Im Rahmen eines feierlichen Übergabeappells haben Soldatinnen und Soldaten des Panzergrenadierbataillons 122 gestern Abend als erste Angehörige der Bundeswehr das neue G95-Standardsturmgewehr in der Variante G95KA1 erhalten. Damit wird die Nutzungsphase des vor rund zehn Jahren gestarteten Vorhabens eingeleitet.
Wie aus einer heutigen Mitteilung des Herstellers Heckler & Koch hervorgeht, hat das Unternehmen die ersten 300 Sturmgewehre G95KA1 an die Bundeswehr übergeben. Wie es in der Mitteilung weiter heißt, erfolgte die offizielle Übergabe auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr durch Generalleutnant Heico Hübner, Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres sowie durch Vizeadmiral Carsten Stawitzki (Nationaler Rüstungsdirektor) und markiert den Beginn der Erstausstattung des Panzergrenadierbataillons 122, das als erster Verband des Heeres mit dem neuen Standardsturmgewehr ausgerüstet wird.
Die Bundeswehr wird die neue Basiswaffe System Sturmgewehr in zwei Ausführungen beschaffen: Als Version Langrohr- (G95A1 mit 16,5-Zoll-Rohr) und als Version Kurzrohr (G95KA1 mit 14-Zoll-Rohr). Beide Waffenversionen basieren auf dem HK416 A8 von Heckler & Koch.
Das G95 ist ein indirekter Gasdrucklader mit Kurzhub-Gaskolbensystem und Drehkopfverschluss im Kaliber 5,56 x 45 mm. Die Waffe ist mit einer verstellbaren Gasabnahme für Normal- und Schalldämpferbetrieb ausgestattet.
Im Gegensatz zu den Erprobungswaffen weisen die Serienwaffen einige Modifikationen auf. So verfügen die Serienversionen der Waffe über einen längeren Handschutz (M-LOK), der bis zum Mündungsfeuerdämpfer reicht, ähnlich wie es auch beim G95K der Spezialkräfte gelöst wurde. Auch das Griffstück wurde dem des G95K angepasst, so dass es jetzt über einen weniger flachen Winkel verfügt. Ähnliches gilt für die Schulterstütze, welche nun über keine verstellbare Wangenauflage mehr verfügen wird und somit auch der des G95K ähnelt. Die Schulterstütze lässt sich in der finalen K-Stand-Variante nur noch in der Länge verstellen. Zudem ist die Waffe mit einer um 45-Grad abgewinkelte Kimme-und-Korn-Notvisierung ausgestattet. Diese erlaubt es, die Waffe trotz ausgefallenem Hauptkampfvisier weiterhin zielsicher einzusetzen, ohne dass die Optik abgenommen werden muss.

Wie das G95K verfügen auch das G95A1 und das G95KA1 über den beidseitig bedienbaren Sicherungs- und Feuerwahlhebel mit dem 45-Grad-Schaltweg. Magazinhaltehebel und Kammerfang sind ebenfalls beidseitig bedienbar. Weiterhin lässt sich werkzeuglos der Kammerfang deaktivieren, so dass die Waffe im Bedarfsfall nach der letzten verschossenen Patrone geschlossen bleibt.
Technische Daten nach Angaben der Bundeswehr G95KA1 G95A1 Maximale Länge 878 mm 942 mm Minimale Länge 796 mm 860 mm Rohrlänge 355 mm (14 Zoll) 419 mm (16,5 Zoll) Kaliber 5,56 x 45 mm Gewicht ohne Anbauteile 3,3 kg 3,4 kg Gewicht mit Optik, Laser-Licht-Modul und vollem Magazin 4,3 kg 4,4 kg Effektive Kampfentfernung max. 450 m Kadenz 850 Schuss / min
Historie Ausschreibung System Sturmgewehr Bundeswehr
Am 21. April 2017 begann die europaweite Ausschreibung der G36-Nachfolge. Etwa 120.000 Sturmgewehre und entsprechendes Zubehör will die Bundeswehr beschaffen. Nach ursprünglicher Planung sollten die Verträge im ersten Halbjahr 2019 geschlossen werden. Der Auftragswert wurde zunächst auf 245 Millionen Euro geschätzt.
