So sehr man auch über die Umsetzbarkeit der zwischen Frankreich und der Ukraine vereinbarten Lizenzproduktion des SCALP-EG-Marschflugkörpers diskutieren mag, so zeigt die Vereinbarung doch deutlich, dass Flamingo, Bars & Co. kein gleichwertiger Ersatz für hochentwickelte Waffensysteme wie den Tomahawk, Taurus oder SCALP-EG sind.
Ohne die Leistungsfähigkeit der Ukraine oder der angesprochenen Waffensysteme in irgendeiner Weise schmälern zu wollen, zeigt die Absicht der Ukraine, „hochentwickelte“ Waffensysteme wie den SCALP-EG bzw. Storm Shadow, wie das Waffensystem in Großbritannien bezeichnet wird, im eigenen Land fertigen zu wollen, dass die prominent gewordenen „Low Cost“-Wirkmittel wie Einweg-Kampfdrohnen oder kostengünstige Marschflugkörper kein vollwertiger Ersatz für Hochleistungswaffensysteme sind. Das hochentwickelt muss man dabei bewusst in Anführungszeichen schreiben, da die SCALP-EG vor fast 30 Jahren entwickelt wurde.
Das Interesse an der Waffe zeigt somit auch, dass die derzeit sehr stark gehypten Technologien es nicht gänzlich mit der Leistung von Waffensystemen aufnehmen können, die vor 30 Jahren entwickelt wurden. Um es nochmal klar zu machen: Das schmälert in keiner Weise die Fähigkeit ukrainischer Ingenieure oder Waffensysteme. Es zeigt aber, dass gewisse Gesetzmäßigkeiten auch in der Ukraine nicht außer Kraft gesetzt werden können. Für bestimmte Zielkategorien braucht es eine Leistungsfähigkeit, für die günstige Wirkmittel scheinbar nicht die effektivste und vielleicht sogar effizienteste Lösung sind.
Reichweite oder Nutzlast in Verbindung mit Kosten sind offensichtlich nicht die einzigen wichtigen Faktoren für die Bewertung der Leistungsfähigkeit von Waffensystemen. Die Fähigkeit, eine komplexe Wirkung präzise und zuverlässig erzielen zu können – selbst gegen stark verteidigte sowie gehärtete oder verbunkerte Ziele – ist ebenso wichtig.
Der Umstand, dass Russland trotz der Fähigkeit, monatlich Tausende Langstrecken-Einwegdrohnen ins Feld führen zu können, große Anstrengungen für den Ausbau von Produktionskapazitäten für Marschflugkörper und ballistische Raketen unternommen hat, war eigentlich Hinweis genug, dass die drei Waffensystemfamilien komplementäre und nicht konkurrierende Wirkmittelgattungen darstellen. Der Umstand, dass die Ukraine nun offenbar Ressourcen im Rahmen der Lizenzfertigung des SCALP-EG-Marschflugkörpers binden möchte, anstatt „all-in“ in die Drohnenfertigung und Flamingo-Produktion zu gehen, dürfte nun der abschließende Beleg für diese These sein.
Kostengünstige Wirkmittel großer Reichweite sind gekommen, um zu bleiben. Viele der Ziele, die vor wenigen Jahren noch mittels komplexer und teurer Waffensysteme bekämpft werden mussten, werden zukünftig mit günstigeren Alternativen angegriffen. Dennoch bleibt ein ausreichend großes Spektrum an Zielen, denen mit günstigen Wirkmitteln nicht beizukommen sein wird; für solche Fälle werden auch weiterhin „klassische“ Deep-Strike-Waffensysteme benötigt.
En passant sendet die SCALP-EG-Lizenzvereinbarung der Ukraine mit Frankreich auch eine unmissverständliche Botschaft nach Deutschland, die im politischen Berlin nicht gerne gehört wird. Der Bedarf an Taurus-Marschflugkörpern in der Ukraine ist heute nicht geringer als zum Höhepunkt der Taurus-Debatte.
Waldemar Geiger


















