Direct-Action-Einsätze stellen eines von mehreren Instrumenten im Werkzeugkasten der Spezialkräfte dar und dienen üblicherweise der Bekämpfung von Zielen strategischer oder operativer Bedeutung. Solche Einsätze finden zumeist tief hinter feindlichen Linien statt, bei denen die Kommandosoldaten isoliert von der eigenen Truppe operieren müssen. Im aktuellen Ukraine-Krieg führen Spezialkräfte hingegen auch Direct-Action-Einsätze zur Bekämpfung von Zielen auf taktischer Ebene durch, wie ein heute veröffentlichtes Video der ukrainischen Spezialkräfte zeigt.
Die Aufnahme zeigt nach Angaben der ukrainischen Spezialkräfte einen Direct-Action-Einsatz von Kräften des 6. SOF-Regiments „Rangers“ in einem von russischen Streitkräften besetzten Haus. Dabei soll der Ukraine zufolge eine russische Stellung entlang einer der Einsatzachsen zerstört und zwei russische Soldaten getötet worden sein.
Was sich auf den ersten Blick wie ein „Verheizen“ eines strategischen Hochwertinstrumentes anhört, zeigt in Wirklichkeit den „besonderen“ Charakter der aktuell in der Ukraine zu beobachtenden Kriegsführung, bei der Drohnen als primäres Wirkmittel zur Zielbekämpfung in der Tiefe und Spezialkräfte als „Türöffner“ für eigene Offensivoperationen bzw. „Stoppkeil“ feindlicher Offensivoperationen fungieren.
In dem publizierten Video, welches einen Zusammenschnitt mindestens einer Körperkamera und einer Aufklärungsdrohne darstellt, ist zu sehen, wie ein Spezialkräftetrupp auf offenen, geländegängigen Fahrzeugen in den Einsatzraum infiltriert und dort mit unterschiedlichen Wirkmitteln – schultergestützte Mehrzweckwaffen, Handgranaten und Wirkdrohnen – Haus für Haus „säubert“.
Was man nicht sieht, bzw. was nicht erklärt wird, ist die Begründung für den Einsatz der Spezialkräfte. Gleichwohl lassen bekannte Muster der aktuell zu beobachtenden Kriegsführung im Ukraine-Krieg eine schlüssige Interpretationsmöglichkeit zu. Zudem ist nicht bekannt, wann und wo das Video entstanden ist. Die in den Szenen erkennbare Vegetation deutet zumindest darauf hin, dass es kurz vor oder nach einer Winterperiode war.
Spezialkräfte gegen Sickerinfanterie in der „Grayzone“
Die in den vergangenen zwei Jahren sukzessive gestiegene Präsenz von Aufklärungs- und Wirkdrohnen beider Kriegsparteien, kombiniert mit fehlenden, für die mobile Gefechtsführung ausgebildeten und ausgerüsteten Kräftegruppierungen in ausreichender Stärke, hat zu einem in der Kriegsführung sehr speziellen Frontverlauf geführt. Dabei stehen sich die beiden Kriegsparteien nicht auf Handwaffendistanz direkt gegenüber, vielmehr sind die Stellungen durch eine sogenannte Todeszone mit mehreren Kilometern Tiefe getrennt. Eine solche „Front-Architektur“ ist in der Kriegshistorie jedoch kein wirkliches Novum, sie ähnelt grob der Situation an der Westfront im späteren Verlauf des Ersten Weltkriegs. Auch dort standen sich Mittelmächte und die Entente über Jahre hinweg in ausgebauten Stellungssystemen getrennt durch das sogenannte „Niemandsland“ gegenüber. Damals führte neue Waffenentwicklungen – hier insbesondere das Maschinengewehr – und der Ausbau von Grabensystemen dazu, dass die bis dahin angewandte Art der mobilen Gefechtsführung selbst unter Aufwendung massiver Truppenverbände nicht funktionierte.
