Im Rahmen der Messe Milipol Paris haben die Materialspezialisten von W. L. Gore & Associates (Gore) eine Konzeptstudie für einen extrem leichten Kampfschuh auf Basis der Extraguard-Obermaterialtechnologie vorgestellt. Die Idee war es, einen Kampfschuh zu entwickeln, der Tragekomfort von Sneakern mit den Schutzaspekten von Kampfstiefeln vereint. Herausgekommen ist ein vollfunktionaler Kampfstiefel mit einem Einzelschuhgewicht von rund 600 Gramm.
Wie Gore-Vertreter gegenüber hartpunkt erklärten, bestand die Idee hinter der Konzeptstudie darin, das Potenzial der Extraguard-Obermaterialtechnologie im Rahmen der Entwicklung von neuen Kampfstiefeln auszureizen. Gore hat das Extraguard-Material 2023 für militärische Stiefel auf den Markt gebracht. Gegenüber klassischem Ledermaterial bietet Extraguard neben rund 40 Prozent Gewichtsvorteil im trockenen Zustand mehrere weitere Vorteile: die Extraguard-Kampfstiefel nehmen Gores Angaben zufolge bei Nässe deutlich weniger Wasser auf, bleiben dauerhaft wasserdicht, sind atmungsaktiv, robust und flammhemmend.
2024 folgten dann erste Kampfschuhexemplare von Schuhherstellern, bei denen Extraguard zur Anwendung gekommen ist, hier jedoch als Materialersatz für Leder. Das generelle Stiefeldesign orientierte sich weiterhin am klassischen Kampfstiefel. Die Vorteile des Extraguard-Obermaterials wurden so nur teilweise genutzt.
Nun zeigte Gore mit der Konzeptstudie in einem Folgeschritt erstmals einen Konzeptstiefel, der von Grund auf neu um die Extraguard-Technologie herum entwickelt wurde und das Potenzial voll ausreizt. Die in Paris vorgestellte Studie stellt dabei kein Serienprodukt dar, da Gore selbst Technologielieferant ist und kein Schuhhersteller. Gleichwohl soll die Studie für Gore-Markenpartner als Inspiration dienen, die nun eigene Kampfstiefel in ähnlicher Art und Weise entwickeln und im Anschluss auf den Markt bringen können.
Da sich das Material nach Angaben des Unternehmens nicht wie Leder verhält, wurde der Extraguard-Kampfstiefel für die Konzeptstudie von Grund auf neu entwickelt. Material, Konstruktion und Optik wurde dabei von Anfang an auf das Extraguard-Obermaterial ausgelegt. So wurde bei dem Design des Stiefels weitgehend auf die Nutzung von Nähten verzichtet, da diese eine potenzielle Schwachstelle darstellen – möglicher Eintrittspunkt für Wasser und Ursache für eine Druckstelle. Außerdem sparen weniger Nähte unter anderem Gewicht und Arbeitsschritte in der Produktion, ohne dass Kompromisse im Sinne der Haltbarkeit eingegangen werden müssen.
Gleichzeitig wurden auch bei der Auswahl der Sohle im Kampfstiefelbereich gänzlich neue Wege beschritten. Zum Einsatz kommt eine ETPU-Sohle, die man sonst eigentlich nur aus dem Sneaker-Bereich kennt. Die Vorteile von ETPU sind geringeres Gewicht, dauerhaftes Dämpfungsverhalten und hohe Flexibilität. Die ETPU-Sohle wird um ein modular aufgebautes Stabilisierungs-/Torsions-Element („Shank“) ergänzt, was dem Schuh die geforderte Verwindungssteifigkeit verleiht.
Im Schutzbereich verfügt der Stiefel über einen Gummi-Mudguard zum Schutz von Schaft und Extraguard-Obermaterial inklusive eines asymmetrischen Zehenschutz-Overlays. Dadurch werden Beschädigungen am Stiefel durch beispielsweise spitze Steine verhindert. Auch ein doppelter Knöchelschutz im Bereich der Trägerfläche und einer zusätzlich aufgebrachten TPU-Struktur ist vorhanden.
Bei der Auswahl des Schnürsystems wurden ebenfalls unterschiedliche Varianten – Kombination aus engen Schlaufen, Webbing Tapes und klassischen Haken – genutzt, um die jeweiligen Vorteile zu generieren. Ziel war es nach Angaben von Gore, eine gut haltende, einfach bedienbare Schnürung mit moderner Outdoor-Anmutung und militärischer Funktionalität anzubieten.
Der im Rahmen der Konzeptstudie entwickelte Kampfschuh bietet nach Ansicht von Gore dem Träger mehrere Vorteile. Der für mobile Einsatzprofile ausgelegte Schuh ist leichter als viele klassische Lederstiefel und bietet dabei gleichzeitig deutlich mehr Dämpfung. Neben dem höheren Tragekomfort und geringerem Gewicht bietet das Extraguard-Material zudem einen besseren Klimakomfort, da das Obermaterial eine gleichmäßigere Atmungsaktivität gegenüber dem Naturmaterial Leder aufweist. Hinzu kommt, dass der Fuß bei extremer Nässe weniger auskühlt, da das Obermaterial sehr viel weniger Feuchtigkeit aufnimmt, das Eindringen von Feuchtigkeit zwischen Obermaterial und Membrane im Bootie verhindert und schneller trocknet. Der Schuh bleibt also auch in der Nutzung leichter und komfortabler, weil er sich weniger mit Feuchtigkeit vollsaugt. Zudem reduziert die Konstruktion die für Kampfstiefel typische Einlaufzeit. Schlussendlich geht Gore auch davon aus, dass die Nutzung von Extraguard und der damit einhergehenden Möglichkeit Kampfstiefel gänzlich neu zu denken, einen Beitrag zur Nachwuchsgewinnung leisten kann, da man damit optisch modernere und ansprechendere Kampfschuhe designen kann, die eine Sneaker- und Trailrunning-Anmutung bieten.
Für Soldaten deutlich relevanter dürften hingegen die Gewichtsunterschiede im Vergleich zu aktuellen Kampfstiefelgenerationen sein. Während ein „Kampfsneaker-Paar“ rund 1,2 kg wiegt, wiegen die in der Bundeswehr aktuell eingeführten Stiefel abhängig vom Modell und Schuhgröße rund 1,4 kg pro Paar (Kampfstiefel, leicht) bzw. rund 1,9 kg (Kampfstiefel, schwer). Gleichwohl muss konstatiert werden, dass ein 1-zu-1-Vergleich nur dann sinnvollerweise durchgeführt werden kann, wenn gleiches mit gleichem verglichen wird. Also Stiefel die jegliche Nutzerforderung – bspw. auch Isolierung vor Kälte – in Gänze erfüllen. Der Gewichtsunterschied dürfte jedoch genug Gewichtsspielraum für Integration von geforderten Fähigkeiten aufweisen.
Waldemar Geiger
















