Die britische Regierung hat am Dienstag, den 30. Juni 2026, ihren Investitionsplan für Verteidigung (Defence Investment Plan, DIP) veröffentlicht. Das Dokument soll Haushaltszahlen sowie eine detaillierte Erläuterung der Strategischen Übersicht für Verteidigung (Strategic Defence Review, SDR) bereitstellen, die am 2. Juni 2025 veröffentlicht wurde. Der aktuelle Beitrag bietet einen detaillierten Überblick über die Auswirkungen des DIP auf die Royal Navy und gibt einen Ausblick auf die angestrebte zukünftige maritime Ausrichtung des Vereinigten Königreichs.
Der DIP erscheint fast ein Jahr nach der ursprünglichen Veröffentlichung der SDR. Dies ist für sich genommen bereits ein äußerst ungewöhnliches Ereignis, da die übliche Motivation hinter dem DIP darin besteht, die „weißbuchartige“ SDR zu ergänzen und zu präzisieren. So veröffentlichte etwa Australien Anfang dieses Jahres seine eigene Nationale Verteidigungsstrategie 2026 sowie das ergänzende Integrierte Investitionsprogramm genau in dieser Form, hartpunkt berichtete. Die SDR tritt an die Stelle der 2021 von der britischen Regierung unter Boris Johnson veröffentlichten „Integrierten Übersicht“ (Integrated Review). Der ergänzende DIP bildet die Finanzplanung für die kommenden vier Jahre bis zum Haushaltsjahr 2029/2030 ab und umreißt die Beschaffung in den Teilstreitkräften, einschließlich einer detaillierten Liste von Investitionen für relevante Fähigkeiten. Ursprünglich war vorgesehen, dass dieses Dokument im Herbst 2025 veröffentlicht wird.
Politische Unruhe vor der Veröffentlichung des DIP
Die Hauptursache für die Verzögerung bei der Veröffentlichung des DIP waren dramatische Konflikte innerhalb der britischen Regierung darüber, wie die in der SDR 2025 formulierten Verteidigungsziele finanziert werden sollten. Die anschließende Debatte zeigte, dass trotz früherer Zusagen der Starmer-Regierung zentrale Elemente des SDR zusätzliche Finanzmittel erfordern würden. Die ursprünglich in der SDR formulierte Zielsetzung sieht Verteidigungsausgaben in Höhe von 2,5 Prozent des BIP bis 2027 sowie das Ziel vor, „im nächsten Parlament“ 3 Prozent des BIP zu erreichen, was den Zeitraum von 2030 bis 2035 betrifft. Die britische Zeitung „The Times“ berichtete, dass die Finanzierungslücke zur Deckung bestehender Verpflichtungen und der in der SDR festgelegten Ziele bis 2029 insgesamt 28 Milliarden Pfund betrage.
Der daraus resultierende Konflikt innerhalb der britischen Regierung führte am 11. Juni zum Rücktritt von Verteidigungsminister John Healy. Zusammen mit den vorangegangenen politischen Krisen und Skandalen führte dieses Ereignis schließlich zum Sturz der Starmer-Regierung; der Premierminister kündigte am 22. Juni seinen eigenen Rücktritt an. Die regierende Labour Party beabsichtigt nun, vor der Sommerpause einen neuen Premierminister zu ernennen.
„Hybrid Force“ und Drohnen sollen die Royal Navy transformieren
Das Kernmotiv des DIP besteht, im Einklang mit der SDR, in einer radikalen Umgestaltung des britischen Militärs zu einer „hybriden Streitkraft“, bei der „traditionelle“ bemannte Plattformen durch ein äußerst ehrgeiziges System aus Drohnen und optional bemannten Waffensystemen ergänzt werden. Diese Streitkräftestruktur betrifft insbesondere die Royal Navy, welche die britische Regierung zu einer „Hybrid Navy“ umgestalten will, die sich bei Luft-, Überwasser- und Unterwasseroperationen auf autonome Plattformen stützt. Das Kernstück dieses Konzepts ist „Atlantic Bastion“, ein Plan zur Einführung großer Stückzahlen unbemannter Überwasser- und Unterwasserdrohnen, die existierende Fregatten, Flugzeuge und U-Boote ergänzen sollen. Das Hauptziel ist die Gewährleistung einer dauerhaften maritimen Überwachung, Aufklärung und Präsenz im Nordatlantik, mit besonderem Schwerpunkt auf der U-Boot-Abwehr und der Eindämmung russischer Marineaktivitäten.
