Deep Precision Strike – eine Rakete, Drohne oder Marschflugkörper macht noch keine Fähigkeit

Waldemar Geiger

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Deep Precision Strike (Präzisionsschlag in der Tiefe) ist Bestandteil von Deep Operations (Operationen in der Tiefe) und beschreibt die Fähigkeit, ausgewählte feindliche Ziele aus großer Entfernung mit Flugkörpern punktgenau bekämpfen zu können. Dabei ist es unerheblich, ob die Bekämpfung durch weitreichende Drohnen, Marschflugkörper oder ballistisch fliegende Raketen erfolgt. Gleichwohl ist anzumerken, dass das Wirkmittel, also Rakete, Drohne oder Marschflugkörper, zwar ein wichtiger, aber nicht singulärer Bestandteil der Fähigkeit zum Deep Precision Strike darstellt.

In der öffentlichen Diskussion wird diesem Aspekt allzu oft zu wenig Bedeutung beigemessen oder er wird gänzlich ausgeklammert. Vielmehr werden öffentliche Diskussionen rund um Deep Precision Strike (DPS) zumeist durch einzelne Aspekte wie Reichweite, Nutzlast und Stückpreis der Effektoren geprägt, obwohl die Erfolgsfaktoren von Deep Precision Strike um ein Vielfaches komplexer sind.

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Ein plakatives Beispiel wäre hier der Hype um den ukrainischen, landgestützten Marschflugkörper des Typs FP-5 Flamingo. Als der Hersteller im Sommer 2025 erste Details zum Flamingo offengelegt hat, der zum Bruchteil der Kosten für einen modernen westlichen Marschflugkörper eine Tonne Nutzlast bis zu 3.000 km in Ziel tragen können soll, wurde das System durch zahlreiche Kommentatoren umgehend zum „Heilsbringer“ des ukrainischen Kampfes in der Tiefe des russischen Kernlandes erklärt. Die ersten Auswertungen der Einsätze zeigten jedoch schnell, dass das System zumindest zum aktuellen Zeitpunkt nicht den Effekt liefert, den die technischen Angaben versprechen. So werfen Analysen bisher bekannter Einsätze des Flamingos Fragen bezüglich der Genauigkeit des Systems auf. Zudem sind bis dato keine Einsätze bekannt, die eine effektive Reichweite des Systems oberhalb der 1.500 km belegen würden. Weiterhin scheint der Hersteller aktuell weit davon entfernt zu sein, die anvisierte Jahresproduktion von 2.500 Marschflugkörpern erreichen zu können.

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Dennoch wäre es falsch, auf Basis dieser Informationen darauf zu schließen, dass der Flamingo ein Rohrkrepierer wäre, genauso wie es falsch ist, den Flamingo als überlegenes System gegenüber dem Tomahawk-Marschflugkörper zu feiern, nur weil dieser eine höhere Reichweite und Nutzlast bei signifikant günstigerem Stückpreis verspricht. Denn Deep Precision Strike ist eine komplexe Fähigkeit, die sich aus mehreren Erfolgsfaktoren zusammensetzt.

Erfolgsfaktoren von Deep Precision Stirke

Wie bereits eingangs angemerkt, stellt Deep Precision Strike die Fähigkeit dar, wichtige Feindziele aus großer Entfernung punktgenau – zeitlich und örtlicher Aspekt – bekämpfen zu können. Dafür muss das Ziel jedoch erstmal aufgeklärt und als wichtig identifiziert werden.

Zielaufklärung

Ein Beispiel für ein solches Ziel wäre hier eine Produktionsstätte für kritische Komponenten der feindlichen Rüstungsindustrie. Der technische Fortschritt macht es möglich, Koordinaten eines Fabrikgebäudes anhand von öffentlich zugänglichen Satellitenbildern aus dem Netz zu generieren. Damit hat man jedoch nur wenig „gewonnen“. Denn das Wissen über die Koordinaten eines Gebäudes gibt noch keine Auskunft darüber, was sich in dem Gebäude genau abspielt.

Um sicher zu gehen, dass das Gebäude tatsächlich eine hohe Bedeutung für die feindlichen Kriegsanstrengungen hat, muss es über einen gewissen Zeitraum beobachtet werden. Anhand von Bewegungen rund um das Gebäude können unter Umständen Rückschlüsse für seine Bedeutung getroffen werden. Gegebenenfalls reicht es auch nicht aus, Objekte nur aus dem Weltall zu beobachten, so dass nachrichtendienstliche Anstrengungen oder der Einsatz von militärischer Spezialaufklärung notwendig werden können, um den „Wert“ des Zieles zweifelsfrei identifizieren zu können. Weiterhin bildet nicht jeder Gebäudeteil den gleichen „Zielwert“. Schließlich ist es ein Unterschied, ob ich einen Pausenraum in einer Fabrik zerstöre oder eine unter Umständen nur schwer oder garnicht ersetzbare Maschine.

