Open Source Intelligence neu denken – von der Datensammlung zur integrierten Entscheidungsunterstützung

Alana Gramm

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Als Anfang Juni 2025 im Rahmen der sogenannten Operation Spiderweb mehrere russische Langstreckenbomber tief im eigenen Territorium zerstört wurden, waren es nicht nur Geheimdienste, die den Angriff nachvollziehen konnten, sondern die globale Öffentlichkeit. Binnen Stunden kursierten auf Social-Media-Plattformen erste Videos, wenige Tage später lagen hochauflösende Satellitenbilder vor, die den Schaden an den Basen Olenya und Belaya belegten.

Die eigentliche Besonderheit lag jedoch weniger in der Operation selbst als in ihrer Sichtbarkeit: Offene Quellen ermöglichten eine nahezu lückenlose Rekonstruktion eines militärischen Ereignisses von strategischer Tragweite. Dieser Fall markiert exemplarisch den Übergang zum „Gläsernen Gefechtsfeld“ – und zeigt, dass OSINT heute ein taktisch-strategisches Mittel ist.

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OSINT: Definition und Anspruch

OSINT (Open Source Intelligence) ist die strukturierte Sammlung, Verknüpfung und Analyse frei zugänglicher Informationen aus offenen Quellen – von Internet- und Social-Media-Inhalten über Register und Datenbanken bis hin zu Medienbeiträgen, Karten und Satellitenbildern. Ziel ist es, daraus überprüfbare und nachvollziehbare Erkenntnisse für Ermittlungen, Lagebilder und Entscheidungen abzuleiten – unter Beachtung ethischer Grenzen sowie methodischer Standards.

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Inzwischen ist OSINT sowohl für Polizeibehörden als auch zunehmend für bestimmte Bereiche der Bundeswehr ein fester Bestandteil der Arbeit. Trotz gemeinsamer Grundlagen unterscheiden sich Nutzung, Zielsetzungen und Einbettung deutlich. Wie der eingangs skizzierte Fall zeigt, prägen offene Quellen operative und strategische Entscheidungen – vorausgesetzt, sie werden mit klarem Erkenntnisinteresse, auf Basis aktueller Datenlagen und durch qualifiziertes Personal genutzt.

OSINT bei der Polizei

Polizeiliches OSINT dient der Gefahrenabwehr und Strafverfolgung. Es richtet sich auf konkrete Delikte, Personen und Netzwerke und muss Anforderungen an Nachvollziehbarkeit und Belegbarkeit erfüllen. Auch strategische Lagebilder und Gefährdungseinschätzungen können mit OSINT erstellt werden; das Erkenntnisinteresse bleibt dabei eng zweckgebunden.

In der Praxis reicht das Spektrum von Eigensicherung und Lageaufklärung in akuten Krisensituationen bis zu langfristigen, strategischen Ermittlungsverfahren. Zeitkritische Lagen unterscheiden sich deutlich von mehrstufigen Analysen in der Wirtschaftskriminalität. Relevanz entsteht erst durch qualifiziertes Personal und saubere Methodik: Quellenkritik, Triangulation, Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

Triangulation bedeutet, eine Behauptung unabhängig durch mehrere unterschiedliche Quellen oder Datentypen abzusichern – dazu können etwa mehrere voneinander unabhängige Social-Media-Beiträge gehören, die sich gegenseitig bestätigen, oder der Abgleich mit nicht-öffentlichen Informationen, etwa aus behördlichen Systemen.

Daten gewinnen Bedeutung, wenn sie richtig analysiert und erklärlich gemacht werden. Fortbildung und Übung sind dafür ebenso wichtig wie technische Innovationen.

Fall: Puget-sur-Argens 2025

Ein aktuelles Beispiel: Nach einem tödlichen Schusswaffenangriff übernahm die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft die Ermittlungen – ausgelöst durch die Auswertung offener Quellen. Der Täter veröffentlichte online Inhalte mit rassistischem und fremdenfeindlichem Gedankengut, darunter ein Selbstbekenntnis per Video vor der Tat. Ermittler konnten anhand der geposteten Inhalte den Radikalisierungsverlauf des Täters nachvollziehen. Diese OSINT-Erkenntnisse trugen maßgeblich zur Einstufung als terroristische Tat bei und zeigen, wie offene Quellen Ermittlungen unterstützen können.

Militär: Frühwarnlogik

Im militärischen Kontext bleibt die Methodik gleich, der Fokus verlagert sich jedoch auf Lageverständnis und Frühwarnung. OSINT liefert Indikatoren zu geopolitischen Entwicklungen, gegnerischen Fähigkeiten, Logistik, Infrastruktur und Dynamiken im Informationsraum und wird mit anderen Aufklärungsdisziplinen (SIGINT, IMINT, GEOINT) in Führungs- und Informationssysteme zur Entscheidungsunterstützung integriert.

