Die Precision Strike Missile (PrSM), die neueste konventionelle ballistische Artillerierakete der Vereinigten Staaten, hat kürzlich wichtige Testmeilensteine erreicht.
Am 2. Juli 2025 erhielt die Precision Strike Missile Increment 1 die Genehmigung für den sogenannten Meilenstein C, die das Programm zur Produktions- und Einsatzphase berechtigt. Weiterhin führten die australischen Streitkräfte am 25. Juli 2025 im Rahmen der Übung Talisman Sabre ihren ersten scharfen PrSM-Abschuss durch. Zusammen stellen diese Geschehnisse einen bedeutenden Schritt in Richtung Serienproduktion und breiterer Stationierung dar.
Dieser Beitrag beleuchtet den aktuellen Stand des Raketenprogramms, mögliche Exporte und Einsätze bei US-Verbündeten sowie die Auswirkungen des Vorhabens auf den Indopazifik und Europa.
Precision Strike Missile
Die Precision Strike Missile ist der Nachfolger der Kurzstreckenrakete MGM-140 ATACMS, die vom Raketenartilleriesystem M142A1 HIMARS oder dem M270 MLRS abgefeuert werden kann. Die ATACMS wurde unter anderem von den ukrainischen Streitkräften gegen russische Ziele eingesetzt, wobei mehrere erfolgreiche Angriffe gemeldet wurden. Allerdings behauptete die russische Flugabwehr wiederholt, ATACMS abgefangen zu haben, und konnte dies in einigen Fällen auch belegen.
Zudem scheint ATACMS nur eine begrenzte Widerstandsfähigkeit gegenüber russischer elektronischer Kriegsführung zu besitzen. Das ist nicht völlig überraschend, da bekannt ist, dass russische elektronische Kriegsführung bereits mehrere GPS-gestützte oder GPS-gelenkte westliche Munitionstypen gestört hat, darunter auch modernere als ATACMS mit robusterer Elektronik.
Allerdings stellte dies nicht immer ein Problem dar, da viele der an die Ukraine gelieferten ATACMS vom Typ M39/M39A1 sind. Diese verfügen über Gefechtsköpfe mit Streumunition, die keine hohe Zielgenauigkeit benötigen und sich im Wesentlichen auf das Trägheitsnavigationssystem der Rakete stützen.
Die Precision Strike Missile bietet im Vergleich zu ATACMS eine höhere Reichweite von 500 Kilometern gegenüber 165 bis 300 Kilometern bei ATACMS. Darüber hinaus verlangt die Beschaffungsspezifikation der U.S. Army für die neue Rakete eine Überlebensfähigkeit im elektromagnetischen Spektrum, was auf den Einbau verbesserter Elektronik hindeutet, darunter ein gehärteter GPS-Empfänger, der die Widerstandsfähigkeit gegen russische elektronische Gegenmaßnahmen erhöhen soll. Konkrete Maßnahmen zur Abwehr von Stör- oder Täuschsignalen (Jamming oder Spoofing) wurden jedoch nicht öffentlich gemacht.
Laut Hersteller wird die Precision Strike Missile zunächst mit einem einheitlichen Splittergefechtskopf ausgestattet, der sowohl für Flächen- als auch Punktziele optimiert ist. Einschränkungen beim Gefechtskopfgewicht begrenzen jedoch die Menge an Splittermaterial und vorgeformten Fragmenten, was die Flächenwirkung der Rakete reduziert, insbesondere im Vergleich zu Streumunition, die Submunitionen über ein wesentlich größeres Areal verteilt.
Die neue Rakete ist zudem deutlich kleiner als ihr Vorgänger, was es ermöglicht, pro Startermodul zwei Precision Strike Missiles zu laden, im Gegensatz zu nur einer ATACMS-Rakete. Dadurch bietet sie nicht nur ein fortschrittlicheres Fähigkeitsprofil, sondern verdoppelt auch effektiv die Feuerkraft der eingesetzten Systeme.
Versionen der Precision Strike Missile
Es ist vorgesehen, dass die US-amerikanische Rakete in mehreren Versionen produziert werden soll. PrSM Increment 1 ist die Basisversion (mit einer Reichweite von 500 Kilometern und einem Splittergefechtskopf) und soll in den kommenden Monaten die anfängliche Einsatzbereitschaft erreichen. Das US-Heer plant die Beschaffung von insgesamt 3.986 Raketen des Increment 1.
PrSM Increment 2 (auch bekannt als Land-Based Anti-Ship Missile) soll Ende 2027 in Dienst gestellt werden. Diese Version wird über eine erweiterte Reichweite von bis zu 1.000 Kilometern sowie ein neues Endphasen-Zielsystem mit einem Multimode-Suchkopf verfügen, der einen passiven Radarsuchkopf mit einem Infrarot-Bildsucher kombiniert. Diese Kombination ermöglicht es der Precision Strike Missile, bewegliche Land- und Seeziele, insbesondere feindliche Schiffe, anzugreifen. Das derzeitige Beschaffungsziel der U.S. Army liegt bei 1.589 Raketen des Increment 2.
