefertigten, leistungsfähigen Marschflugkörper mit einer Reichweite von rund 2.000 km. In der Boden-Boden-Variante werden die Flugkörper mittels Typhon-Startgeräten transportiert und verschossen. Vier Startgeräte sowie ein Führungsfahrzeug bilden eine Batterie. Medienberichten zufolge beabsichtigt die Bundeswehr, im Gesamtwert von etwa 3,4 Milliarden Euro insgesamt drei Typhon-Batterien sowie rund 400 Tomahawk-Marschflugkörper der modernsten Version Block Vb (inklusive Multi-Effekt-Gefechtskopf) über ein Regierungsgeschäft mit den USA zu beschaffen. Der Zulauf der Systeme dürfte jedoch nicht vor Beginn der 2030er Jahre erfolgen.
Parallel zur Tomahawk-Beschaffung plant die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen eines Abkommens mit Großbritannien die gemeinsame Entwicklung einer Familie zukünftiger Stealth-Marschflugkörper und Hyperschallwaffen mit einer Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern. Diese sollen voraussichtlich in den 2030er-Jahren in Dienst gestellt werden. Sollte das Heer tatsächlich die Kontrolle über die Tomahawk-Systeme erhalten, könnten womöglich auch die gemeinsam mit Großbritannien entwickelten Waffen – zumindest in der Boden-Boden-Variante – in das Arsenal des Deutschen Heeres aufgenommen werden.
Waldemar Geiger
