Im Rahmen von „Atlantic Bastion“ beabsichtigt die Royal Navy, vier völlig neue Typen von Marinedrohnen zu beschaffen: drei Überwasserfahrzeuge und eine Unterwasserdrohne. Dabei handelt es sich um das Type 91 USV als „Flugkörper-Plattform“, das Type 92 USV als „Unterwasser-Sensorplattform“, das Type 93 XLUUV, also eine Unterwasserdrohne, sowie das Type 94 USV als „Radarplattform“. Die Royal Navy plant, diese unbemannten Systeme im koordinierten Verbund mit einem sogenannten Common Combat Vessel (CCV) als Mutterschiff und Netzwerk-Zentrum zu betreiben. Der DIP legt einen Bedarf von sechs dieser bemannten CCVs fest, ohne weitere Spezifikationen zu nennen.
Sowohl das Type 94 USV als auch das CCV sind Ergänzungen im DIP, die in früheren „Hybrid Navy“-Präsentationen britischer Marine-Offizieller nicht enthalten waren. Der Grund für diese Ergänzung ist, dass das DIP offiziell den zukünftigen Flugabwehrzerstörer „Type 83“ aus der Planung streicht. Type 83 ist ein Konzept aus dem Jahr 2023, das die derzeitigen Lenkwaffenzerstörer der Daring-Klasse, oder Type 45, ersetzen sollte. Stattdessen stellt das CCV nun den bemannten Kampfschiffstyp dar, der an die Stelle von Type 83 tritt, sich dabei jedoch auf die verschiedenen USV-Typen zur Aufklärung, Zielerfassung und Bekämpfung von Bedrohungen aus der Luft stützt.
Finanzen und Technologie als Fragezeichen der neuen Streitkräftestruktur
Unmittelbares Problem dieser neuen Struktur und der „Hybrid Navy“ generell besteht darin, dass das Konzept auf noch zu entwickelnden Technologien, derzeit nicht praktizierten operativen Annahmen und einem erheblichen Delta zwischen absehbaren finanziellen Erfordernissen und realer Investitionsplanung beruht. Das DIP sieht Ausgaben für die Drohnenflotte in Höhe von „mindestens“ 1,3 Milliarden Pfund vor, also rund 1,5 Milliarden Euro über vier Jahre. Darüber hinaus sieht das Dokument Ausgaben von 240 Millionen Pfund, etwa 280 Millionen Euro, für „Project Pantheon“ vor – die Entwicklung strahlgetriebener Drohnen, die von den beiden Flugzeugträgern operieren und im Rahmen eines separaten Testvorhabens mit der Bezeichnung „Project Vanquish“ gemeinsam mit der F-35B eingesetzt werden sollen.
Gesamtausgaben von lediglich 1,5 Milliarden Pfund über vier Jahre für die Entwicklung von vier verschiedenen großformatigen Marine-Drohnen sowie zusätzlich einer strahlgetriebenen, trägergestützten Kampfdrohne hat weltweit in keiner anderen Marine ein direktes Vorbild. Um diese Zahlen in Perspektive zu setzen, ist ein Blick auf die USA und Australien hilfreich. Die Vereinigten Staaten haben seit 2019 mindestens 885 Millionen Dollar, etwa 777 Millionen Euro, für die Entwicklung der Boeing Orca, einer großen Unterwasserdrohne, ausgegeben. Zusätzlich führt die U.S. Navy die trägergestützte Luftbetankungsdrohne Boeing MQ-25A ein, deren Entwicklungskosten sich im Rahmen eines ursprünglich 2018 unterzeichneten Vertrags auf mindestens 805 Millionen Dollar bzw. 707 Millionen Euro belaufen. Australien hat seit 2019 rund 900 Millionen australische Dollar (488 Millionen Euro) an Entwicklungskosten für die MQ-28 „Ghost Bat“-Kampfdrohne ausgegeben (hartpunkt berichtete) und plant zusätzlich 1,4 Milliarden australische Dollar (850 Millionen Euro) in die Weiterentwicklung des Designs einschließlich einer Anfangsfähigkeit zu investieren. Canberra hat zudem 140 Millionen australische Dollar (86 Millionen Euro) in das von Anduril entwickelte „Ghost Shark“-UUV investiert. Das amerikanische Unternehmen selbst hat jedoch weitere mindestens 130 Millionen australische Dollar (79 Millionen Euro) aus eigenen Mitteln in das Projekt gesteckt, welches 2022 begann und ab 2027 Serienprodukte mit zusätzlichen Ausgaben von 1,7 Milliarden australischen Dollar (1 Milliarde Euro) an die australische Marine liefern soll.
