Der Kampfpanzer ist ein allseits beliebter Sündenbock, wenn es darum geht, Ineffizienzen in der europäischen Rüstungs- und Verteidigungspolitik zu benennen. Seit nunmehr fast einem Jahrzehnt heißt es in allen möglichen Strategiepapieren von unterschiedlichen Think Tanks, Militärexperten und Wirtschaftsinstituten, dass die Streitkräfte der Europäischen Union eine Vielzahl unterschiedlicher Kampfpanzertypen betreiben und dadurch deutlich ineffizienter rüsten als beispielsweise die USA. Zuletzt trafen unter anderem Jeannette zu Fürstenberg, Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann und Thomas Enders im gestern veröffentlichten Strategiepapier „Der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie: Ein Leitfaden zur Überwindung kritischer Abhängigkeiten“, auch bekannt als „Sparta 2.0“, die Aussage, dass Europa unter anderem „14 verschiedene Panzertypen“ betreibt. „Diese Fragmentierung vernichtet Skaleneffekte“, argumentieren die Autoren.
Die Aussage, dass Fragmentierung Skaleneffekte vernichtet, ist ja nicht falsch. Das Kampfpanzerbeispiel hat in diesem Kontext jedoch nichts verloren. Nicht nur, dass die Zahl 14 nicht stimmt, es sind nämlich 12, in der Argumentationslinie wird auch unterschlagen, dass überhaupt nur eine Handvoll von Panzertypen eine rüstungspolitische Relevanz hat und die aktive „europäische“ Kampfpanzerflotte zum absolut größten Teil aus Panzern des Typs Leopard 2 besteht. 15 von 27 der EU-Staaten nutzen eine Variante des Leopard 2 bzw. führen diesen Typ aktuell ein, wobei sechs EU-Staaten überhaupt keine Kampfpanzer einsetzen. In Summe umfasst die „EU-Kampfpanzerflotte“ unter anderem rund 2.000 in Nutzung befindliche bzw. bestellte Leopard 2 in unterschiedlichen Varianten (A4 bis A8). Damit bildet dieser Panzertyp mit Abstand das Rückgrat der europäischen Panzerbestände, insbesondere dann, wenn man sich auf aktive Truppenverbände konzentriert.
Alleine in den letzten fünf Jahren sind, befeuert durch den Ukraine-Krieg und die damit verbundene Nachrüstung und Ringtausche, vier weitere EU-Staaten zu Leopard-2-Nutzernationen geworden.
Strenggenommen ist der Leopard 2 ein Paradebeispiel für eine „europäische“ Rüstungspolitik. Gingen doch alle Kampfpanzer-Rüstungsvorhaben im letzten Jahrzehnt – ausgenommen Polen – an den Leopard 2.

Die weiterhin bestehende Heterogenität der Kampfpanzerflotten ist schlicht und einfach dadurch zu erklären, dass umfangreiche Bestände aus Rüstungsvorhaben des Kalten Krieges weiter in Nutzung sind. Also aus Zeiten, weit vor der Gründung der Europäischen Union. Würde man Panzermodelle aus den 1950er und 1960er Jahren sowie Systeme sowjetischer Bauart rausrechnen, deren Bestand ausschließlich mit fehlenden Mitteln für die Beschaffung moderner Typen zu erklären ist, würde sich die Typenanzahl von 12 auf 5 reduzieren: Leopard 2, M1 Abrams, K2, Leclerc und Ariete. Wobei der K2 nur in Polen genutzt wird und die beiden letzten lediglich in Frankreich sowie Italien, wobei die Produktion dieser Typen dort bereits ausgelaufen ist.
Ein Beispiel für die Nutzung veralteter Typen sind Griechenland und Zypern. Die beiden Länder, die ein gespanntes Verhältnsis zur Türkei haben, müssten über Jahre hinweg einen großen Teil ihrer Staatshaushalte dafür verwenden, um die beiden aus AMX-30, T-80, Leopard 1, M48 und M60 bestehende Flotten im Verhältnis 1 zu 1 gegen einen modernen, in Produktion befindlichen Kampfpanzertyp auszutauschen.
