Sentinel – Alpine Eagle will bodennahe Luftherrschaft mit luftgestützter Drohnenabwehrlösung ermöglichen

Waldemar Geiger

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Die Bedeutung des Drohneneinsatzes für die moderne Kriegsführung hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Gegenspiel zwischen Drohnen und Drohnenabwehrsystemen an Gewicht. Denn wer den bodennahen Luftraum beherrscht, kann den feindlichen Drohneneinsatz verhindern, während die eigenen Drohnen in diesem unbehelligt operieren können. Wie bei der klassischen Luftkriegsführung sind unterschiedliche Ansätze notwendig, um die Luftherrschaft erzielen zu können. Neben der bodengebundenen Abwehr von Bedrohungen aus der Luft, zählt auch die luftgestützte Abwehr sowie aktive Unterdrückung feindlicher Mittel der Luftkriegsführung zu den essenziellen Aspekten der Beherrschung des Luftraumes.

Während die Masse etablierter Rüstungsunternehmen sowie Start-Ups auf die Entwicklung und Fertigung bodengebundener Drohnenabwehrlösungen setzt, geht das 2023 gegründete Unternehmen Alpine Eagle einen Schritt weiter, indem es mit Sentinel ein luftgestütztes Drohnenabwehrsystem entwickelt und in den Einsatz gebracht hat. Dieses System soll den Luftraum von feindlichen Aufklärungsdrohnen und Loitering Munition Systemen befreien, wie Jan-Hendrik Boelens, Co-Founder und CEO des in München ansässigen Unternehmens, in einem Gespräch mit hartpunkt erklärt.

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Dem CEO zufolge bietet Sentinel eine auf dem Markt einmalige Drohnenabwehrfähigkeit. Während die Mehrzahl der Drohnenabwehrsysteme auf eine Kombination von bodengebundenen Sensoren sowie unterschiedlichen Boden-Luft-Effektoren (beispielsweise Flugabwehrkanonen oder Abfangdrohnen) setze, sei Alpine Eagle mit dem Sentinel bewusst einen anderen Weg gegangen. In der Sprache der  klassischen Luftkriegsführung konzentriert sich der Markt derzeit auf bodengebundene Flugabwehrsysteme wie beispielsweise dem Flugabwehrkanonenpanzer oder Flugabwehrraketensysteme. Sentinel hingegen könnte als ein Äquivalent zu einem AWACS-Flugzeug gesehen werden, welches mit weitreichenden Luft-Luft-Flugkörpern ausgestattet ist. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass es sich bei Sentinel um ein günstiges System handelt, das im Verbund agieren und so ebenfalls große Räume überwachen und drohnenfrei halten kann.

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Damit dies gelingen kann, verfügt das Sentinel-System über unterschiedliche Sensoren – passive RF-Peiler, elektrooptische Sensorik sowie Radar – und führt zudem Luft-Luft-Abfangdrohnen vom Typ Sparrowhawk mit, die aufgeklärte Drohnen und Loitering Munition mit einer Reichweite von mehreren Kilometern bekämpfen können.

Boelens, der bei seinen vorherigen Tätigkeiten mehre leitende Ingenieursfunktionen bei der Entwicklung unterschiedlicher bemannter und unbemannter Luftfahrtsysteme im kommerziellen und militärischen Umfeld innehatte, beschreibt das Sentinel-Einsatzkonzept wie folgt:

  • Mehrere Sentinel-Drohnen können in einem großflächigen Raum eingesetzt werden und den Raum überlappend mittels der unterschiedlichen Sensoren im passiven oder aktiven Modus überwachen.
  • Mehrere weitere Systeme befinden sich am Boden und wechseln sich mit den in der Luft befindlichen Sentinel-Systemen ab, um abhängig vom Flugwetter eine 24/7-Abdeckung gewährleisten zu können. Die typische Missionsflugzeit für ein System beträgt mehrere Stunden.
  • Ein Bediener kann bei aktuellem Entwicklungsstand bis zu fünf Systeme gleichzeitig mittels Auftragstaktik führen. Es wird jedoch daran gearbeitet das Verhältnis zwischen Bediener und Drohnen noch weiter zu verbessern.
  • Sobald die Sensoren eine unbekannte Drohne in der Luft aufgeklärt haben, kann diese mit Hilfe der mitgeführten Elektro-Optik identifiziert (Freund-/Feind-Erkennung) werden.
  • Sollte es sich um eine feindliche Drohne handeln, kann das Sentinel-System auf Befehl des Bedieners die mitgeführte Luft-Luft-Abfangdrohne Sparrowhawk starten und diese mittels des Radars zum Ziel leiten. In der Endphase übernimmt dann die Abfangdrohne die optische Zielführung.
  • Das System ist dabei so ausgelegt, dass es auch in einer Umgebung ohne GPS-Empfang funktioniert und auch bei gestörter Funkverbindung seinen Auftrag weiter ausführen kann.

Wie Boelens betont, handelt es sich bei Sentinel nicht um eine „Anti-Shahed-Lösung“. Im Fokus der Drohnenabwehr mit dem Sentinel-System stehen seiner Aussage zufolge Aufklärungsdrohnen und Loitering Munition bzw. Kampfdrohnen, die für viele herkömmliche Drohnenabwehrsysteme nicht oder nur schwer erreichbar sind, aufgrund des Abstandes, den diese Drohnen halten. Das luftgestützte Sentinel-System kann aufgrund der besseren Radarausbreitung in der Luft selbst kleinere Ziele deutlich früher aufklären, als dies vom Boden aus möglich ist, besonders dann, wenn die Leistungsfähigkeit der Radare durch unterschiedliche Radarschatten begrenzt wird.