In diesem Kontext zu bemerken ist, dass sich die Produktionsphase für die „hybride Marine“ und alle damit verbundenen Plattformen über die Jahre 2030 bis 2035 erstreckt, mit zusätzlich erforderlichen Investitionen von bis zu 32 Milliarden Pfund (37 Milliarden Euro). Im Kern schiebt die scheidende Starmer-Regierung den Löwenanteil der erforderlichen Ausgaben für diese transformative Fähigkeit in ein künftiges Parlament nach den nächsten Wahlen 2029. Demzufolge stellen alle entsprechenden Zahlen nicht finanzierte und vollständig theoretische Mittelzuweisungen dar, die kaum zu realisieren sein dürften.
Andere bemerkenswerte Investitionen bis 2030 betreffen 230 Millionen Pfund für autonome Systeme, die mit der Unterwasserkriegsführung und dem Schutz kritischer maritimer Infrastruktur betraut sein sollen. Das DIP sieht außerdem Ausgaben in Höhe von 1,1 Milliarden Pfund (1.3 Milliarden Euro) für autonome Minenjagd-Systeme vor, die London gemeinsam mit Frankreich beschaffen will, sowie weitere 90 Millionen Pfund (105 Millionen Euro) für die Beschaffung einer nicht näher benannten Anzahl von Offshore-Unterstützungsschiffen in Kooperation mit Norwegen, welche die Rolle von Mutterschiffen für den Minenkampf übernehmen sollen.
Vertiefung der Zusammenarbeit mit den Marinen Norwegens und der Niederlande
Die Zusammenarbeit mit europäischen und internationalen Partnern ist ein Schwerpunkt im gesamten maritimen Aspekt des DIP. Die britische Regierung beabsichtigt, den Betrieb einer „kombinierten Flotte“ mit Norwegen, welche insgesamt 13 Type 26 ASW-Fregatten betreiben wird. Die Royal Navy hat acht Type 26 bestellt, und Norwegen kündigte 2025 die Absicht an, fünf dieser Fregatten zu erwerben.
Ein weiterer bedeutender Punkt ist die beabsichtigte Zusammenarbeit mit den Niederlanden bei einer gemeinsamen amphibischen Flotte. Das Vereinigte Königreich plante bisher, bis zu sechs sogenannte Multi-Role Strike Ships (MRSS) zu beschaffen, nachdem die amphibische Flotte aufgrund der vorzeitigen Außerdienststellung bestehender Plattformen über Jahre hinweg verkleinert worden war. Allerdings betrachtet der DIP die MRSS inzwischen als zu komplex und unerschwinglich. Stattdessen erneuert die Planung nun eine gemeinsame Anstrengung mit der niederländischen Marine, welche das Vereinigte Königreich bereits zwischen 2023 und 2024 geprüft und dann verworfen hatte. Es ist zu bemerken, dass der DIP keine genaue bezifferte Finanzierung für diesen neuen Plan enthält.
Neben den oben dargelegten erheblichen Veränderungen bekräftigt der DIP die Absicht, die bestehenden Beschaffungen der Fregatten der Typen 26 (ASW) und 31 (Mehrzweckfregatte) fortzusetzen. Die zukünftige „Type 32“-Fregatte wird hingegen aus den Planungen gestrichen und durch Elemente der „Hybrid Navy“ ersetzt, ähnlich wie beim Type 83. Da dieses Vorhaben bisher nur vage umrissen war, ist die Änderung allerdings zumindest mittelfristig von eher geringer Bedeutung. Der DIP bekräftigt die Absicht, die in der Beschaffung befindlichen „Fleet Solid Support Ship“ (FSS) genannten Versorgungsschiffe weiterzuverfolgen. Allerdings wird die Zahl der Versorger anders als zuvor nicht genau benannt. Ursprünglich hatte die Royal Navy die Absicht, drei dieser Flottenversorger in Ergänzung der Flottentanker der „Tide“-Klasse zu beschaffen.