Wenn man an der europäischen Rüstungspolitik im Zusammenhang mit der Kampfpanzerrüstung Anstoß nehmen möchte, dann ist nicht die Typenanzahl die relevante Kritikkategorie, sondern die Variantenvielfalt. So gibt es in der EU zwar zukünftig 15 Leopard-2-Nutzer, gleichwohl wird es davon ein Dutzend unterschiedliche Varianten geben, die sowohl Ausbildung als auch die Logistik erschweren. Politische Rücksichtnahme auf die heimische Zulieferindustrie sowie unterschiedliche Modernisierungsprioritäten in den jeweiligen Streitkräften haben in den vergangenen 30 Jahren dazu geführt, dass auf Subkomponentenebene überspitzt gesagt, kaum eine Leopard-2-Variante der anderen gleicht. Dies betrifft insbesondere Elektronik, Feuerleitung und Sensorik. Dagegen sind Wanne, Kette, Motor, Getriebe, Turm und Hauptwaffe im Wesentlichen gleich, was Skaleneffekte bei der Produktion ermöglicht.
Betrachtet man die aktuellen Produktionslinien von Kampfpanzern in Europa und behandelt Polen als Sonderfall, so befindet sich lediglich der Leopard 2 in der Fertigung. Italien plant die Einführung des in Entwicklung befindlichen KF 51 Panther von Rheinmetall. Zudem erscheint es immer deutlicher, dass Deutschland und Frankreich an separaten, neuen Kampfpanzerentwürfen arbeiten, die in den 2030er Jahren in die Nutzen gehen könnten und die Zeit überbrücken sollen, bis das gemeinsame Entwicklungsvorhaben Main Ground Combat System verfügbar ist, wenn es denn jemals realisiert werden sollte.
Die Typenvielfalt der aktuellen europäischen Kampfpanzerflotte ist somit in erster Linie Entwicklungen der Vergangenheit geschuldet, wird reduziert und ist für die aktuelle Rüstung nicht mehr in gleichem Maße festzustellen. Mit dem Leopard 2 A8 etabliert sich überdies aktuell ein neuer Standard-Panzer auch hinsichtlich der Subkomponenten.
Die Ursache von Ineffizienzen liegt nicht in 3, 12 oder 14 unterschiedlichen Kampfpanzertypen, sondern darin, dass weiterhin die 27 nationalen Parlamente und Regierungen in der EU alle unterschiedliche Prioritäten verfolgen, kombiniert mit den unterschiedlichen Wahlperioden, die eine dauerhafte Synchronisation der Interessen verhindern. Wenn man ehrlich sein will, dann liegt der Fokus der meisten Rüstungsvorhaben nicht auf der Reduzierung des Typen- und Ausstattungszoos sowie der Stärkung der Interoperabilität und Skaleneffekten, sondern in der Schaffung von heimischen Arbeitsplätzen.
Historie des Mythos von der Heterogenität der EU-Kampfpanzerflotte
Der Ursprung für den Mythos von der Heterogenität der EU-Kampfpanzerflotte in der rüstungspolitischen Debatte lässt sich mindestens auf die Veröffentlichung eines gemeinsamen Papiers von Autoren der MSC, McKinsey & Company und der Hertie School of Governance zur Münchener Sicherheitskonferenz 2017 zurückführen. In dem Analyse-Papier mit dem Namen „More European, More Connected and More Capable“ wurde unter anderem die Anzahl unterschiedlicher Waffensysteme in der Europäischen Union mit denen der USA verglichen und dadurch Rückschlüsse auf die Effizienz der Rüstung in der EU im Vergleich zu den USA abgeleitet.
Eine der Kernargumentation bezieht sich auf die Anzahl unterschiedlicher Kampfpanzertypen. So ist in dem Papier zu lesen, dass die EU angeblich 17 unterschiedliche Typen betreiben würde, während die USA mit einem einzigen Typ auskämen. Als Quelle dieser Aussage wird stets auf die vom britischen Forschungsinstitut IISS (International Institute for Strategic Studies) jährlich publizierte Studie „The Military Balance“ verwiesen. Das Problem, diese Aussage wonach die USA nur einen Kampfpanzertyp rüsten und die EU 17 stimmte bereits 2017 nicht, es waren nämlich nur 11 (AMX30, Ariete, Challenger 2, Leclerc, Leopard 1, Leopard 2, M48, M60, sowie Kamppanzertypen der sowjetischen Baureihen T-55, T-72 und T-80 und deren Derivate)
Mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU war der europäische „Panzerzoo“ zunächst auf 10 unterschiedliche Typen geschrumpft. Polens-Entscheidung – damals unter einer PiS-Regierung – die nationalen Vorhaben zur Modernisierung der Kampfpanzerbestände so schnell wie möglich durchzupeitschen, hat jedoch dazu geführt, dass der Panzerzoo wieder um zwei weitere Typen, den US-amerikanischen Abrams und den südkoreanischen K2, angewachsen ist.
Waldemar Geiger

















