Der Lenkflugkörper-Spezialist MBDA Deutschland hat für seinen sogenannten Multi-Domain-Effektor RCM² einen ambitionierten Zeitplan entwickelt. Wie Joachim Gilch, Leiter Konzepte, Research und Technologie bei MBDA Deutschland, am Dienstag auf dem Air Force Tech Summit des CPM-Verlages in Berlin erläuterte, soll bis Ende des übernächsten Jahres der erste Start des Flugkörpers vom Boden aus erfolgen. Wesentliche Komponenten wie Airframe, Triebwerk und Basiselektronik seien im Zulauf. Bis Ende 2028 sei dann eine Demonstration geplant, bei der der RCM² mit umfassender Sensorik-Ausstattung eine komplette Mission absolvieren solle. Wie es auf der Veranstaltung hieß, soll dann im Jahr 2029 die Qualifikation erfolgen, damit in den 30er-Jahren die Serienproduktion aufgenommen werden kann.
MBDA Deutschland hatte den RCM² – das Kürzel steht für Multidomain Multirole Remote Carrier – im vergangenen Jahr bei der Luftfahrtmesse ILA in Berlin erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Laut Hersteller soll der RCM² für ein breites Wirkspektrum – sowohl kinetisch als auch im elektromagnetischen Spektrum – einsetzbar sein und dabei eine hohe Reichweite aufweisen. Es ist vorgesehen, die Waffe sowohl aus der Luft als auch vom Boden und von See aus zu verbringen.
Wie auf der CPM-Veranstaltung deutlich wurde, will sich auch das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw an der Finanzierung eines RCM²-Demonstrator-Systems beteiligen, weil der Flugkörper der 400kg-Klasse auch als Remote Carrier im Rahmen des Future Combat Air System (FCAS) betrachtet wird. Im Rahmen des nationalen Unterprogramms „Combat Fighter System of System Nucleus“ (CFSN) soll der RCM² einer von zwei oder drei Demonstratoren sein, die eingebunden werden.
Nach Aussage von Gilch benötigt sein Unternehmen möglichst bald die Anforderungen der Luftwaffe für das Waffensystem, wenn diese in die Entwicklung einfließen sollen.
Seinen Ausführungen zufolge soll der RCM² mit unterschiedlichen Nutzlasten bestückt werden können, neben klassischen Gefechtsköpfen unter anderem mit elektro-optischen Systemen zur Aufklärung. Langfristig werde auch an die Wirkung im elektromagnetischen Spektrum gedacht.
Vorgesehen seien Interfaces des Flugkörpers für die Verbringung mit dem Eurofighter oder im Transportflugzeug A400M. Beim letzteren dürfte es um den Start von palettierten Flugkörpern aus dem Frachtraum des Fliegers gehen. Für den Start vom Boden werde ein spezieller Launch-Kanister entwickelt, der auch für den Transport genutzt werden kann, sagte Gilch.
Der RCM² solle sowohl über einen Intra-Vehicle-Datenlink für die Kommunikation mit Flugzeugen wie dem Eurofighter verfügen, als auch einen Satelliten-Datenlink erhalten. Mit letzterem kann die Waffe dann auch außerhalb der Sichtlinie von Plattformen in der Luft, auf Land sowie See geführt werden. Die Verbindung solle über das bundeswehreigene SATCOMBw 2 und 3 hergestellt werden, sagte Gilch. Durch die Datenlinks werde eine Vernetzbarkeit mit den Führungssystemen der Teilstreitkräfte sichergestellt. Dafür seien dezidierte Schnittstellen zu den spezifischen Führungssystemen vorgesehen.
Bei der Entwicklung des Flugkörpers habe eine „extrem hohe Durchsetzungsfähigkeit“ oberste Priorität, betonte Gilch. Diese soll durch eine Optimierung der Signatur sowie robuste Navigation erreicht werden, etwa durch bildgebende Systeme, die kein GPS benötigen. Überdies seien agile Flugprofile vorgesehen.
Bei der bodengestützten Variante mit einem Booster wird seinen Worten zufolge eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern angestrebt. Bei Launch aus der Luft erhöhe sich diese weiter. Um diese Ziele zu erreichen, sei eine optimale Konfiguration von Gewicht, Treibstoff und einem hocheffizienten Triebwerk erforderlich. Wie es auf dem Air Force Tech Summit hieß, liefert die Kölner Firma AeroDesignWorks das Turbojet-Triebwerk mit 2,8 kN Leistung.
Das Gefechtskopfsystem soll den Aussagen zufolge über einen Infrarotsuchkopf sowie einen passiven Radarsuchkopf verfügen und rund 90 Kilogramm wiegen, wobei 60 bis 70 Kilogramm davon auf den Gefechtskopf entfallen.
Gilch sagte, dass der RCM² wahrscheinlich vollständig ohne der US-Exportkontrolle unterliegenden ITAR-Komponenten hergestellt werden kann. Insgesamt sei eine hohe nationale Wertschöpfung, insbesondere bei den Schlüsselkomponenten wie der Software der Waffenanlage vorgesehen.
Lars Hoffmann


