Über potentielle Bewerber hüllte sich sowohl Bundeswehr als auch Teile der Industrie in Schweigen. Bekannt ist, dass SIG Sauer (SIG MCX) und Rheinmetall/Steyr (RS556) zwar ursprünglich ein Interesse an der Ausschreibung bekundet haben, aber schlussendlich aus unterschiedlichen Gründen nicht an dem Auswahlverfahren teilnahmen. Daneben soll auch Lewis Machine & Tool Company (LMT), ein US-amerikanischer Handwaffenhersteller, ebenfalls eine Interessenbekundung abgegeben aber nicht am Auswahlverfahren teilgenommen haben. Dem Vernehmen nach haben C.G. Haenel und Heckler & Koch Angebote eingereicht. Es gilt als wahrscheinlich, dass Haenel mit dem MK556 und Heckler & Koch mit dem HK416 und dem HK433 ins Rennen gegangen sind. Der Sprecher von Heckler & Koch hat bis jetzt nur in einem Interview mit einer regionalen Online-Zeitung bestätigt, dass das Unternehmen sich mit zwei Waffen um die G36-Nachfolge beworben hat.
Im Oktober 2018 wurde bekannt, dass keine der eingereichten Waffen die geforderten Kriterien erfüllten. Den Herstellern wurde eine Frist bis zum Februar 2019 für Nacharbeiten eingeräumt. Die Erprobungen der nachgebesserten Waffen begann 18. Februar 2019 und wurden nach modifizierter Planung im Herbst 2019 abgeschlossen. Am 08. November 2019 legte die WTD 91 in einem Abschlussbericht dar, dass alle vorgestellten Waffen die Prüfungen erfolgreich bestanden haben.
Oktober 2019 wurde seitens der Bundeswehr eine Beschaffungsentscheidung für das Ende des zweiten Halbjahres 2020 in Aussicht gestellt. Im Mai 2020 wurde dann eine Verschiebung der Entscheidung in den Zeitraum Oktober/November 2020 bekanntgegeben. Schlussendlich hat das Bundesministerium der Verteidigung am 15. September 2020 verkündet, dass die Auswahlentscheidung für die Nachfolge des G36 zugunsten des thüringischen Waffenherstellers C. G. Haenel gefallen ist, was wiederum den Startschuss für einen juristisches hin und her gegeben hat. Diese Auswahlentscheidung musste kurze Zeit später wieder revidiert werden. In einem fast zwei Jahre andauernden Hergang – indem sich die Rechtsauffassung des Bundes mehrmals geändert hat, hat sich am Ende herauskristallisiert, dass das HK416 A8 von Heckler & Koch als Sieger aus der Vergleichswettbewerb hervorgegangen ist.
Nachdem der Haushaltsausschuss und der Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestags am 14. Dezember 2022 die entsprechenden Haushaltsmittel freigegeben haben, konnte das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw im Januar 2023 mit der im Schwarzwald ansässigen Handwaffenschmiede Heckler & Koch (HK) einen Vertrag über die Herstellung & Lieferung des neuen „System Sturmgewehr“ auf Basis des HK416 A8 schließen.
Das „System Sturmgewehr Bundeswehr“ soll flächendeckend in die Truppe kommen und das G36 als Standardgewehr der deutschen Streitkräfte ablösen. Die Bundeswehr beabsichtigt, bis zu 118.718 Sturmgewehre inklusive Zubehör zu beschaffen. Hierfür soll der Hersteller der Waffe laut 25-Mio-Vorlage einen Rahmenvertrag in Höhe von rund 273,3 Millionen Euro erhalten. Dieser wiederum hat einen Festbeauftragungsanteil in Höhe von rund 32,2 Millionen Euro.