Die Bundeswehr muss OSINT-Fähigkeiten in Friedenszeiten etablieren und auf hohem Niveau trainieren: Sensorik, Datenpipelines, Verfahren, Ausbildungs- und Übungsformate dürfen nicht erst im Krisenfall entstehen – so wie ein Panzer auch nicht erst am ersten Kriegstag gefertigt wird und die Besatzung nicht erst im Einsatz damit beginnt, Handgriffe zu üben.

Risiken methodischer Fehlgriffe (Beispiel: Przewodów 2022)

Als Gegenakzent zur Chancenperspektive mahnt der Polen-Vorfall von Przewodów (15. November 2022) zur Vorsicht: Unmittelbar nach der Explosion mit zwei Toten kursierten in Medien und sozialen Netzwerken voreilige Zuschreibungen an Russland – erst die spätere Auswertung offizieller und offener Quellen ergab, dass die Detonation sehr wahrscheinlich durch eine ukrainische Flugabwehrrakete während massiver russischer Angriffe ausgelöst wurde.

Besonders im operativen Kontext – etwa bei der Eigensicherung und in dynamischen Lagen – können Fehlschlüsse aus unzureichend verifizierten offenen Quellen unmittelbar Sicherheitsentscheidungen falsch beeinflussen. Die Folgen sind real: Sie reichen von diplomatischen Verwerfungen und Fehlentscheidungen auf Bündnisebene bis hin zu verletzten oder getöteten Menschen.

Die gezielte Streuung von Falsch- oder Desinformation ist ein Mittel hybrider Kriegsführung, um Verunsicherung in der Truppe und in der Gesellschaft als Ganzes zu erzeugen, das politische System zu destabilisieren und die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu schwächen. Die Fähigkeit, Fakten von Falsch- oder Desinformation zu unterscheiden, ist sowohl im strategischen als auch im taktischen Bereich von großer Bedeutung.

Plattform + KI + Governance

Um die Kriegstüchtigkeit im Informationsraum zu gewährleisten, werden dynamische Echtzeit-Lagebilder unter Einbeziehung multipler Informationsquellen benötigt. Die Herausforderung besteht in der Entwicklung rechtskonformer Plattformen, die Daten aus internen Systemen mit dynamischen, öffentlich verfügbaren Daten unter Einhaltung der Datensouveränität dauerhaft verknüpfen und KI-unterstützt auswerten können, um so schneller „vor die Lage“ zu kommen.

Ein leistungsfähiger Plattformanbieter aus der Wirtschaft kann Innovation bündeln, kleinere OSINT-Akteure vernetzen und dynamische Daten standardisiert in behördliche Systeme einspeisen – idealerweise in enger Kooperation mit Behörden.

Europäisch kooperieren

OSINT ist kein rein staatlicher Auftrag, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Staat, Wirtschaft und Wissenschaft müssen kooperieren, da gegnerische Akteure Ressourcen nicht nach Sektoren trennen. Europa sollte seine OSINT-Fähigkeiten für definierte Verteidigungszwecke bündeln, um europäische Handlungsfähigkeit im Informationsraum nachhaltig sicherzustellen.

Erforderlich sind dazu gemeinsame Standards, interoperable Plattformen, geteilte Übungs- und Ausbildungsformate, sprachliche und regionale Kompetenzen sowie agile Pilotprojekte, die schnell in den Regelbetrieb überführt werden.

Fazit: Erkenntnis statt Datensammeln

OSINT ist eine strategische Fähigkeit, die sowohl von Behörden der inneren Sicherheit als auch von den Streitkräften in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt wird. Sie basiert jedoch auf denselben methodischen Fundamenten. Entscheidend sind ein klar definiertes Erkenntnisinteresse, methodische Kompetenz sowie die Fähigkeit, heterogene Informationen aus dynamischen Quellen zu einem belastbaren Lagebild bzw. sachdienlichen Erkenntnissen zu verdichten.

Wirksames OSINT entsteht aus qualifiziertem Personal, effizienten Prozessen und technisch ausgereiften Plattformarchitekturen. Diese müssen Echtzeitlagebilder unter Einbeziehung aller relevanten Informationsquellen ermöglichen – stets unter Wahrung rechtlicher Standards und Datensouveränität.

Wer diese Schlüsselbereiche konsequent adressiert, verkürzt die Zeit bis zur Erkenntnis, erhöht die Entscheidungsgüte und schafft einen dauerhaften Handlungs- und Entscheidungsvorteil – in Frieden, Krise und Krieg.

Gastautorin: Dr. Alana Gramm ist in der Beratungs- und Technologiebranche tätig und auf das Themengebiet OSINT spezialisiert.