Das US-israelische Rüstungs-Start-up Covenant Industries entwickelt gegenwärtig einen Langstrecken-Flugkörper mit dem Namen Anthem, der nach Angaben des Unternehmens zur Schließung von Europas Lücke bei der präzisionsgelenkten „Deep Strike“-Fähigkeit beitragen soll. Die Herstellung des Flugkörpers mit hoher Nutzlast soll neben den USA und Israel auch in Sachsen erfolgen, wo die größte Produktionsstätte entstehen soll, wie das Unternehmen in einer Mitteilung schreibt. Covenant hatte für die Umsetzung seiner Pläne laut Mitteilung mehr als 250 Millionen US-Dollar Kapital eingesammelt.
Aufträge für den Marschflugkörper, dessen Stückpreis nach Angaben des Unternehmens im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich liegt, liegen demnach bereits aus den USA und Europa vor. So gab das Unternehmen jüngst zwei Verträge mit dem US-Verteidigungsministerium bekannt: einen zur Beschleunigung eines Test- und Qualifizierungsprogramms mit der U.S. Army und einen mit der US-Marine zur Anpassung des Anthem für den maritimen Einsatz. Zur Identität des europäischen Kunden will das Unternehmen hingegen keine Angaben machen.
Medienberichten zufolge soll der Anthem-Marschflugkörper von der Bundeswehr als möglicher Kandidat für eine Low-Cost Cruise Missile identifiziert worden sein. Den Umstand, dass Covenant einen ehemaligen stellvertretenden Inspekteur des Deutschen Heeres in sein Beraterteam geholt hat und seinen größten Produktionsstandort in Leipzig errichtet, deuten viele Beobachter als Beleg dafür, dass Deutschland das Waffensystem tatsächlich bereits beschafft hat oder beschaffen will. Sollte die Beschaffung bereits erfolgt sein, dürfte sie jedoch unterhalb der 25-Millionen-Euro-Schwelle liegen, da es bis dato keine diesbezügliche Beratung im Bundestag gab. Somit dürfte maximal eine Handvoll Flugkörper zu Testzwecken bestellt worden sein.
Der Präzisions-Flugkörper des Unternehmens, der auf Bildern wie eine Mischung zwischen Marschflugkörper und Drohne aussieht, sei für die Produktion in Stückzahlen von mehreren Tausend ausgelegt, schreibt Covenant. Bereits 2027 will man eine Produktionskapazität von 1.000 Flugkörpern aufgebaut haben. Das Unternehmen betreibt nach eigenen Angaben bereits eine rund ein Hektar große Anlage in Sachsen. Einem Bericht des MDR zufolge soll der Standort im Norden von Leipzig liegen. Das Team am Standort Sachsen solle in den Bereichen Entwicklung, Fertigung und Betrieb kontinuierlich ausgebaut werden, so Covenant. Die Gefechtskopfintegration soll jedoch nicht in diesem Standort erfolgen. Weitere Details werden nicht genannt.
„Wenn man sich moderne Konflikte ansieht, erkennt man Tausende gehärteter, strategisch bedeutsamer Ziele, die außerhalb der Reichweite heutiger Langstreckenfähigkeiten liegen“, sagt Michael Kaufman, Mitgründer und CEO von Covenant, laut Mitteilung. Anthem sei entwickelt worden, um diese Ziele in einem länger andauernden Konflikt glaubhaft zu bedrohen. In einem Interview mit Reuters schätzte Kaufman, dass Deutschland und andere europäische Alliierte einen Bedarf von mehreren zehntausend Deep-Strike-Systemen für die Abschreckung haben.
Nach Angaben des Unternehmens soll der Langstreckenflugkörper rasch verfügbar gemacht und vor allem in großer Stückzahl gefertigt werden. Europa könne sich nämlich nicht allein auf Produktionskapazitäten auf der anderen Seite des Atlantiks verlassen, wenn Abschreckung von Einsatzbereitschaft und Nachschub abhänge, heißt es. Wie Kaufman in dem Interview ausführt, ist die europäische Supply-Chain nicht von den USA abhängig und basiert fast vollständig auf europäischen Zulieferungen. In Zukunft sei ein vollständiges Sourcing in Europa vorgesehen.
Transport, Lagerung, Start und Nachladen sind nach Angaben des Unternehmens so ausgelegt, dass sie für den Endnutzer mit geringem Aufwand und Kosten verbunden sind. Covenant habe zudem eine eigene Software für Missionsplanung sowie Führung und Einsatzsteuerung (Command-and-Control) entwickelt, die einen koordinierten Massenstart ermöglichen soll.
„Während sich die Bundeswehr historisch auf taktische Flexibilität konzentriert hat, erfordert kollektive Verteidigung heute echte strategische Reichweite“, so Andreas Marlow, ehemaliger Generalleutnant der Bundeswehr und Berater von Covenant. Ein in Europa produziertes Programm für Langstreckenflugkörper ist laut Marlow „das fehlende Puzzlestück in unserer Abschreckungsarchitektur“.
Die meisten Bauteile von Anthem sind laut Mitteilung bereits am kommerziellen Markt verfügbar; für weitere Schlüsselkomponenten hat das Unternehmen mehrere langfristige, strategische Lieferabkommen gesichert. Der Flugkörper stütze sich auf souveräne Lieferketten in Europa und den USA, wodurch sichergestellt werden soll, dass seine Fähigkeiten den westlichen Auftraggebern auch im Kriegsfall zur Verfügung stehen.
Seit dem Erstflug von Anthem im August 2025 hat Covenant seinen Lenkflugkörper der Mitteilung zufolge in mehr als 200 Tests eingesetzt, darunter mehrere Flugtests mit den US-Streitkräften sowohl auf amerikanischem Boden als auch im Ausland. Von den US-Streitkräften Anfang August veröffentlichten Bildern zufolge fanden vor wenigen Wochen Flugtests in Marokko statt.
Abby Denburg, President und Chief Growth Officer (CGO) von Covenant, wird mit der Aussage zitiert: „Der Schritt aus dem Stealth-Modus und die Bekanntgabe unserer Produktionspläne markieren die nächste Phase von Covenant.“
Neben seinem europäischen Kunden, der nicht genannt wird, steht Covenant den Angaben zufolge mit mehreren mit Europa verbündeten Nationen unter Vertrag, wobei weitere Vertragsabschlüsse noch vor Jahresende erwartet werden.
Zusätzlich zum Standort in Deutschland wird der Marschflugkörper Anthem vorrangig in den Vereinigten Staaten produziert, in einer rund 10.000 Quadratmeter großen Anlage in Dallas, Texas. Das Unternehmen plant, im ersten Quartal 2027 mit der Serienproduktion zu beginnen und die Fertigung schrittweise auf 5.000 Einheiten pro Jahr auszubauen. Die US-Anlage wird den Angaben zufolge von einer heimischen Lieferkette unterstützt und soll dazu beitragen, die amerikanischen Bestände an weitreichenden Präzisionswaffen wieder aufzufüllen. Nach Angaben des Unternehmens soll Anthem ausschließlich die USA, Europa und weitere westliche Partner zur strategischen Abschreckung künftiger Konflikte befähigen.
Waldemar Geiger
