Die Haushaltsmittel für die Beschaffung der Optiken und Laser-Licht-Module wurden bereits im Juni 2021 freigegeben. Für die „Herstellung und Lieferung von Hauptkampf-und Reflexvisier sowie Laserlichtmodulen für das System Sturmgewehr der Bundeswehr“ wurden dem Vernehmen nach Mittel in Summe von rund 330 Millionen Euro gebilligt. Rund 212 Millionen sind für die Laser-Licht-Module vorgesehen, von denen bis zu 130.000 Systeme beschafft werden können, etwa 128 Millionen Euro wurden zudem für den Kauf von bis zu 107.929 Hauptkampfvisieren vorgesehen.
Die Auslieferung der Nachweismuster an die Bundeswehr – Anteil Basiswaffe, Hauptkampfvisier und Laser-Licht-Modul – erfolgte im Herbst 2023, so dass die Erprobung im November 2023 beginnen konnte.
Nach Abschluss der integrierten Nachweisführung inklusive der Taktischen Einsatzprüfung durch die Truppe wurde dem Vernehmen nach Ende 2024 der finale Konstruktionsstand der Waffe sowie Anfang 2025 der finale Konstruktionsstand des Laser-Licht-Moduls festgelegt. Die Festlegung des finalen Konstruktionsstandes der Optik erfolgte aufgrund von festgestellten Mängeln im Rahmen der Truppenerprobung erst im Sommer 2025.
Davor wurden bereits im Mai 2025 rund 4.500 Sturmgewehre – jedoch ohne das Hauptkampfvisier und Laser-Licht-Module aus dem Rahmenvertrag mit Heckler & Koch abgerufen. Dem Vernehmen nach ist rund ein Drittel der Sturmgewehre für die Nutzung durch Spezialisierte Kräfte des Heeres mit Erweiterter Grundbefähigung für Spezielle Operationen (EGB) vorgesehen. Absicht der Bundeswehr ist es wohl, dass diese Sturmgewehre mit den bereits eingeführten und auf dem G36K in Nutzung befindlichen Optiken vom Typ EOTech EXPS 3-0 in Kombination mit dem G33 Booster zum Einsatz kommen sollen. Die anderen etwa zwei Drittel der Sturmgewehre sollen Insidern zufolge im Rahmen des Soldatensystems Infanterist der Zukunft – hier ebenfalls mit den eingeführten Optiken – zum Einsatz kommen.
Genau jene Gewehre wurden gestern als erstes an das Panzergrenadierbataillon 122 übergeben. Der Verband wird insgesamt rund 300 G95-Sturmgewehre erhalten. Die Panzergrenadiere sind Bestandteil der zukünftig in Litauen stationierten Panzerbrigade 45 und im Zuge des „Systems Panzergrenadier“ mit dem Soldatensystem „Infanterist der Zukunft – Erweitertes System“ ausgestattet.
Einen Tag davor – 3. Dezember 2025 – hat der Haushaltsausschuss des Bundestages zudem der Änderung des bestehenden Rahmenvertrages mit Heckler & Koch zugestimmt, aus dem die Bundeswehr zukünftig bis zu 250.000 Sturmgewehre vom Typ G95A1 bzw. G95KA1 im Gesamtwert von etwas mehr als 800 Millionen Euro abrufen kann. Gleichzeitig wurden etwas mehr als 250 Millionen Euro für den Abruf von etwas weniger als 80.000 Sturmgewehren aus dem Rahmenvertrag freigegeben.
Auch eine Vertragsanpassung am Rahmenvertrag für das Laser-Licht-Modul (LLM) wurde am selben Tag gebilligt, so dass auch hier zukünftig bis zu 250.000 Laser-Licht-Module mit einem maximalen Auftragswert von fast 500 Millionen Euro aus dem Vertrag abgerufen werden können. Gleichzeitig wurde dem Abruf von ca. 130.000 LLMs zugestimmt und dafür 255 Millionen Euro freigegeben.
Die Anpassung der Optikvertrages sowie der Abruf eines ersten Serienloses stand an dem Mittwoch nicht auf der Tagesordnung des Haushaltausschusses.
Waldemar Geiger














