Der französische Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer haben vereinbart, ihre Zusammenarbeit im Bereich der nuklearen Abschreckung zu vertiefen und enger denn je zuvor zusammenzuarbeiten. Die jeweiligen Abschreckungsmaßnahmen beider Länder bleiben unter nationaler Kontrolle, können jedoch als Reaktion auf größere Bedrohungen für den europäischen Kontinent koordiniert werden.
Die Ankündigung erfolgte im Rahmen eines dreitägigen offiziellen Staatsbesuchs des französischen Präsidenten im Vereinigten Königreich, bei dem eine Reihe von Verteidigungsabkommen unterzeichnet wurden.
In einer Erklärung des britischen Premierministeramtes mit dem Titel „Northwood Declaration (UK-France joint nuclear statement)“ vom 10. Juli 2025 heißt es dazu:
„Der Präsident der Französischen Republik und der Premierminister des Vereinigten Königreichs bekräftigen ihr langjähriges und entschlossenes Engagement bezüglich der nuklearen Zusammenarbeit. Es gibt keinen besseren Beweis für die Stärke und Bedeutung unserer bilateralen Beziehungen als unsere Bereitschaft, in diesem äußerst sensiblen Bereich zusammenzuarbeiten. In diesem Zusammenhang würdigen wir die wichtigen Erfolge seit 2010.
Unsere Atomwaffen dienen dazu, die extremsten Bedrohungen für die Sicherheit unserer Nationen und unsere vitalen Interessen abzuwehren. Unsere Nuklearstreitkräfte sind unabhängig, können jedoch koordiniert werden und leisten einen wesentlichen Beitrag zur allgemeinen Sicherheit des Bündnisses sowie zum Frieden und zur Stabilität im euro-atlantischen Raum.
Wie wir seit 1995 ausdrücklich betonen, sehen wir keine Situationen, in denen die vitalen Interessen Frankreichs oder des Vereinigten Königreichs bedroht sein könnten, ohne dass auch die vitalen Interessen des anderen Landes bedroht wären. Frankreich und das Vereinigte Königreich sind sich einig, dass es keine extreme Bedrohung für Europa gibt, die nicht eine Reaktion unserer beiden Nationen hervorrufen würde.
Frankreich und das Vereinigte Königreich haben daher beschlossen, ihre nukleare Zusammenarbeit und Koordinierung zu vertiefen. Es wird eine britisch-französische Nuklear-Lenkungsgruppe eingerichtet, die die politische Ausrichtung dieser Arbeit vorgeben wird. Sie wird vom Präsidialamt der Französischen Republik und dem Cabinet Office geleitet und wird die Koordinierung in den Bereichen Nuklearpolitik, Fähigkeiten und Operationen übernehmen.
Das Vereinigte Königreich und Frankreich sind die einzigen Atommächte Europas, deren Abschreckungsmittel einen wesentlichen Beitrag zur allgemeinen Sicherheit der NATO und des euro-atlantischen Raums leisten.
Das Vereinigte Königreich und Frankreich bekräftigen ihre uneingeschränkte Unterstützung für den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen und für unsere Verpflichtungen aus diesem Vertrag. Wir werden uns noch enger abstimmen, um die internationale Nichtverbreitungsarchitektur aufrechtzuerhalten und zu stärken.“
Im Gegensatz zu Frankreich ist Großbritannien Mitglied der Nuklearplanungsgruppe der NATO. Die britische nukleare Abschreckung stützt sich ausschließlich auf eine Seestreitmacht, die aus vier atomgetriebenen U-Booten der Vanguard-Klasse (SSBN) besteht, die mit Trident-Raketen (amerikanischer Bauart) bestückt sind, die mit britischen Atomsprengköpfen ausgestattet sind. In den kommenden Jahren wird diese Flotte durch vier SSBN der Dreadnought-Klasse modernisiert werden.
Die Royal Air Force beabsichtigt, dank der Beschaffung von zwölf F-35A-Jagdbombern, die die amerikanische taktische Atombombe B61 tragen können, wieder in die sogenannten Nukleare Teilhabe einzusteigen.
Die nukleare Abschreckung Frankreichs stützt sich auf zwei Säulen:
- Eine Luftkomponente, die auf den Strategischen Luftstreitkräften (forces aériennes stratégiques oder FAS) der französischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte und der Nuklearen Marinefliegerstreitkräfte (force aéronavale nucléaire oder FANu) der französischen Marine basiert. Diese können die ASMPA-Flugkörper (air-sol moyenne portée amélioré) jeweils von Rafale B und Rafale M aus verschießen.
- Frankreich verfügt außerdem über vier U-Boote der Le Triomphant-Klasse, die mit M51-Raketen ausgerüstet sind. Diese werden im Rahmen des SNLE3G-Programms durch vier neue Boote ersetzt.
Um zu verstehen, wie „koordinierte Abschreckungsmaßnahmen zwischen Großbritannien und Frankreich“ aussehen könnten (gemeinsame SSBN-Patrouillen? Koordinierte Angriffe?), hat die hartpunkt-Partnerseite Naval News eine Reihe von Experten befragt.
Laut Dr. Emma Salisbury, Associate Fellow am Royal Navy Strategic Studies Centre, leitende Mitarbeiterin eines Parlamentsabgeordneten und Autorin bei War on the Rocks, stellt diese Northwood-Erklärung keine Änderung der britischen Nukleardoktrin dar, ebenso wenig wie der französischen. „Die Regierung hat dem Parlament bestätigt, dass die Abschreckung des Vereinigten Königreichs unabhängig bleibt und ihr Einsatz weiterhin ausschließlich vom Premierminister genehmigt wird, sodass dies die britische Souveränität über seine Atomwaffen nicht untergräbt”, erklärte Salisbury.
