Zum Ende des Kalten Krieges verfügte die Bundeswehr über ein Dutzend unterschiedlicher Kettenplattformen bzw. Kettenplattform-Familien, auf deren Basis ein breiter Gefechtsfahrzeugfuhrpark für das Gefecht der Verbundenen Waffen realisiert wurde. Dabei wurde stringent der Grundsatz verfolgt, Kette durch Kette zu unterstützen. Panzer- und Panzergrenadierverbände und alle anderen Kampftruppen konnten so auf zahlreiche unterschiedliche Unterstützungsfahrzeuge zählen, die über eine vergleichbare Mobilität im schwierigen Gelände verfügten wie die Panzer selbst. Ein Umstand, der heute so nicht mehr gilt, denn viele der vorhandenen oder zulaufenden Fähigkeiten werden derzeit ausschließlich auf Radplattformen eingeführt.
Die Weiterentwicklung der sogenannten schweren Kräftekategorie des Deutschen Heeres stand seit dem Ende des Kalten Krieges, vorsichtig formuliert, nicht gerade im Fokus. So wurde nicht nur die Panzertruppe auf fast ein Zehntel ihrer ehemaligen Stärke geschrumpft, auch unterstützende Fähigkeiten wie beispielsweise die Feuer-, Kampf- und Einsatzunterstützung wurden entweder stark reduziert oder wie beim Minenwerfer Skorpion und den Flugabwehrpanzern Gepard und Roland gänzlich abgeschafft. Mit der Refokussierung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung steigt nun jedoch der Bedarf der Streitkräfte nach Panzerverbänden, die neben einer herausragenden Durchsetzungsfähigkeit auch eine hohe taktische Mobilität im schwierigen Gelände verfügen. Für die Bundeswehr ergeben sich daraus zwei Handlungslinien: Modernisierung und Aufwuchs.
Während für die Erreichung der zugesagten NATO-Ziele neue Verbände aufzustellen sind, müssen gleichzeitig die Bestandsplattformen an die Herausforderungen des modernen Gefechtsfeldes angepasst werden. Teilweise wird dies durch die Einführung modernerer Varianten von in Nutzung befindlichen Plattformen – beispielsweise dem Kampfpanzer Leopard 2 A8 – erreicht, teilweise müssen aber auch aufgegebene Fähigkeiten, wie Sperr- oder Flugabwehrfähigkeiten, wieder eingeführt werden.
Was jedoch nicht immer berücksichtigt wird, ist der bereits angesprochene Grundsatz, dass Rad Rad und Kette Kette unterstützt. Aus diesem Grund werden die Grenadier- und Panzerverbände der Bundeswehr wohl auch zukünftig auf die Unterstützung durch Radfahrzeuge angewiesen sein, obwohl diese in sehr schwierigem Gelände Mobilitätsnachteile gegenüber den Kettenplattformen aufweisen. Beispiele sind hier im Bereich Sanität, Führung und Flugabwehr zu finden. Alle drei Fähigkeiten können derzeit und dem Vernehmen nach auch zukünftig nur mittels Radfahrzeugen vom Typ Boxer realisiert werden. Der Grund dafür liegt gut unterrichteten Kreisen zufolge weniger in den Forderungen des Heeres nach adäquaten Kettenplattformen, sondern in den laut Bedarfsdeckerseite fehlenden Kapazitäten für die Einführung und Versorgung neuer Kettenplattformen. Der aktuelle Plattformbestand führe zu einem logistischen „Zoo“, der mit den vorhandenen Ressourcen nicht mehr zu händeln sei.
Diese Argumentation erscheint jedoch in zweierlei Hinsicht wenig stichhaltig. So zeigen jüngste Beispiele im Bereich der Radmobilität, dass die Begrenzung der Plattformvielfalt nicht im Fokus der Rüstungsbeschaffungen stand. Sonst hätten so manche Fähigkeiten auf der Boxer- bzw. der designierten CAVS-Plattform realisiert werden müssen. Gleichwohl wird derzeit mit dem Piranha eine weitere Plattformfamilie eingeführt, die zwar unabhängigen Beobachtern zufolge durchaus Vorteile gegenüber den Bestandsplattformen der Bundeswehr aufweist, am Ende aber doch die Einführung einer zusätzlichen Plattform darstellt. Auch bei der Beschaffung von Subsystemen, wie beispielsweise Waffenstationen, wird weniger auf logistische Gleichheit als auf Wirtschaftlichkeit oder andere Leistungsparameter geachtet.
Im Kontext von Kettenplattformen wird das logistische Argument hingegen sehr offensiv eingesetzt, so dass man selbst bei der Beschaffung des zukünftigen Minenwerfersystems offenbar auf die BvS-10-Plattform zurückgreifen möchte, obwohl dieser Schritt mehrere taktische Nachteile – sowohl bei der Mobilität als auch dem Schutz – zur Folge hätte, hartpunkt berichtete.
Die zweite Ebene betrifft die Vielzahl der in der Bundeswehr in Nutzung befindlichen Ketten-Plattformen, die bei einer näheren Betrachtung geringer ausfällt, als vermutet.