Ähnliche Anforderungen an die Zielaufklärung können durch die Waffe selbst gestellt werden. So kann die deutsche Abstandswaffe TAURUS beispielsweise ganz genau darauf programmiert werden, wie viele Stockwerke eines Bunkers penetriert werden sollen, bevor der Gefechtskopf umgesetzt wird. Dazu muss natürlich im Vorfeld bekannt sein, wie viele Stockwerke der Bunker hat und wo sich das zu bekämpfende Ziel tatsächlich befindet.

Für die effektive Zielaufklärung in der Tiefe des feindlichen Raumes ist daher ein breiter Mix sowie eine hinreichend hohe Quantität von unterschiedlichen „Sensoren“ notwendig. Ohne diesen Mix können bestimmte Zielkategorien nur schwer oder garnicht aufgeklärt werden.

Führung und Bekämpfung

Darüber hinaus bedarf es einer entsprechenden Entscheidungs- und Führungsarchitektur, die in der Lage ist, aufgeklärte Ziele in der gebotenen Geschwindigkeit zu verarbeiten und wenn gewünscht, eine Bekämpfung einzuleiten. Denn nicht alle wichtigen Ziele sind statische Objekte, bei denen zwar die Bekämpfung an sich wichtig ist, aber der Bekämpfungszeitpunkt nachrangig sein kann.

Bestenfalls verfügt eine Nation bereits vor Ausbruch der Kampfhandlungen über einen umfangreichen Zielkatalog, in dem auch die Zielhierarchie entsprechend der jeweiligen Wichtigkeit und Dringlichkeit abgebildet ist. Ein solcher Katalog erlaubt es, ganze Kampagnen anzulegen und so aufeinander aufbauende Effekte zu erzielen. Ein Beispiel wäre hier, dem Feind die Möglichkeit zum Einsatz weitreichender Waffen zu nehmen oder diese Möglichkeit zumindest zu erschweren. In einem solchen Fall würden zuerst die Startrampen, Kommandostrukturen und Lagerstätten bzw. Stationierungsorte bekämpft. In einem Folgeschritt würde sich der Fokus der Zerstörung dann auf die Fähigkeit richten, weitreichende Waffen nachproduzieren zu können.

Der Aufbau eines solchen Katalogs erfolgt nicht in Echtzeit und verlangt eine gründliche Arbeit sowie zahlreiche Mittel weit im Vorfeld der eigentlichen Kampfhandlungen. Mit fortlaufender Dauer der Deep-Precision-Strike-Kampagne wird zwangsläufig der Zeitpunkt kommen, wo der vorbereitete Zielkatalog „abgearbeitet“ wird und die Fähigkeit vorhanden sein muss, den Zielkatalog ausreichend schnell aktualisieren oder um neue Ziele erweitern zu können.

Auch wenn sich Deep Precision Strike auf die Bekämpfung von stationären und nicht beweglichen Zielen fokussiert, bedarf es trotzdem einer Fähigkeit, zeitlich kritische Ziele schnell genug aufklären bzw. verifizieren sowie die Entscheidung über die Bekämpfung treffen zu können, so dass überhaupt noch die Möglichkeit der Bekämpfung gegen ist. Vertreter einer solchen Zielkategorie können menschliche oder technische Hochwertziele bilden, die sich nur für eine begrenzte Zeitdauer an einem bestimmten und bekannten Ort aufhalten werden. Beispiele dafür können verlegbare Radaranlagen sein, die immer nur für eine begrenzte Zeitdauer aufgestellt werden oder Zusammenkünfte von hohen Vertretern der militärischen Führung. Wenn die Dauer der Entscheidung sowie des Waffeneinsatzes – Startvorbereitung und Flugzeit – länger ist als die „stationäre Verweildauer“ des Ziels, wird der Angriff keinen Erfolg haben.

