Abstandsaktive Schutzsysteme (APS) gelten als ein Schlüssel, um die Überlebensfähigkeit von Gefechtsfahrzeugen auf dem modernen Gefechtsfeld zu erhöhen, noch bevor eine Bedrohung auf den passiven Panzerschutz der Fahrzeuge einwirken kann. Technisch muss man APS in zwei Kategorien unterscheiden: Softkill-APS wirken dadurch, dass sie die Sensorik der anfliegenden Bedrohung mittels elektromagnetischer Störsignale, Nebels oder Blendlasers so beeinflussen, dass die Treffergenauigkeit der Bedrohung minimiert wird. Hardkill-Systeme bekämpfen die Bedrohung hingegen durch direktes Einwirken mittels Projektilen oder einer Druckwelle (Blast). Gegenstand dieses Beitrages ist der Fokus auf die Überlegungen der Bundeswehr im Bereich abstandsaktiver Hardkill-Schutzsysteme.
Ursprünglich zur Abwehr anfliegender Panzerabwehrraketen und -lenkflugkörper entwickelt, sollen moderne Hardkill-Systeme zum Schutz der Panzer vor angreifenden Drohnen beitragen, selbst die Abwehr anfliegender hochentwickelter Wuchtgeschosse (KE-Penetrator) soll damit möglich sein.
Die Funktionsweise von abstandsaktiven Hardkill-Schutzsystemen ist im Grundprinzip immer gleich: Eine anfliegende Bedrohung wird durch einen Sensor oder Sensorverbund erkannt und klassifiziert, verfolgt und bewertet. Dadurch wird die Flugbahn der anfliegenden Bedrohung berechnet und diese im Anschluss mittels einer Wirkladung unmittelbar am Fahrzeug oder im Nahbereich neutralisiert bzw. so abgelenkt, dass der Schaden am Fahrzeug minimiert wird. Da dieser ganze Prozess innerhalb von Millisekunden erfolgen muss, läuft er autonom ab. Der Soldat entscheidet lediglich, ob er das System ein- oder ausschaltet.
Obwohl es seit Jahrzehnten auf dem Markt ist und obwohl die Bundeswehr die Entwicklung von Hardkill-Schutztechnologie ebenfalls seit über einer Dekade finanziert hat, ist ein solches Schutzsystem erst vor rund einem Jahr offiziell in die Truppe eingeführt worden.
Damals hat die Panzertruppe den ersten von 17 modernisierten Kampfpanzern des Typs Leopard 2 A7A1 erhalten. Grund für das Zögern der Bundeswehr bei der Einführung von APS waren dem Vernehmen nach sicherheitstechnische Bedenken. Denn der Wirkungsbereich der Gegenmaßnahme eines Hardkill-APS selbst stellt einen Gefahrenbereich für Mensch und Material dar. So kann im Fall einer anfliegenden Panzerabwehrrakete sicherlich argumentiert werden, dass der Einschlag der Rakete in das Fahrzeug sowohl für die Besatzung als auch die unmittelbare Umgebung eine größere Gefahr darstellt als die Wirkung der Gegenmaßnahme. Anders sieht die Sache hingegen in dem Fall aus, in dem das APS auslöst, obwohl keine Gefahr für die Besatzung besteht – egal ob Fehlfunktion des APS oder Vorbeischuss das anfliegenden Wirkmittels. In einem solchen Fall würde die Gegenmaßnahme selbst eine Gefahrenquelle für die Umgebung des Fahrzeuges erzeugen, obwohl eigentlich keine Gefahr vorhanden war. Die Sensorik und Feuerleitung des APS müssen daher außerordentlich genau arbeiten, und die Fehlerrate des Systems muss extrem gering sein.
Hardkill-APS müssen Bedrohungen daher sicher erkennen und die Gegenmaßnahme zuverlässig auslösen. Fehlauslösungen dürfen nicht vorkommen. Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Reife dieser Technologie war erst Ende der 2010er Jahre vorhanden.
Kampfpanzer Leopard 2
Wie bereits angesprochen, hat die deutsche Panzertruppe aber erst 2025 den ersten modernisierten Kampfpanzer des Typs Leopard 2 A7A1 erhalten. Wesentliches Element der Modernisierungsmaßnahme war die Integration des vom israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defense Systems entwickelten abstandsaktiven Schutzsystems Trophy. Zudem werden die zulaufenden 123 Kampfpanzer des Typs Leopard 2 A8 mit dem APS Trophy ausgestattet. 123 Fahrzeuge davon sind bereits bestellt und sollen bis 2030 ausgeliefert werden; 75 weitere Leopard 2 A8 sollen in Kürze beschafft werden.

