Ukrainische Streitkräfte haben nach eigenen Angaben erstmals im Rahmen einer sogenannten Air Casualty Evacuation (Air CASEVAC) einen verwundeten Soldaten mit einer Schwerlast-Multikopter-Drohne vom Gefechtsfeld geborgen und aus dem Gefahrenbereich abtransportiert. Die von der 92. selbstständigen Sturmbrigade durchgeführte Evakuierung erfolgte demnach, weil russische Drohnen und vermintes Gelände einen Abtransport durch bodengebundene Systeme zu gefährlich machten.
Spezialisten der 92. Sturmbrigade transportierten demnach einen verwundeten Infanteristen der 30. selbstständigen mechanisierten Brigade mit einer modifizierten Schwerlastdrohne aus dem Gefahrenbereich. Die Brigade bezeichnete den Einsatz als weltweit erste luftgestützte Evakuierung eines Verwundeten mit solch einer unbemannten Trägerplattform unmittelbar vom Gefechtsfeld. Eine unabhängige Bestätigung dieser Einordnung liegt bislang jedoch nicht vor.
Nach Angaben der ukrainischen Streitkräfte habe der Soldat den Einsatz überlebt und befinde sich inzwischen in medizinischer Behandlung. Angaben zu Ort und Zeitpunkt der Evakuierung machte die Brigade indes nicht. Auch zur zurückgelegten Flugstrecke und zu den technischen Leistungsdaten der offenbar für den Einsatz modifizierten Drohne wurden keine weiteren Angaben bekannt.
Selbst das von der Brigade veröffentlichte Videomaterial liefert hierzu nur begrenzte Anhaltspunkte. Die Drohne ist in den Aufnahmen unkenntlich gemacht. Nach Darstellung der ukrainischen Einheit soll damit verhindert werden, dass russische Streitkräfte Rückschlüsse auf die Konfiguration des Fluggeräts ziehen können. Entsprechende Erkenntnisse könnten dem Gegner dabei helfen, das System gezielt zu stören oder seine Einsatzmöglichkeiten einzuschränken.
Ob und in welchem Umfang sich die verwendete Drohne für weitere Evakuierungsmissionen eignet, lässt sich daher anhand der bislang veröffentlichten Informationen nicht abschließend beurteilen.
Auslöser für den Einsatz waren nach Darstellung der ukrainischen Streitkräfte die schwierigen Bedingungen im Frontgebiet. Der verwundete Soldat hielt sich demnach in einer Stellung auf, die mit den bislang eingesetzten unbemannten Bodenfahrzeugen zur Verwundetenevakuierung nicht erreicht werden konnte. Zugleich hätten die hohe Aktivität russischer Drohnen und die Verminung des umliegenden Geländes einen sicheren Abtransport auf dem Landweg verhindert.
Die ukrainischen Streitkräfte greifen zunehmend auf unbemannte Bodensysteme zurück, um Verwundete aus gefährdeten Stellungen zu bergen und Versorgungsgüter an die Front zu transportieren. Wo Minen und gegnerische Drohnen den Einsatz solcher Fahrzeuge jedoch verhindern, stoßen diese Systeme an ihre Grenzen. Der nun gemeldete Einsatz einer Schwerlastdrohne zeigt einen möglichen alternativen Ansatz für die Evakuierung von Verwundeten unter solchen Bedingungen.
Bei dem eingesetzten Fluggerät handelt es sich Medienberichten zufolge um einen schweren Hexakopter des ukrainischen Herstellers Gurzuf Defence. Das ursprünglich als Bomberdrohne zum Abwurf von Munition verwendete System wurde für den Transport des Verwundeten angepasst. Nach Angaben der 92. Sturmbrigade arbeiteten deren Spezialisten dazu gemeinsam mit dem Hersteller an einer Konfiguration, die einen stabilen Flug mit einem menschlichen Passagier ermöglicht.
Im Mittelpunkt der Anpassungen stand demnach, das Fluggerät auch unter der zusätzlichen Last kontrollierbar zu halten und übermäßige Pendelbewegungen oder einen Verlust der Stabilität während des Fluges zu verhindern. Die modifizierte Konfiguration sei vor dem Einsatz auf einem vom Hersteller bereitgestellten Gelände erprobt worden.
Der Einsatz verdeutlicht, wie sich die Rolle unbemannter Systeme im Ukraine-Krieg über Aufklärungs- und Angriffsmissionen hinaus erweitert. Während Schwerlastdrohnen bislang vor allem für den Transport von Nachschub in exponierte Stellungen und den Abwurf von Munition bekannt sind, könnten entsprechend angepasste Plattformen künftig auch bei der Rettung von Verwundeten eingesetzt werden. Die Evakuierung aus der Luft könnte insbesondere dort eine Option darstellen, wo unbemannte Bodenfahrzeuge aufgrund von Minen, unpassierbarem Gelände oder anderer limitierender Faktoren nicht eingesetzt werden können.
Kristóf Nagy
















