Nach der erfolgten Beschaffung von Loitering-Munition-Systemen (LMS) mittlerer Reichweite will die Bundeswehr das Beschaffungstempo weiter hochhalten und zügig weitere LMS für kürzere sowie längere Reichweiten kaufen und in die Truppe einführen. So erklärte Generalleutnant Heico Hübner, Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres und Kommandeur Militärische Grundorganisation, erst kürzlich laut einem veröffentlichten Manuskript seiner Keynote auf einem Parlamentarischen Abend, dass Loitering-Munition-Systeme großer Reichweite auf den Ebenen Division und Korps sowie LMS kurzer Reichweite auf Bataillonsebene eingeführt werden sollen.
Gut informierten Kreisen zufolge ist die Beschaffungsabsicht für die neuen LMS-Kategorien bereits weit fortgeschritten. So hat das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw dem Vernehmen nach vor wenigen Wochen eine Marktsichtung für die zwei Kategorien LMS Nahbereich und LMS kurze Reichweite eingeleitet. Gesucht werden den Kreisen zufolge Systeme mit einer operationellen Reichweite von 5 bis 20 km (Nahbereich) und 20 bis 40 km (kurze Reichweite). Im Gegensatz zu LMS mittlerer Reichweite (HX-2 von Helsing, FV-014 von Rheinmetall und Virtus von STARK) sollen die beiden „kleineren“ LMS-Kategorien auf- und abgesessen mitgeführt und eingesetzt werden können. Gleichwohl interessiert man sich offenbar nur für Systeme, die in der Lage sind, eine breite Wirkmittelkategorie – bis hin zum Kampfpanzer – zu bekämpfen.
Inwieweit die in der Marktsichtung geforderten Leistungskriterien auch eine Berücksichtigung in der finalen Beschaffung Anwendung finden, ist derzeit nicht bekannt. Generell dient eine Marktsichtung jedoch dem Ziel, den aktuellen Stand des machbaren abzuprüfen, der neben den technischen Möglichkeiten einzelner Systeme und Komponenten auch industrielle Aspekte (Verfügbarkeit und Skalierung) beinhaltet.
Gleichzeitig lassen sich bereits aus der Interessenbekundung interessante Hinweise herausdeuten. Die Unterteilung in zwei unterschiedliche Kategorien bei vergleichbaren Anwendungsbereichen deutet darauf hin, dass zwei unterschiedliche LMS-Designs zum Einsatz kommen werden. Bei den Nahbereichs-LMS dürfte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Systeme mit Rotorantrieb handeln, während die Anforderung für die Systeme „kurzer Reichweite“ – also ein operationelle Reichweite von bis zu 40 km – auf Tragflächen-LMS oder X-Wing-LMS hindeutet. Die Forderung nach einem abgesessenen Einsatz dürfte zudem ein Indiz darauf sein, dass die LMS samt Startvorrichtung nicht mehr oder viel mehr als 5 bis 10 Kilogramm wiegen dürfen. Bei den Nahbereichs-LMS könnte es sogar noch weniger sein.
Was das Beschaffungsprozedere angeht, gehen Beobachter davon aus, dass die Beschaffung der LMS mittlerer Reichweite als Blaupause für die Beschaffungsvorhaben der weiteren LMS-Kategorien dienen wird. Kreise rechnen damit, dass erste Verträge Ende 2026 bzw. Anfang 2027 gezeichnet werden, nachdem der Bundestag die entsprechenden Vorhaben gebilligt hat. Es wird zudem erwartet, dass auch bei der Beschaffung von Loitering Munition für den Nahbereich und kurze Reichweite ebenfalls mehrere Hersteller – ohne vorherigen Wettbewerb – Lieferzuschläge erhalten könnten. Die Bundeswehr scheint eine solche Strategie aktuell gehäuft bei Beschaffungsvorhaben neuer Fähigkeiten und Technologien anwenden zu wollen. Wie beispielsweise Verteidigungsminister Boris Pistorius im Rahmen seiner vor Ostern erfolgten Australienreise erklärte, denkt man darüber nach, auch bei der Beschaffung von Lasersystemen zur Abwehr von Bedrohungen aus der Luft ähnlich vorzugehen und erstmal eine geringe Anzahl von Systemen unterschiedlicher Anbieter zu kaufen, um diese dann in der Truppe zu erproben. Vordefinierte Abbruchmeilensteine in der Entwicklungsphase sowie Innovationsklauseln in den Verträgen begrenzen zudem das Risiko der Bundeswehr Systeme zu kaufen die entweder nicht die gewünschte Leistung erbringen oder zu schnell veralten.
Waldemar Geiger

