Das APS Trophy ist einsatzerprobt und soll eine hervorragende Abfangquote gegen Panzerabwehrraketen und Panzerabwehrlenkflugkörper aufweisen. Für die Bundeswehr wird das System über die EuroTrophy GmbH, ein Gemeinschaftsunternehmen von KNDS Deutschland, General Dynamics European Land Systems und Rafael Advanced Defense Systems, beschafft.
Trophy besteht im Wesentlichen aus vier Komponenten: Flache AESA-Radarsensoren erfassen das Gefechtsfeld rund um den Panzer und stellen anfliegende Objekte dar. Die Auswerte- und Feuerleitelektronik klassifiziert die Objekte und bewertet, ob diese eine Bedrohung für den Panzer darstellen. Falls ja, werden die Wirkmittelwerfer auf das Ziel ausgerichtet und eine projektilbildende Ladung (Multiple Explosively Formed Projectile, MEFP) als Gegenmaßnahme abgefeuert, die die Bedrohung in optimaler Entfernung so neutralisiert, dass am eigenen Fahrzeug kein wesentlicher Schaden entsteht. Die vierte Komponente ist die Energieversorgung im dafür angepassten Panzerfahrgestell.
Auf der Eurosatory 2026 in Paris hat das Unternehmen eine Konfigurationsoption des APS gezeigt, die über eine erweiterte Drohnenabwehrfähigkeit verfügt, wie hartpunkt bereits berichtete.
Trophy-Nutzer haben dem Unternehmen zufolge nun die Option, das APS in der im Einsatz befindlichen Kombination mit WindGuard-Radaren (S-Band) zu beschaffen oder mit den etwas kleineren StormGuard-Radaren (X-Band). Beide Radare werden von Israel Aerospace Industries (IAI) gefertigt, wobei das StormGuard-Radar Vorteile bei der Detektion von langsamer fliegenden Zielen (Drohnen) aufweisen soll. In Kombination mit neuen, auf die Abwehr von Drohnen zugeschnittenen Effektoren soll so eine deutlich erweiterte Drohnenabwehrfähigkeit generiert werden. Zudem kann der Sensortrack der Drohne an einen anderen Effektor – beispielsweise eine Waffenstation oder eine Abfangdrohne – übergeben werden.

Nach Aussagen des Herstellers ist diese Datenübergabe eine Kernfähigkeit des Trophy-APS, die bereits seit Jahren einsatzbewährt ist. Mittels Trophy geschützte Kampfpanzer nutzen diese Fähigkeit bereits heute, nur nicht für die Drohnenabwehr, sondern für die Selbstverteidigung. Aktuell werden anfliegende Panzerabwehrflugkörper und -raketen nicht nur erkannt und durch das System bekämpft; Trophy übergibt die ermittelte Schussposition zudem an das Battle Management System, sodass die Hauptwaffe des Panzers in die entsprechende Richtung geschwenkt werden kann und der Schütze das Ziel unmittelbar mittels der Kanone bekämpfen kann.
Kampfpanzer neue Generation
Bei dem sogenannten Kampfpanzer neue Generation, so der bundeswehrinterne Projektname für den Nachfolger des Kampfpanzers Leopard 2, der ab Anfang der 2030er Jahre der Truppe zulaufen soll, sieht die Lage dem Vernehmen nach anders aus. Hier deutet die hartpunkt vorliegende Informationslage darauf hin, dass dieser Kampfpanzertyp wohlmöglich nicht mit dem APS Trophy, sondern mit dem APS Iron Fist des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems ausgestattet werden soll. Hauptgrund für einen wahrscheinlichen Wechsel des APS ist dem Vernehmen nach die Forderungslage, dass der Kampfpanzer neue Generation neben einem hemisphärischen Schutz mit klassischen Panzerabwehrwaffen – inklusive einem Multihit-Angriffsszenario – auch einen Schutz vor dem Beschuss mit Wuchtgeschossen (KE-Penetratoren) bieten soll. Dies soll die Duellfähigkeit des Kampfpanzers neue Generation gegen feindliche Kampfpanzer in allen Operationsarten erhöhen.

