Die RENK Group AG, ein deutscher Anbieter von Antriebslösungen für den militärischen Bereich, hat gestern auf der Rüstungsmesse DSEI in London erstmals das neu entwickelte Getriebe HSWL 076 der Öffentlichkeit vorgestellt. Das System wurde für das finnische Verteidigungs- und Technologieunternehmen Patria entwickelt und ist laut Hersteller auf die Anforderungen moderner, leichter Kettenfahrzeuge zugeschnitten. Es sei das erste einer neuen Generation von Getrieben und ebne den Weg hin zu einem digitalisierten Antriebsstrang, schreibt das Unternehmen.
Getestet wurde das Getriebe im ersten Kettenfahrzeug des finnischen Patria-Konzerns mit dem Namen TRACKX, das gestern ebenfalls auf der DSEI vorgestellt wurde. Nach Angaben von Patria wurde der Transportpanzer entwickelt, um selbst das schwierigste Gelände leise und schnell zu bewältigen. Die Höchstgeschwindigkeit des TRACKX soll bei rund 90 km/h liegen, womit auch das Getriebe besonders hohen Ansprüchen genügen muss. Wie RENK-CEO Alexander Sagel im Gespräch mit hartpunkt erläuterte, hat das Getriebe bereits mehr als 2.000 km Teststrecke absolviert.
Der Patria-Transportpanzer wurde von dem finnischen Unternehmen im Rahmen des multinationalen, vom European Defence Fund finanzierten Entwicklungsprogramms FAMOUS, in Zusammenarbeit mit seinen Industriepartnern und den Mitgliedsländern des Programms entwickelt und soll bis zu 12 Soldaten mit Ausrüstung aufnehmen. Unter anderem ist er auch zu schneller Fahrt bei Tiefschnee prädestiniert, wozu ihn besonders breite Gummiketten befähigen, die wiederum erhebliche Kräfte auf das Getriebe ausüben. Patria strebt eine Serienproduktion im Jahr 2027 an. Insider gehen von einem Marktpotenzial für das Fahrzeug, das leichte Panzer wie den M113 oder den MT-LB aus russischer Produktion ersetzen könnte, von mehreren Tausend Stück aus.
„Mit dem HSWL 076 setzen wir einen neuen Standard für Antriebstechnologie in leichten Kettenfahrzeugen. Die partnerschaftliche Entwicklung mit Patria und die konsequente Ausrichtung auf zukünftige Anforderungen zeigen, wie wir bei RENK Innovation praxisnah und kundenorientiert umsetzen“, betont Unternehmens-CEO Sagel. Der Prototyp des HSWL 076 ist laut RENK in weniger als zwei Jahren entstanden und soll sukzessive auch Drive-by-Wire-fähig werden.
Erste Funktionsversuche für diese Fähigkeit werden laut RENK gerade durchgeführt. Bereits heute sei das HSWL 076 für hybride Antriebe vorbereitet und verfüge über eine integrierte digitale Schnittstelle sowie Überwachungssysteme. Damit ist das Getriebe auf die Nutzung von Assistenzsystemen und autonome Fahrfunktionen ausgerichtet und könnte auch bei unbemannten Kettenfahrzeugen zum Einsatz kommen. Nach Einschätzung von Firmenchef Sagel werden diese Umanned Ground Vehicles (UGV) ab den 2030er-Jahren eine größere Rolle spielen und in bedeutenden Stückzahlen eingeführt. Wohl auch aufgrund dieser Perspektive ist RENK vor wenigen Monaten eine Partnerschaft mit ARX Robotics, einem Start-up und führenden Entwickler von UGV, eingegangen.
Mit seiner kompakten Bauweise, dem geringen Trockengewicht von circa 700 kg und der hohen Leistungsdichte eigne sich das HSWL 076 speziell für leichte Kettenfahrzeuge im Bereich von 13 bis 21 Tonnen. Das integrierte Lenksystem ermöglicht laut Hersteller eine präzise Steuerung und hohe taktische Manövrierfähigkeit. Den Angaben zufolge besteht das Getriebe aus mehr als 8.000 Einzelteilen, von denen eine erhebliche Anzahl speziell konstruiert wurde. Umschlossen wird das HSWL 076 von einem Monoblock aus Aluminiumguss, der vom Unternehmen selbst hergestellt wird. Das Automatik-Getriebe verfügt über sechs Vorwärts- und sechs Rückwärtsgänge, womit es dem Nutzer die gleiche Geschwindigkeit in der Vorwärts- wie in der Rückwärtsfahrt ermöglicht.

Dem Unternehmen zufolge wird die Drive-by-Wire-Technologie bereits im Getriebe des Typs HSWL 256, das in den Schützenpanzern Puma, Ascod oder Lynx zum Einsatz kommt, erprobt. Dazu verfügt dieses Getriebe über sogenannte Add-on-Kits mit elektrischen Aktuatoren, wie einem Stellmotor. Ein HSWL 256 mit entsprechender Zusatzausstattung soll sich dem Vernehmen nach bereits auf dem Prüfstand befinden. Den Angaben von RENK zufolge ist die Markteinführung des HSWL 076 auf eine langfristige Verfügbarkeit und attraktive Konditionen ausgelegt, insbesondere für Programme mit hohen Produktionszahlen. Dem Vernehmen nach laufen bereits Gespräche mit weiteren Kunden neben Patria.
Lars Hoffmann


