PrSM Increment 3 soll die Vielfalt an Gefechtsköpfen erweitern, die die Rakete tragen kann, wobei die meisten der in Increment 1 und 2 entwickelten Technologien beibehalten werden. Geplante Nutzlasten umfassen Gefechtsköpfe zur Zerstörung gehärteter Ziele, darunter auch Streumunitions-Gefechtsköpfe. Increment 3 soll nach den Increments 1, 2 und 4 zuletzt in Dienst gestellt werden.
PrSM Increment 4 schließlich soll die Reichweite der Rakete über die 1.000-Kilometer-Grenze von Increment 2 hinaus erweitern, ohne die äußeren Abmessungen der Rakete zu verändern. Konzeptzeichnungen deuten darauf hin, dass dies durch den Ersatz des herkömmlichen Feststoffraketenmotors durch ein effizienteres luftatmendes Antriebssystem erreicht werden könnte. Obwohl Details nicht bekanntgegeben wurden, wäre eine plausible Konfiguration eine erster Booster-Stufe, die in eine zweite Stufe mit Feststoff-Ramjet-Antrieb übergeht.
Ein fünftes Increment ist ebenfalls geplant, das von einem autonomen Fahrzeug aus gestartet werden kann.
Produktion der Precision Strike Missile
Die Precision Strike Missile trat im Dezember 2023 in die Phase der niedrigen Anfangsproduktion (Low Rate Initial Production, LRIP) ein, als Lockheed Martin nach einem erfolgreichen Produktionsqualifikationsflugtest auf dem White Sands Missile Range die ersten Increment-1-Raketen an die U.S. Army lieferte.
Seitdem sollten bis August 2025 42 PrSM-Raketen des Increment 1 zu Testzwecken an das US-Heer übergeben worden sein, während seit 2021 insgesamt mehrere Hundert Raketen beschafft wurden.
Im Haushaltsjahr 2024 wurde erstmals eine dreistellige Beschaffungszahl erreicht, mit 110 Raketen. Für Haushaltsjahr 2025 stieg die Zahl auf 230, wobei diese Angabe mit Vorsicht zu behandeln ist und möglicherweise nicht vollständig verlässlich ist.
Für Haushaltsjahr 2026 plante die U.S. Army ursprünglich die Beschaffung von 268 Precision Strike Missiles. Der Budgetvorschlag des Präsidenten sah jedoch Mittel für nur 45 PrSM-Raketen vor – davon 35 des Increment 1 und erstmals 10 des Increment 2. Nach der Haushaltsabstimmung wurden die Mittel aktualisiert, sodass nun die Beschaffung von insgesamt 152 Raketen möglich ist.
Obwohl Lockheed Martin einen mehrjährigen Beschaffungsvertrag über 4,9 Milliarden US-Dollar gesichert hat und plant, die Produktion auf 400 Raketen pro Jahr hochzufahren, dürfte der derzeitige Rückgang bei den Beschaffungszahlen nicht ausreichen, um eine stabile Lieferkette und Produktionslinie aufzubauen. Auch wenn mit der Genehmigung von Meilenstein C der Übergang von der Anfangs- zur Serienproduktion vermutlich noch in diesem Jahr erfolgen kann, ist mit einer Massenproduktion erst in einiger Zeit zu rechnen.
Precision Strike Missile Increment 1 könnte auch in Australien produziert werden – derzeit der einzige US-Verbündete, der die Rakete erhalten soll. Verhandlungen darüber sollen noch in diesem Jahr beginnen.
Australien ist bereits an mehreren Lizenzproduktionsprojekten für Raketen beteiligt, darunter die Joint Strike Missile von Kongsberg, deren lokale Fertigung 2027 beginnen soll, sowie die Artillerieraketen-Familie GMLRS, deren Produktion für 2029 geplant ist. Angesichts dieser Zeitpläne ist eine inländische Produktion der Precision Strike Missile in Australien kurzfristig nicht zu erwarten, selbst wenn eine Kooperationsvereinbarung zustande kommt.
Ein weiterer potenzieller Partner für die Lizenzproduktion der Precision Strike Missile wäre Rheinmetall, das seine Zusammenarbeit mit Lockheed Martin im Raketenbereich derzeit erheblich ausbaut. Bislang konzentrieren sich die Gespräche zwischen Lockheed Martin und Rheinmetall jedoch offenbar auf die Lizenzproduktion der ATACMS, deren Fertigung nach Angaben von Rheinmetall ab 2028 in Deutschland beginnen könnte. Angesichts des deutlich fortschrittlicheren Fähigkeitsprofils der Precision Strike Missile im Vergleich zur ATACMS wäre eine Produktion in Deutschland sowohl aus deutscher als auch aus gesamteuropäischer Sicht wünschenswert, erscheint derzeit jedoch wenig realistisch.
