Die polnischen Streitkräfte führen die Anpassung ihrer Landstreitkräfte auf Basis der Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine fort. Im Rahmen des seit knapp einem Jahr laufenden Pilotprojekts „Modell 44” erproben zwei mechanisierte Bataillone eine neue Organisationsstruktur. Dabei wird eine von vier herkömmlichen Kampfkompanien durch eine Kompanie für unbemannte Systeme ersetzt.
Nach Angaben der polnischen Streitkräfte soll das Pilotprojekt bereits im Herbst zertifiziert werden. Die bisherigen Ergebnisse werden offenbar so positiv bewertet, dass das Konzept bereits als Zielstruktur in das polnische Streitkräfteentwicklungsprogramm für den Zeitraum 2025 bis 2039 aufgenommen wurde.
Das Pilotvorhaben wird innerhalb der 12. sowie der 17. mechanisierten Brigade durchgeführt. Hintergrund sind umfangreiche Auswertungen des Krieges in der Ukraine sowie mehrjährige Analysen des polnischen Generalstabs. Diese hätten gezeigt, dass konventionell gegliederte Bataillone auf dem modernen Gefechtsfeld nur eingeschränkt handlungsfähig sind.
Die sichtbarste Änderung besteht darin, dass anstelle einer der vier Kampfkompanien eine Kompanie für unbemannte Systeme aufgestellt und integriert wurde. Dadurch sinkt die Zahl der Schützenpanzer bzw. Radschützenpanzer in den erprobenden Bataillonen von 58 auf 44 Fahrzeuge. Von dieser Zahl leitet sich auch die Bezeichnung „Modell 44” ab. Gleichzeitig erhalten die Verbände durch Aufklärungs- und FPV-Drohnen sowie durch Loitering Munition und Systeme zur Drohnenabwehr zusätzliche Fähigkeiten. Das Ziel besteht nicht darin, klassische Gefechtsfahrzeuge zu ersetzen, sondern sie durch unbemannte Systeme zu ergänzen.
Laut Aussagen von Brigadegeneral Grzegorz Potrzuski, dem Leiter der Planungs- und Entwicklungsabteilung (P5) im polnischen Generalstab, die in polnischen Medien wiedergegeben wurden, soll ein Kampftruppenbataillon in der neuen Struktur künftig in der Lage sein, Ziele in einer Entfernung von bis zu 30 Kilometern selbstständig aufzuklären, zu identifizieren und zu bekämpfen. Damit würde sich die Reichweite der eigenen Sensor- und Wirkmittel gegenüber der bisherigen Struktur um das Zweieinhalbfache erhöhen. Gleichzeitig sollen Entscheidungsprozesse beschleunigt und die Eigenständigkeit der Bataillonsführung deutlich verbessert werden.
Bis zum Herbst läuft die praktische Erprobung weiter. Im November sollen die beiden Pilotverbände eine Zertifizierung absolvieren, die Aufschluss darüber geben soll, ob sich die neue Organisationsform auch unter realistischen Einsatzbedingungen bewährt. Parallel dazu untersucht der Generalstab bereits, in welcher Reihenfolge weitere Bataillone auf die neue Struktur umgestellt werden können.
Die Einführung spezialisierter Drohnenkompanien ist Teil einer umfassenden Transformation der polnischen Streitkräfte. Das Ziel besteht darin, unbemannte Systeme und Fähigkeiten zur Drohnenabwehr künftig in allen Teilstreitkräften zu verankern. Zu diesem Zweck wurde bereits Anfang 2025 innerhalb des Generalkommandos eine eigene Inspektion für unbemannte Waffensysteme aufgestellt.
Parallel dazu schließt das Verteidigungsministerium fortlaufend Verträge mit der nationalen Industrie über die Beschaffung neuer Drohnen- und Drohnenabwehrsysteme ab. Darüber hinaus setzt Polen auf eine engere Zusammenarbeit mit Start-ups sowie auf neue Fertigungsmethoden wie den militärischen 3D-Druck.
Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Ausbildung von Drohnenbedienern zu. Laut dem polnischen Verteidigungsministerium sollen erfahrene Drohnenbediener mit Kampferfahrung aus der Ukraine künftig an der Ausbildung polnischer Soldaten mitwirken. Damit reagiert Polen auf die Erkenntnis, dass moderne Drohnenverbände nicht allein durch die Beschaffung neuer Systeme entstehen, sondern vor allem durch qualifiziertes Personal, das Aufklärung, Zielzuweisung und Wirkung im Verbund mit klassischer Gefechtsführung beherrscht.
Vor diesem Hintergrund erscheint das Modell 44 weniger als isoliertes Organisationsprojekt denn als erster praktischer Schritt hin zu einer neuen Gefechtsführung. Während Panzerfahrzeuge und mechanisierte Infanterie weiterhin den Kern der Gefechtsverbände bilden, sollen unbemannte Systeme künftig als integraler Bestandteil der Bataillonsstruktur wirken. Polen gehört damit zu den ersten NATO-Staaten, die die Lehren aus dem Ukrainekrieg nicht nur in neue Beschaffungsprogramme, sondern auch unmittelbar in die Organisation ihrer Kampfverbände sowie in den systematischen Aufbau einer eigenen Drohnenausbildung überführen.
Kristóf Nagy


