Der Entwicklungsstand des Elbit-Systems auf diesem speziellen Gebiet soll besonders weit sein, daher laufen die Überlegungen der deutschen Streitkräfte offenbar in die Richtung des Iron Fist. Elbit Systems hat eigenen Angaben zufolge bereits im September 2025 eine in Europa viel beachtete Live-Fire-Demonstration durchgeführt, bei der die Fähigkeit von Iron Fist zur Abwehr hochentwickelter Wuchtgeschosse (KE-Penetrator) unter Beweis gestellt wurde. Während des Tests fing das System dem Unternehmen zufolge erfolgreich mehr als ein Dutzend 120-mm-KE-APFSDS-Panzerwuchtgeschosse ab – nach Darstellung des Herstellers „eine seltene Leistung im Bereich der abstandsaktiven Hardkill-Schutzsysteme“. Die Veranstaltung, an der hochrangige Vertreter der Streitkräfte und der Verteidigungsindustrie teilnahmen, bestätigte die Wirksamkeit von Iron Fist gegen einige der schwierigsten Panzerabwehrbedrohungen, denen man auf modernen Gefechtsfeldern begegnet.

Dem Vernehmen nach soll diese Demonstration an der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTD 91) in Meppen erfolgt sein. Medienberichte aus dem Frühjahr 2026 deuten zudem darauf hin, dass Elbit die Bereitschaft für einen Technologietransfer samt Aufbau einer Iron-Fist-Produktion in Deutschland erklärt hat.
Bei Iron Fist handelt es sich um ein fortschrittliches abstandsaktives Hardkill-Schutzsystem mit einem 360-Grad-Wirkradius, welches sich Herstellerangaben zufolge durch „hohe Leistung bei geringem Volumen, Gewicht und Energiebedarf“ auszeichnet.
Das System bietet nach Angaben von Elbit gepanzerten Plattformen sowohl in offenem Gelände als auch in komplexen städtischen Umgebungen Schutz vor einer Vielzahl von Bedrohungen wie Panzerabwehrraketen, Panzerabwehrlenkflugkörpern, KE-Wuchtgeschossen sowie Drohnen- und Loitering-Munition.
Für die Detektion nutzt das Schutzsystem vier am Fahrzeug verteilte Sensorpakete mit jeweils zwei Sensoren, mit denen die Umgebung permanent auf anfliegende Bedrohungen abgetastet wird. Radar und passive Infrarot-Sensoren gewährleisten Elbit zufolge eine Rundum-Aufklärung. Anfliegende Geschossköpfe werden in Bruchteilen einer Sekunde erfasst, einer der zwei zweirohrigen Werfer mit der 100-mm-Abwehrladung entsprechend ausgerichtet und die Flugbahn der Wirkladung zur Abwehr berechnet. Ist dies erfolgt, wird die Abwehrladung abgefeuert und detoniert in der Nähe der Bedrohung, die mittels der Splitterwirkung oder der Druckwelle unschädlich gemacht oder zumindest entscheidend abgelenkt wird, sodass die Panzerung nicht mehr durchschlagen werden kann. Die Wirkentfernung der Wirkladung soll bei 10 bis 20 m liegen.
Radpanzer
Neben dem Leopard 2 sowie dem Kampfpanzer neue Generation gibt es gut unterrichteten Kreisen zufolge auch Überlegungen der Bundeswehr, ausgewählte Radpanzervarianten der deutschen Streitkräfte mit abstandsaktiven Hardkill-Schutzsystemen auszurüsten. Wie es heißt, soll die Forderungslage für diese Fahrzeuge keinen Schutz vor Wuchtgeschossen enthalten, sodass beide im Beitrag bereits angesprochenen APS als mögliche Kandidaten in Frage kommen.

Darüber hinaus wird aber offenbar auch über die Realisierung dieses Vorhabens mittels einer rein nationalen APS-Lösung nachgedacht. Wie eingangs bereits erwähnt, hat die Bundeswehr bereits erhebliche Mittel in die Entwicklung von Hardkill-APS-Lösungen deutscher Hersteller investiert.
Beobachter gehen davon aus, dass über die Jahrzehnte hinweg eine beträchtliche dreistellige Millionensumme durch die deutschen Streitkräfte bereitgestellt wurde. Konkret handelt es sich dabei um das von der IBD Deisenroth Engineering GmbH entwickelte, boxenbasierte Active Defense System (ADS) sowie das werferbasierte AVePS (Active Vehicle Protection System) von Diehl Defence. Nachdem Rheinmetall IBD Deisenroth im Sommer 2019 übernommen hat, wird das ADS seitdem unter der Bezeichnung StrikeShield weiterentwickelt und vermarktet.
Wie einem publizierten Fachbeitrag des BAAINBw aus dem Jahr 2021 zu entnehmen ist, hat die Bundeswehr F&T-Untersuchungen zu modularen Hardkill-Schutzsystemen durchgeführt. Dabei wurde unter anderem betrachtet, „ob verschiedenartige abstandsaktive Schutzsysteme, z. B. Werfer- und Boxensysteme, eine gemeinsame Systemarchitektur nutzen können und die Möglichkeit des Schutzaufbaus eines Fahrzeuges je nach Bedrohungslage modular angepasst werden kann“. Dem Vernehmen nach wurde in der Studie untersucht, wie ADS bzw. StrikeShield und AVePS so kombiniert werden können, dass sich die Stärken beider Systeme ergänzen. Konkret wurde dabei offenbar das StrikeShield-System um den Werfer von Diehl ergänzt. Ein solches System kann Bedrohungen je nach Art der Bedrohung oder taktischer Lage sowohl im Nahbereich (Werfer) als auch im absoluten Nächstbereich (StrikeShield) abwehren. Selbst die Abwehr von KE-Penetratoren soll mit einem solchen System umsetzbar sein.

