Die USA, Russland, China und weitere Staaten arbeiten gegenwärtig an der Entwicklung sogenannter Hyperschallwaffen, die mit einer Geschwindigkeit von mehr als Mach 5 das gegnerische Territorium erreichen können. Auch Deutschland und Großbritannien wollen im Rahmen des European Long-Range Strike Approach Abstandswaffen großer Reichweite bauen. Die Hyperschall-Technologie gilt dabei als mögliche Option. Herausfordernd ist unter anderem die Steuerung einer Hyperschallwaffe, da diese komplexe Flugmanöver bei hoher Geschwindigkeit in der Atmosphäre vollführen soll, um ein Abfangen zu erschweren.
Zunächst aber gilt es, das Hyperschallvehikel auf die gewünschte Geschwindigkeit jenseits Mach 5 zu beschleunigen, bevor es sich löst und in die antriebslose Gleitphase übergehen kann. Bei einem solchen Antrieb schien Deutschland bisher wenige Optionen zu haben, da große Trägerraketen, die für eine solche Aufgabe geeignet sind, bisher unter Führung anderer Staaten hergestellt wurden. Durch die Verfügbarkeit des Raketenantriebs mit der Bezeichnung „RED KITE“ der MBDA-Tochter Bayern-Chemie, der für Höhenforschungsraketen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt wurde, könnte sich die Situation jedoch grundlegend geändert haben.
RED KITE befördert Höhenforschungsraketen wie der MAPHEUS-14, die im vergangenen Jahr von der schwedischen Raketenbasis Esrange in der Nähe von Kiruna gestartet wurde, in eine Höhe von 265 Kilometern, damit diese anschließend ihre wissenschaftliche Fracht sechseinhalb Minuten lang in Schwerelosigkeit zu halten und dabei Experimente ermöglichen.
Beim Start der MAPHEUS-14 im Februar vergangenen Jahres von der Mobilen Raketenbasis MORABA des DLR kam neben dem RED KITE als zweite Raketenstufe ein Improved Malemute, ein militärischer Motor der für den zivilen Forschungseinsatz umgewidmet und ebenfalls von der Bayern-Chemie bereits vor über 30 Jahren produziert wurde, zum Einsatz, wie aus einer Mitteilung des Unternehmens hervorgeht. Somit habe das Antriebssystem der Höhenforschungsrakete erstmals vollständig in deutscher Hand gelegen, heißt es darin.
Gut informierten Kreisen zufolge können mit einem RED-KITE-Raketenmotor, der rund eine Tonne Treibstoff enthält, Nutzlasen von etwa 200 Kilogramm auf rund 260 Kilometer Höhe transportiert werden. Dabei soll beim Schuss mit einem Winkel von 90 Grad zur Erdoberfläche eine Geschwindigkeit von Mach 8 erreicht worden sein. Beim Schuss im Winkel von 45 Grad sollen gar Mach 10 zu realisieren sein. Mach 10 scheint auch möglich, sollte ein Flugkörper mit RED-KITE-Motor von einem Flugzeug gelauncht werden.
Der Motor soll sich bislang bewährt haben, da das DLR bereits mehrere Forschungsraketen mit dem Antrieb ins Weltall geschossen hat, und sich der Motor offenbar in Serienproduktion befindet. Im Gegensatz zu anderen Raketen, die für die zivile Raumfahrt genutzt werden, handelt es sich beim RED KITE um einen Feststoffraketenmotor, der quasi unbegrenzt lagerfähig und sofort einsetzbar ist, und nicht vor dem Start betankt werden muss. Militärische Raketen nutzen in der Regel eine Feststoffmotor.
Wie Insider berichten, könnten bei Bedarf bis zu drei RED KITES miteinander verbunden werden, um höhere Umlaufbahnen im All zur erreichen. Damit könnten womöglich Höhen von 900 Kilometern und Geschwindigkeiten von Mach 20 erreicht werden.
Nun bleibt abzuwarten, ob Deutschland bei der möglichen Entwicklung von Deep-Precision-Strike-Waffen auf den RED KITE zurückgreift. Zumindest die MBDA scheint bereits die militärische Anwendung des Antriebs im Blick zu haben. So wurde bei der Weltraumkonferenz des BDLI in der vergangenen Woche in Berlin neben einem Modell des RED KITE auch eine Grafik gezeigt, in der eine Rakete größeren Kalibers von einem militärischen Trägerfahrzeug gestartet wird.
Wie die Bayern-Chemie in einer Mitteilung schreibt, ist der RED KITE als Erst- und Zweitstufe für mehrstufige Höhenforschungsraketen ausgelegt. Das DLR beauftragte demnach das Unternehmen aus Aschau am Inn Ende 2019 mit der Entwicklung und Fertigung eines neuartigen Feststoff-Raketenmotors. Der RED KITE sei der größte jemals in Deutschland gebaute Feststoff-Raketenmotor, schreibt die Bayern-Chemie Seine Entwicklung dauerte laut Hersteller weniger als vier Jahre und wurde im September 2023 abgeschlossen.
Kurz darauf gelang mit dem Jungfernflug im November 2023 die erfolgreiche Flugqualifikation im Rahmen der SOAR Mission (Single Stage Operational Assessment of Red Kite) von der norwegischen Insel Andøya aus. Dies habe den Regelbetrieb für zukünftige Missionen von Höhenforschungsraketen zur Forschung bei Schwerelosigkeit oder Hyperschallgeschwindigkeiten eröffnet.
Lars Hoffmann














