Die Deutsche Marine will in Zukunft unbemannte Überwasserfahrzeugs – sogenannte Unmanned Surface Vehicles (USV) – gemeinsam mit anderen bemannten und unbemannten Einheiten einsetzen.
Nach den Vorstellungen der Marineplaner sollen bereits im Einsatz befindliche Überwassereinheiten mit mindestens 18 schwarm- und „strikefähigen“ „Future Combat Surface Systems“ (FCSS) ergänzt werden. Die Erprobung der unbemannten Systeme erfolgt im Rahmen der sogenannten Operational Experimentation (OPEX). Darunter wird das Testen neuer Technologien durch die Streitkräfte unter realistischen Einsatzbedingungen – im Vorgriff einer Beschaffung – verstanden. Danach soll möglichst eine unbürokratische Beschaffung von geeigneter Technologie erfolgen.
Nachdem bereits die OPEX für unbemannte Unterwassersysteme erfolgreich abgeschlossen wurde, hat das Bundeswehr-Planungsamt als verantwortliche Stelle zwei Zeitfenster zur Durchführung der OPEX für das FCSS in den kommenden Monaten ausgewählt, in denen zwei unterschiedliche Fahrzeuge getestet werden sollen.
Nach Veröffentlichung der beiden OPEX-Ausschreibungen vor einigen Monaten waren Beobachter davon ausgegangen, dass nur wenige marktverfügbare autonome Boote geeignet sind, um die in den Ausschreibungen enthaltenden Forderungen zu erfüllen – so etwa einen Technologiereifegrad von 9 sowie die Nutzung einer 30mm-Kanone. Insider hatten deshalb auf die Research Platform Enforcer von Saab, die auf einem mit dem Autonomous Ocean Core – einer speziellen Software – ausgestatteten Combat Boat 90 basiert, als einen potenziellen Gewinner der Ausschreibung getippt. Als weiterer heißer Kandidat galt das vom israelischen Unternehmen Elbit Systems entwickelte USV Seagull, das sich bereits im Einsatz bei mindestens einer Marine befinden soll.
Wie hartpunkt aus gut informierten Kreisen erfahren hat, werden jedoch beide Modelle nicht an der OPEX teilnehmen. Dem Vernehmen nach soll im Fall von Saab beim vorgesehenen Zeitfenster der Enforcer aufgrund von anderweitigen Verpflichtungen nicht zur Verfügung gestanden haben.
Dagegen soll sich gut informierten Kreisen zufolge ein Team bestehend aus der mittelständischen Werft Tamsen Maritim sowie dem Navigationsspezialisten Anschütz erfolgreich auf eine der beiden Ausschreibungen beworben haben. Anschütz hatte erst kürzlich ein autonomes Navigations- und Einsatzsystem vorgestellt, das laut Hersteller unter Verwendung bewährter, verfügbarer und zugelassener Komponenten Marinestreitkräften erhöhte Sicherheit und nachhaltige Fähigkeiten für unbemannte Systeme bietet. Gleichzeitig werde mit dem System die volle technologische Souveränität gewahrt. Wie das Unternehmen mitteilte, ist das System unter anderem für die Überwachung und Steuerung unbemannter Überwasserschiffe geeignet.
Neben der autonomen Navigation ermögliche es eine hochflexible, autonome Ausführung verschiedener Missionen sowie die Datenübertragung und -fusionierung zu einem gemeinsamen Lagebild.
Wie es heißt, soll als Schiffsplattform für das Anschütz-Navigationssystem ein modernisiertes Combat Boat 90 genutzt werden. Dabei handelt es sich offenbar um das gleiche Boot, das die Bundespolizei beim G-8-Gipfeltreffen 2007 in Heiligendamm im Einsatz hatte. Dieses über 30 Knoten schnelle Boot war ausgemustert worden und stand zum Verkauf.
Offenbar nicht mehr vorgesehen ist im Rahmen der OPEX, an der Tamsen und Anschütz teilnehmen werden, die Nutzung einer 30mm-Kanone im scharfen Schuss. Der Einsatz einer Waffe soll wohl nur noch simuliert werden.
Wie es in Fachkreisen heißt, ist die zweite Ausschreibung, die einen Test im November vorsieht, von der Fassmer-Werft gewonnen worden sein. Insider gehen davon aus, dass Fassmer mit dem Partner ST Engineering aus Singapur ins Rennen gegangen ist. Die Werft aus Berne verfügt über gute Kontakte in den Stadtstaat und war vor einigen Jahren beauftragt worden, vier Offshore Patrol Vessels für die singapurische Marine zu liefern.
Die Republic of Singapore Navy (RSN) setzt bereits seit Jahresbeginn mit dem MARSEC USV ein unbemanntes Überwasserfahrzeug zur Kontrolle der eigenen Hoheitsgewässer ein. Seit Februar sind Boote mit einer Verdrängung von 30 Tonnen und einer Geschwindigkeit über 30 Knoten zusammen mit bemannten Einheiten auf Patrouillenfahrt. Wie die RSN schreibt, werden die Boote von zwei Personen ferngesteuert.
Entwickelt wurden die MARSEC USV demnach in Partnerschaft mit der Defence Science & Technology Agency (DSTA) und den DSO National Laboratories. Das USV verfügte über modernste Technologie und sei mit einem autonomen Navigationssystem ausgestattet. Eine Schlüsselrolle für das Konzept spielt offenbar das Unternehmen ST Engineering.
Sollte Fassmer im Nachgang der OPEX mit der Lieferung von FCSS beauftragt werden, gehen Beobachter davon aus, dass zum einen die Boote in Deutschland gebaut würden und zum anderen die genutzte Software hierzulande weiterentwickelt würde.
Lars Hoffmann

