Gut unterrichteten Kreisen zufolge wurde der Entwicklungsstrang dieses nationalen APS auch im Rahmen des nationalen Entwicklungsanteils des deutsch-französischen Vorhabens Main Ground Combat System weiterverfolgt. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse könnten im Rahmen eines Radpanzer-APS-Vorhabens erste Früchte tragen.
Wie genau diese „nationale“ APS-Lösung aussieht, ist öffentlich nicht bekannt, gleichwohl haben sowohl Rheinmetall als auch Diehl Defence in der Vergangenheit ausgiebig Angaben zu StrikeShield und AVePS gemacht. Aus diesen Angaben sowie den publizierten Aussagen des BAAINBw lässt sich ableiten, dass es sich bei der nationalen APS-Lösung vereinfacht gesagt um das StrikeShield, ergänzt um den Diehl-Werfer, handeln könnte.

Bei StrikeShield handelt es sich um die dritte und aktuellste Generation der Rheinmetall-Active-Defence-System-(ADS)-Technologie, die passiven und aktiven Schutz in einem hybriden Schutzmodul kombiniert. Sensoren (Radar und ein elektro-optischer Sensor) und Effektoren sind ebenfalls in dem Schutzmodul integriert. Die Aufgabe des Radarsensors besteht in der dauerhaften Überwachung der Umgebung. Ist eine Bedrohung erkannt, wird der elektro-optische Sensor aktiviert, mit dem die Lage der anfliegenden Bedrohung verifiziert und die Wirkung der Gegenmaßnahme (splitterfreie Druckwelle) exakt ausgerichtet wird. Die Reaktionszeiten werden herstellerseitig mit unter einer Millisekunde für die Sensor-/Auswertekombination angegeben, was eine zuverlässige Erkennung der Bedrohung auf kurze Distanz (unter zehn Metern) erlauben soll.
Die boxenbasierte Bauweise ermöglicht es, die Schutzmodule über das ganze Fahrzeug verteilt zu platzieren. Rheinmetall gibt niedrige Emissionen im elektromagnetischen Spektrum sowie schnelle, sichere und verlässliche Reaktionsgeschwindigkeit bei Hinterhalts- oder Multi-Hit-Szenarien als kennzeichnende Merkmale des Systems an.
Wie bereits erwähnt, wird das System um den aus dem AVePS bekannten Werfer ergänzt. Das APS kann somit nach Detektion und Bestimmung der Bedrohung die Auswahl treffen, ob die Bedrohung mittels eines StrikeShield-Moduls oder des Diehl-Werfers neutralisiert werden soll. Der Werfer dürfte insbesondere bei der Abwehr von Top-Attack-Bedrohungen Stärken aufweisen. Das Wirkprinzip ist vergleichbar mit dem von Iron Fist. Der rückstoßfreie Werfer wird dazu in Richtung der Bedrohung gerichtet und eine splitterfreie 100-mm-Granate verschossen. Diese detoniert idealerweise in Höhe der anfliegenden Bedrohung und zerstört diese mittels einer Druckwelle der Explosion. Das Diehl-System wirkt dem Vernehmen nach in einem Abstand von 10 bis 25 Metern vom Fahrzeug.
Zusammenfassung
Sollten die Überlegungen der Bundeswehr tatsächlich so wie beschrieben zeitnah realisiert werden, gehen Beobachter davon aus, dass die Truppe ab Anfang der 2030er Jahre über eine signifikante Flotte an Gefechtsfahrzeugen – Leopard 2, Kampfpanzer neue Generation sowie unterschiedliche Radpanzer – verfügen könnte, die über abstandsaktive Hardkill-Schutzsysteme verfügen.
Waldemar Geiger
