Gleichzeitig bietet der Einsatz von Luft-Luft-Abfangdrohnen weitere Vorteile, da die Abfangdrohnen im Rahmen des Abfangvorganges zumeist nur eine seitliche Entfernung zum Ziel überwinden müssen und nicht erst eine Abfanghöhe erreichen müssen. Nach Angaben des CEOs können Aufklärungsdrohnen der 10- bis 25-kg-Klasse auf mehrere Kilometer Entfernung aufgeklärt und bekämpft werden, selbst kleine und tief fliegende FPV-Drohnen lassen sich damit detektieren, dann jedoch auf kürzere Reichweiten. Genauere Angaben wollte Boelens nicht machen.

In der aktuellen Ausprägung der Drohnenkriegsführung, die auf die Echtzeitaufklärungsdaten von Aufklärungsdrohnen angewiesen ist, um damit Artilleriefeuer zu lenken oder Ziele mit Kampfdrohnen anzugreifen, kann so selbst mit wenigen Abschüssen ein großer Einfluss auf die Möglichkeit des Feindes genommen werden, seine Drohnen effektiv und effizient einzusetzen. Da es sich bei Sentinel um ein von Grund auf mobiles sowie vergleichsweise günstiges System handelt, kann es seine Wirkung nicht nur im statisch geführten Abwehrkampf über eigenem Territorium entfalten, sondern auch für offensive Operationen eingesetzt werden. Dies gilt sowohl für Angriffsoperationen im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung, um den feindbesetzten Einsatzraum von feindlichen Drohnen zu befreien, als auch für beweglich geführte Operationen bei Auslandseinsätzen. Sentinel übernimmt dabei die gleiche Funktion: Es schützt Angriffsspitzen vor feindlichen Drohnenangriffen, indem es sie begleitet oder vorausfliegt. Ebenso bewacht es Patrouillen auf dem Marsch und schützt Fahrzeugkolonnen vor Drohnen.

Das System ist zudem darauf ausgelegt, sein gewonnenes Luftlagebild mit bodengebundenen Sensoren und Effektoren zu fusionieren. Informationen zu den von Sentinel aufgeklärten Angriffsvektoren von FPV-Drohnen können dann beispielsweise an die am Boden befindlichen Truppe weitergegeben werden, die dann im besten Fall die Bekämpfung mit den verfügbaren Mitteln übernimmt oder zumindest gewarnt ist. Auch ein kombinierter Einsatz mit bodengebundenen Flugabwehrsystemen ist so möglich, ohne dass das Flugabwehrsystem seine eigene Radarsensorik einschalten muss.

Boelens betont dabei, dass es sich hier nicht um Fiktion handelt, sondern bereits real in der Ukraine eingesetzt wird. Dem CEO zufolge wurden im vergangenen halben Jahr zahlreiche Sentinel-Anwendungsfälle mit unterschiedlichen Einheiten der ukrainischen Streitkräfte nachgewiesen. Eine Skalierung des Einsatzes wäre seinen Angaben nach schnell umsetzbar. Ein breitflächiger Einsatz böte dann auch die Möglichkeit, den mit Sentinel erreichbaren Effekt über eine große Fläche und einen Zeitraum hinweg zu quantifizieren.

Wie Boelens weiter ausführt, hat auch die Bundeswehr bereits Sentinel-Systeme im Rahmen von unterschiedlichen Projekten evaluiert und beschafft. Er verweist zudem darauf, dass dies nicht nur für Testzwecke erfolgt ist. Daneben haben weitere europäische Kunden Sentinel-Systeme eingeführt.

Da das Sentinel-System plattformagnostisch entwickelt wurde, kann es auf Wunsch auf jede beliebige Plattform integriert werden, die über eine entsprechende Nutzlast und Ausdauer verfügt sowie in großen Mengen schnell produzierbar ist. Auf Kundenwunsch hat Alpine Eagle Sentinel sogar auf einer großen Multikopterdrohne realisiert Das Unternehmen sieht seine Rolle als Systemlieferant. „Der Fokus liegt darauf, das Problem der Drohnenbedrohung für unsere Kunden zu lösen – mit unserem Sentinel System wollen wir die Fähigkeit zur effizienten Drohnenabwehr liefern.“

Um das Problem zu Lösen und ein funktionierendes Produkt zu liefern, setzt Alpine Eagle dabei sowohl auf Eigenentwicklung als auch auf die Zusammenarbeit mit anderen Herstellern. „Man muss das Rad nicht neu erfinden“, beschreibt Boelens das Vorgehen seines Unternehmens. „Wenn es etwas gut Funktionierendes auf dem Markt gibt, dann nutzen wir das. Was es nicht gibt, entwickeln und bauen wir selbst.“ So wurde beispielsweise die Sentinel-Softwarelösung selbst entwickelt, auch die Sparrowhawk-Abfangdrohne wurde durch Alpine Eagle entwickelt und eine eigene Produktionslinie dafür aufgesetzt. Die Trägerplattform hingegen kommt von einem niederländischen Unternehmen, welches diese bereits seit geraumer Zeit in großen Stückzahlen fertigt und an unterschiedliche Kunden liefert.

Waldemar Geiger