Nukleare Abschreckung und AUKUS als größte Gewinner
Ein Großteil der Finanzierung im maritimen Bereich fließt in das sogenannte Defence Nuclear Enterprise (DNE), also die militärische Atomindustrie. Das DNE umfasst die Beschaffung der neuen nuklear bewaffneten U-Boote der Dreadnought-Klasse, die Entwicklung und den Bau der zukünftigen „SSN AUKUS“-Angriffs-U-Boote in Zusammenarbeit mit Australien im Rahmen des trilateralen AUKUS-Abkommens sowie umfassendere Infrastrukturmaßnahmen zur Unterstützung der nuklearen Abschreckung auf See. Die Gesamtausgaben belaufen sich bis 2030 auf 63,3 Milliarden Pfund bzw. 74 Milliarden Euro, einschließlich der Ausgaben für Nuklearsprengköpfe.
Abgesehen davon, dass der DIP somit die strategische Bedeutung einer souveränen britischen nuklearen Abschreckung unterstreicht, dürfte diese Betonung auch dienlich sein, der australische Regierung zu versichern, dass die AUKUS-Zusammenarbeit weiterhin auf Kurs ist. Canberra beabsichtigt, über einen Zeitraum von zehn Jahren mindestens fünf Milliarden australische Dollar (drei Milliarden Euro) zur Unterstützung der britischen Schiffbauindustrie für den U-Boot-Bau bereitzustellen. Das DIP bekräftigt den Wunsch, bis zu zwölf AUKUS-SSN zu beschaffen, welche die sieben U-Boote der Astute-Klasse ab den späten 2030er-Jahren ersetzen sollen. Allerdings würde, ähnlich wie bei anderen Beschaffungen, der Großteil der Investitionen für dieses bedeutende Wachstum der britischen U-Boot-Flotte erst weit nach 2030 erfolgen. Angesichts der personellen und finanziellen Herausforderungen erscheint ein Gesamtumfang von zwölf Angriffs-U-Booten zumindest ambitioniert, wenn nicht unglaubwürdig.
Fazit
Der britische Defence Investment Plan präsentiert eine radikale Vision für die Royal Navy, welche auf eine Vielzahl von Drohnen fokussiert ist und die internationale Zusammenarbeit ausbaut, um eine gesteigerte Einsatzfähigkeit mit moderaten Ausgaben zu erreichen. Die Nachhaltigkeit dieses Vorhabens steht vor zwei erheblichen Hürden.
Eine ist der auffallende Mangel an realistischen Finanzierungszusagen über die nächsten vier Jahre, sowie erhebliche Unsicherheit über den finanziellen Spielraum künftiger britischer Regierungen. Die andere, ebenso bedeutende Herausforderung besteht darin, dass der Großteil der in der SDR und dem DIP skizzierten „transformativen“ autonomen Fähigkeiten auf unausgereiften Technologien oder sogar vollständig theoretischen Einsatzkonzepten für Seestreitkräfte beruht. Der angestrebte Zeitrahmen, in dem wesentliche Elemente der „Hybrid Navy“ innerhalb eines Jahrzehntes einsatzreif gemacht werden sollen, erscheint aufgrund dieser Aspekte höchst unrealistisch.
Angesichts der derzeitigen politischen Turbulenzen nach dem Ende der Starmer-Regierung und anhaltender Schwierigkeiten bei der Aufstellung zukünftiger Haushalte erscheint es wahrscheinlich, dass eine künftige britische politische und verteidigungspolitische Führung gezwungen sein wird, die Vorstellungen einer transformierten „hybriden“ Royal Navy zu überdenken. In der Konsequenz ist die Wahrscheinlichkeit als hoch einzustufen, dass Großbritannien erhebliche Teile der hier skizzierten Drohnenflotte über, auf und unter Wasser nicht umsetzen wird.
Autor: Alexander Luck ist Analyst für Rüstungspolitik mit Schwerpunkt Marine und Luftfahrt. Sein Fokus liegt auf dem indopazifischen Raum, besonders Entwicklungen in China, Ostasien und Australien.