„Ohne die genauen Details bisher gesehen zu haben, gehe ich davon aus, dass dies operativ bedeutet, dass die britischen und französischen Staatschefs miteinander sprechen werden, wenn es jemals zu einer Krisensituation kommt, in der der Einsatz von Atomwaffen notwendig wird, um zu koordinieren, wessen Raketen wo einschlagen werden, um die stärkste Reaktion zu erzielen. Ich gehe nicht davon aus, dass dies Auswirkungen darauf haben wird, wie die beiden Nationen ihre Abschreckungsfähigkeiten in der Praxis einsetzen – die Vereinbarung soll Russland signalisieren, dass Großbritannien und Frankreich gemeinsam für den Schutz Europas eintreten, und Ängste zerstreuen, dass der Kontinent nicht mehr ausreichend nuklear geschützt ist, sollte die USA ihren Schutzschild zurückziehen. Die Rechnung ist hier einfach, aber effektiv: Abschreckung plus Abschreckung ergibt stärkere Abschreckung“, führte sie weiter aus.
Für Héloïse Fayet, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des Programms „Abschreckung und Proliferation“ am Zentrum für Sicherheitsstudien des französischen Think Tanks Ifri (Institut français des relations internationales), sind diese Ankündigungen das Ergebnis langwieriger Diskussionen, die sowohl von Beamten als auch von Forschern und Think-Tank-Mitgliedern auf beiden Seiten des Ärmelkanals geführt wurden. „Sie sind Teil des Rahmens der Gemeinsamen Nuklearkommission, einem FRUK-Konsultationsgremium für Nuklearfragen.“
„Ich stelle fest, dass eine ‚nukleare Überwachungsgruppe‘ unter dem gemeinsamen Vorsitz des Élysée-Palasts und des britischen Cabinet Office (Amt des Premierministers) eingerichtet wurde, die für die ‚Koordinierung der wachsenden Zusammenarbeit in den Bereichen Politik, Fähigkeiten und Operationen‘ zuständig sein wird“, fügte Fayet hinzu.
Zum Thema „koordinierte Angriffe“ sagte Fayet: „Es ist durchaus möglich, Angriffe zu koordinieren, wenn sich beide Länder im Voraus über die Ziele und den SLBM-Abschussprozess einigen.“ Zum Thema gemeinsame SSBN-Patrouillen sagte Fayet, dass es am wahrscheinlichsten sei, dass ein französisches SSN oder eine Fregatte nach Faslane entsandt werde, um den Einsatz britischer SSBNs zu sichern, und umgekehrt.
Eine mit dem Thema vertraute Quelle, die anonym bleiben wollte, äußerte sich gegenüber Naval News wie folgt: „Großbritannien und Frankreich diskutieren bereits über Einsatzgebiete zur Konfliktvermeidung, nachdem es im Februar 2009 zu einer Kollision zwischen einem französischen und einem britischen SSBN gekommen war. Es gibt also bereits seit Jahren einen Kommunikationskanal.“
Etienne Marcuz, Associate Fellow beim FRS (Fondation pour la recherche stratégique), betont, dass die Koordinierung, wie in der Erklärung angegeben, in den Bereichen Strategie, Fähigkeiten und Operationen stattfinden wird. Insbesondere werden die beiden Länder im Bereich des Informationsaustauschs zusammenarbeiten, um ihre jeweiligen Einschätzungen der strategischen Lage und insbesondere der Haltung des Feindes auszutauschen. Was die operative Zusammenarbeit betrifft, gibt es derzeit noch keine konkreten Angaben, aber praktisch alles ist möglich. Die wichtigste Änderung ist die Einrichtung von Untergruppen unter der Schirmherrschaft der berühmten „Nuclear Steering Group“ (JNC).
Zu diesem Punkt erklärte Marcuz: „Die seit 1992 bestehende JNC war in erster Linie eine hochrangige Gruppe ohne echte praktische Anwendung. Von nun an werden die Teams „vor Ort“ arbeiten, insbesondere auf operativer Ebene, mit dem Ziel, in Friedenszeiten alles vorzubereiten, um im Krisenfall eine gemeinsame Strategie sehr reaktiv umsetzen zu können.“
Zum konkreten Thema der gemeinsamen SSBN-Patrouillen äußerte sich Marcuz wie folgt: „Gemeinsame Patrouillen sind unwahrscheinlich, da sie keinen operativen Nutzen hätten. Vielmehr scheint die Idee darin zu bestehen, die Patrouillen zu koordinieren und im Krisenfall zusätzliche SSBNs auf See zu schicken, um so eine gemeinsame strategische Signalwirkung zu erzielen.”
Autor: Xavier Vavasseur ist Mitbegründer und Chefredakteur von Naval News. Er lebt in Paris, Frankreich und beschäftigt sich seit über einem Jahrzehnt mit dem Themengebiet der martimen Verteidigung. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Managementinformationssystemen und einen Master of Business Administration vom Florida Institute of Technology (FIT).Der Beitrag erschien erstmalig am 11.07.2025 in englischer Sprache auf der hartpunkt-Partnerseite Naval News.


