Zu beachten ist dabei, dass die Rechte an der Rakete bei der US-Regierung liegen und nicht bei Lockheed Martin. Damit entscheidet auch die US-Regierung darüber, wer die Rakete erhält und ob potenzielle Technologietransfers im Rahmen einer Lizenzproduktion erfolgen, nicht der Hersteller.
Strategische Implikationen
Die breite Einführung der Precision Strike Missile wird für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten eine signifikante Erhöhung der Feuerkraft verleihen, insbesondere im Indopazifik, wo sich die USA auf eine mögliche Konfrontation mit China vorbereiten.
Angesichts der enormen Entfernungen in der Region und des ausgeklügelten Anti-Access/Area Denial (A2/AD)-Netzwerks Chinas, das im Kriegsfall eine erhebliche Bedrohung für die Handlungsfreiheit der USA darstellt, werden fähige Abstandswaffensysteme dringend benötigt.
Eine fortschrittliche konventionelle ballistische Raketenkapazität könnte sich in diesem Zusammenhang als besonders wertvoll erweisen, vor allem wegen ihrer vergleichsweise kurzen Zielerreichungszeit. Während ein Tomahawk-Marschflugkörper fast eine Stunde benötigt, um 1.000 Kilometer zurückzulegen, wird PrSM Increment 2 dieselbe Distanz in etwa 5 bis 10 Minuten überbrücken können.
Die neue Rakete eignet sich daher besonders gut, um bewegliche und semi-mobile Ziele zu bedrohen – darunter Schiffe der chinesischen Marine sowie verlegbare landgestützte Systeme wie mobile Raketenwerfer, mobile Luftvertedigungsradare und -starter oder vorgeschobene Gefechtsstände.
Dennoch gibt es weiterhin Herausforderungen im Zusammenhang mit dem PrSM-Programm.
Obwohl PrSM Increment 1 eine Reichweitenverbesserung gegenüber der ATACMS bietet, bleibt ihre Reichweite insbesondere im weitläufigen Indopazifik begrenzt. Um in einem Taiwan-Szenario relevant zu sein, müsste die Rakete vermutlich vor Ausbruch eines Konflikts auf der Insel stationiert werden. Derzeit sehen die US-Pläne jedoch keine Stationierung – samt amerikanischer Bedienmannschaften – in Taiwan vor, ebenso wenig scheint es Absichten zu geben, die Rakete an Taipeh zu verkaufen.
PrSM Increment 2 wird die nötige Reichweite bieten, um chinesische Ziele in der Region glaubwürdig bedrohen zu können – allerdings wird die volle Einsatzreife erst in einigen Jahren erwartet. Auch dann werden die USA auf Verbündete wie Japan, Südkorea und die Philippinen angewiesen sein, um Stationierungsmöglichkeiten für die Rakete zu schaffen – was nicht selbstverständlich ist, wenngleich künftige Einsätze wahrscheinlich sind.
In Europa dürfte die PrSM-Variante Increment 1 sogar nützlicher sein als im Indopazifik, da die Entfernungen kürzer und potenzielle Konfliktszenarien mit Russland überwiegend landgestützt sind. Abgesehen von den geplanten Lieferungen an Verbände der U.S. Army in Europa ist derzeit jedoch kein Verkauf der Precision Strike Missile an europäische Streitkräfte vorgesehen.
Norwegen fragte zwar bei der US-Regierung bezüglich des Kaufs von Precision Strike Missile Increment 1 (zusammen mit GMLRS-ER) an, die Anfrage wurde jedoch aus unbekannten Gründen abgelehnt. Es bleibt abzuwarten, ob anderen europäischen Staaten künftig der Erwerb der Rakete gestattet wird.
Für europäische Staaten würde PrSM zweifelslos ein Fähigkeitsboost darstellen. Neben einer präziseren und gesicherteren Navigation bietet die deutlich erhöhte Reichweite operative Vorteile: Abschussstellungen können weiter im rückwärtigen Raum liegen, was die Überlebensfähigkeit der Systeme erhöht. Gleichzeitig erweitert sich der Zielkatalog, da nun auch Kommandoeinrichtungen und logistische Knotenpunkte tiefer im gegnerischen Hinterland wirksam bekämpft werden können. Gerade letzteres ist ein Aspekt, der zunehmend an Bedeutung gewinnt, da sich die kritischen militärischen Infrastrukturen zunehmend außerhalb der Reichweite älterer Systeme verlagern.
Autor: Fabian Hoffmann ist Doktorand am Oslo Nuclear Project an der Universität Oslo. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der aktualisierte Beitrag erschien erstmalig am 4.08.2025 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.
