Da Kriege und Konflikte nicht nur wenige Tage dauern, sondern auch mal mehrere Jahre, ist es zudem wichtig, dass die Entscheidungsstruktur über die Fähigkeit verfügt, nicht nur in Schlachten, sondern auch Kriegen denken zu können. Egal wie viele Raketen, Drohnen oder Marschflugkörper in den Depots eingelagert sind, bei fortlaufender Kriegsführung wird zwangsläufig der Zeitpunkt kommen, an dem man weniger Effektoren als mögliche Ziele hat. Die DPS-Entscheidungsstruktur muss daher in der Lage sein, sowohl die logistische Nachversorgung mit DPS-Waffen mitzudenken als auch die Effektivität einzelner Wirkmittel gegen spezifische Ziele zu berücksichtigen. Nicht jeder Spatz kann am Ende mit einer Kanone erschossen werden. Es bedarf also einer „Justierung“ von Ziel und Wirkmittel, die Effektivität, Effizienz und der Möglichkeit der Nachversorgung über längere Zeiträume hinweg berücksichtigt.

Nachdem Ziele ausgewählt wurden und die Entscheidung zur Bekämpfung getroffen wurden, kommt also die Wirkmittelauswahl. Auch dieser Prozessschritt ist komplexer als sich so mancher denken mag, da nicht nur die Fähigkeiten der eigenen Angriffswaffe berücksichtigt werden müssen, sondern auch die Fähigkeiten des Feindes den Angriff abzuwehren. Auch hier bedarf es also einer gewissen Aufklärungsfähigkeit (Sensorik), die die feindliche Luftverteidigungsfähigkeit möglichst genau (bezogen auf Zeit und Ort) abbilden kann, so dass mögliche Lücken und erfolgversprechende Angriffsvektoren gefunden werden können. Gegebenenfalls kann es sogar notwendig sein, dass die notwenigen Korridore erst geschaffen werden müssen, indem die feindliche Luftverteidigung im Vorfeld zerstört oder zumindest für die Dauer des Angriffes in die Tiefe unterdrückt wird.

Erst wenn diese Schritte erfolgreich und hinreichend schnell bewältigt wurden, kommt die eigentliche „Leistungsfähigkeit“ des Wirkmittels ins Spiel, die neben der Nutzlast (grundsätzliche Befähigung, das Ziel im Falle eines Treffer zu zerstören), Reichweite (der taktisch zweckmäßige Weg zum Ziel muss nicht immer linear sein) und durch die Bekämpfungsgeschwindigkeit (Zeitbedarf für den Waffeneinsatz addiert mit Flugzeit, die durch die Marschgeschwindigkeit bestimmt wird) sowie Durchsetzungsfähigkeit bestimmt wird. Die Durchsetzungsfähigkeit beschreibt hier die Fähigkeit des Wirkmittels sein Ziel erfolgreich bekämpfen zu können, selbst wenn dieses durch den Feind verteidigt wird. Er beinhaltet somit Aspekte der Fluggeschwindigkeit und auch der Fähigkeit, sich der Entdeckung zu entziehen (extremer Tiefflug und Stealth), gegebenenfalls auch der Fähigkeit, Maßnahmen zum Selbstschutz oder zum Täuschen bzw. zum Stören der feindlichen Flugabwehrergreifen zu können.

Unter der Berücksichtigung der zahlreichen Faktoren – Zeit, Fähigkeiten eigener sowie feindlicher Kräfte und Mittel – kann es daher durchaus effektiver und effizienter sein, ein Ziel mit einem teuren Wirkmittel zu bekämpfen als mit zahlreichen günstigen. Gleichzeitig wird es nicht jedes Mal notwendig sein, jedes sich bietende Ziel mit einem High-End-Effektor anzugreifen. Hier und da wird es zudem Situationen geben, wo man sogar mehrere unterschiedliche Systeme gleichzeitig einsetzen müssen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Viele günstige Wirkmittel können dann bspw. die feindliche Luftverteidigung übersättigen, während ein oder mehrere High-End-Systeme sich im „Windschatten“ dem Ziel nähren und den eigentlichen Bekämpfungsvorgang ausführen.

Fazit

Der Beitrag, obwohl er die tatsächlichen Abläufe im Rahmen des Deep Precision Strike bewusst nur oberflächlich zeichnet, zeigt deutlich, dass die Thematik deutlich komplexer ist als ein simpler Verglich von Stückkosten, Nutzlast oder Reichweiten einzelner Wirkmittel. Eine Rakete, Drohne oder Marschflugkörper macht am Ende eben noch lange keine Fähigkeit.

Entscheidend für eine Fähigkeit sind alle Aspekte (sowohl quantitativ als auch qualitativ gesehen) der Führung, Aufklärung und Wirkung sowie die Geschwindigkeit des dazugehörigen Kreislaufs.

Waldemar Geiger