In Nutzung befindliche Kettenplattformen in der Bundeswehr 2026 1990 Leopard 1 (Kampfpanzer und Unterstützungsfahrzeuge) ja ja Leopard 2 (Kampfpanzer und Unterstützungsfahrzeuge) ja ja Panzerhaubitze 2000 ja nein Panzerhaubitze M109 nein ja Panzerhaubitze M110 nein ja M48 Patton (Kampfpanzer und Unterstützungsfahrzeuge) ja ja Kanonenjagdpanzer / Jagdpanzer nein ja Marder (Schützenpanzer und Unterstützungsfahrzeuge) ja ja Puma ja nein M113 ja ja BV 206 ja ja BvS 10 ja nein Wiesel 1 ja ja Wiesel 2 ja nein M2 Bradley (MARS I und MARS II) ja ja M88 nein ja Summe 12 12
Auf den ersten Blick zeigt die aufgeführte Tabelle, dass die Bundeswehr heute mit 12 Kettenplattformfamilien genauso viele nutzt, wie dies zum Ende des Kalten Krieges der Fall war. Es lohnt jedoch eine tiefere Betrachtung. So ist beispielsweise jetzt schon beschlossen bzw. ersichtlich, dass in den nächsten Jahren einige dieser aufgeführten Plattformfamilien aus der Nutzung gehen werden. Gemeint sind Marder, M113, Leopard 1, M48, M2 Bradley, BV 206 und Wiesel 1.
Die in der Bundeswehr verbliebenen Marder sollen in den nächsten Jahren vollständig durch den Radschützenpanzer Schakal bzw. den Schützenpanzer Puma ersetzt werden. Die BvS 10 ersetzen die BV 206. Die Aufgaben der unterschiedlichen M113-Varianten werden maßgeblich durch Radfahrzeuge übernommen. Darüber hinaus sollen die in Nutzung befindlichen Unterstützungsfahrzeuge auf Basis des Leopard 1 zukünftig auf die Leopard-2-Plattform überführt werden. Ähnliches gilt für die M48-Plattform, die aktuell nur noch für den Minenräumpanzer Keiler genutzt wird und zukünftig ebenfalls auf Basis des Leopard 2 ausgeplant ist. Da die zukünftigen Raketenartilleriesysteme der Bundeswehr planerisch spätestens ab den 2030er Jahren auf einer Radplattform abgebildet werden, wird perspektivisch auch die M2-Plattform aus der Nutzung gehen. Alleine der Wiesel 1 soll durch eine neue Kettenplattform, den Luftbeweglichen Waffenträger, ersetzt werden und mit dem Kampfpanzer neue Generation könnte Anfang der 2030er Jahre eine Leopard 2 verwandte Kettenplattform Einzug in die Bundeswehr halten.
Fazit
Alles in allem würde die Bundeswehr also in naher Zukunft nur noch über sechs bis acht Kettenplattformen/ -familien verfügen. Keine einzige davon würde sich jedoch als günstige Mehrzweckplattform im mittleren Gewichtssegment (rund 40 bis 50 Tonnen) eignen, auf der unterschiedliche Fähigkeiten zur Unterstützung der Kampftruppe realisiert werden könnten, die nicht sofort eine schwere Leopard-2-Plattform benötigen.
Gleichzeitig zeigt uns ein Blick zu unseren Verbündeten, dass die Logik, wonach Radfahrzeuge bei einer breiten Fähigkeitspalette eine effektive Unterstützungsplattform für gepanzerte Verbände darstellen können, keinen großen Anklang findet. So haben sich beispielsweise die niederländischen Streitkräfte bei der Auswahl der Flugabwehr-Plattform auf dem ACSV bewusst für eine Kettenplattform entschieden, damit diese mit der Mobilität der Kampf- und Schützenpanzer mithalten kann. Zudem führt die U.S. Army mit dem AMPV eine Mehrzweckplattform auf Basis der M2-Schützenpanzerplattform ein, um unterschiedliche Fähigkeiten, die derzeit noch mit dem veralteten M113 realisiert werden, weiterhin auf einer Kettenplattform abbilden zu können. Auch Tschechien und Italien haben sich zu ähnlichen Schritten, hier jedoch auf Basis des CV90 oder des Lynx KF41, entschieden. Selbst Spanien plant mit mehreren Varianten auf Basis des ASCOD.
Die Ausmusterung der beiden Plattformfamilien M113 und Leopard 1 wird das Heer im Gewichtsspektrum 10 bis 60 Tonnen auf absehbare Zeit über keine Mehrzweckplattform auf Kette verfügen, deren Einsatz im Gefecht taktische Vorteile bieten würde. Mathematisch lässt sich eine solche Lücke nicht begründen, denn mit Abschluss der Modernisierungsmaßnahmen und Ausphasung veralteter Systeme dürfte auch das überreizte logistische System der Bundeswehr Kapazitäten für eine solche Plattform bieten.
Waldemar Geiger