Ähnliches ist in der Ukraine zu beobachten, es gibt jedoch Unterschiede. Die Todeszone, also das heutige Niemandsland, ist nicht mehr hunderte Meter breit, sondern mehrere Kilometer. Ursächlich für die Tiefe ist nicht die Reichweite heutiger Handwaffen, sondern die Reichweite kostengünstiger Wirkdrohnen, die aktuell als primäres Mittel der Wahl für die Bekämpfung von Personen und Gefechtsfahrzeugen dienen. Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist der Charakter der Stellungen, die sich nicht mehr aus langen, zusammenhängenden sowie tief gestaffelten Grabensystemen zusammensetzen, die durchgehend bemannt sind, sondern aus einzelnen, mehr oder weniger befestigten Stellungen und Unterständen, die teilweise Lücken von mehreren hunderten Metern oder wenigen Kilometern aufweisen.
Der dritte Unterschied ist der Charakter der Todeszone an sich, die entgegen dem Niemandsland der Westfront nicht „entvölkert“ ist. Hier und da behaupten sich ukrainische sowie russische Stellungen in dieser rund 20 Kilometer breiten Zone zwischen den eindeutig zuordenbaren Stellungsverläufen. Da die militärische Dominanz in dieser Zone weder der Ukraine noch Russland eindeutig zugeordnet werden kann, wird diese oft als „Grauzone“ beziehungsweise im Englischen als „Grayzone“ bezeichnet.
Bevor ein vom Feind kontrolliertes Territorium angegriffen werden kann, muss eben jene Grayzone genommen und durch die eigenen Kräfte durchschritten werden. Taktisch erfolgt dies seit geraumer Zeit auf beiden Seiten durch eine Sickertaktik. Dabei sickern kleine Trupps oder einzelne Soldaten in den Raum ein, indem Lücken in den Stellungen ausgenutzt werden sowie Zeiträume geringer oder fehlender Drohnenaktivität (Witterung und Tageszeiten). Diese Soldaten besetzten provisorische Stellungen, die dann über die Zeit durch weitere Kräfte verstärkt und zu „Brückenköpfen“ in der Grayzone oder im feindbesetzten Territorium ausgebaut werden. Im Anschluss daran dienen diese Brückenköpfe als Ausgangspunkt für das weitere Einsickern in den Raum.
Die Präsenz der Brückenköpfe sowie der einzelnen Stellungen bleibt zumeist nicht unentdeckt. Sehr oft werden die vorrückenden Soldaten entweder direkt erkannt (meistens durch Aufklärungsdrohnen) oder es werden mit der Zeit Bewegungsmuster identifiziert – beispielsweise durch Beobachtung von Versorgungslinien –, durch die Rückschlüsse auf eine Kräftepräsenz im Raum möglich sind. Die Bekämpfung dieser Stellungen erfolgt im Anschluss durch Drohneneinsätze oder klassisch mittels der eigenen Kampftruppe.
Die im Video gezeigte Operation zeigt einen solchen Einsatz, bei dem offenbar eine feindliche Truppenpräsenz im Raum bekannt wurde, aber nicht die exakte Position, die mittels eines Artillerie- oder Drohneneinsatzes bekämpft werden konnte, so dass eigene Kräfte in den Raum einfließen und Haus für Haus durchkämmen mussten, um den Feind aufzuklären und zu bekämpfen.
Wieso Spezialkräfte?
Der Rückgriff auf Spezialkräfte für eine solche Maßnahme ist hingegen bemerkenswert. Denn wie eingangs erwähnt, finden Direct- Action-Einsätze von Spezialkräften üblicherweise zur Bekämpfung von strategisch oder zumindest operativ wichtigen Zielen statt und nicht zur Bekämpfung von einzelnen „Schützenstellungen“. Der Umstand, dass dies hier trotzdem erfolgt ist, kann mehrere Gründe haben.
Eine Erklärung – vorausgesetzt, das Video ist tatsächlich erst vor Kurzem entstanden – wäre das Fehlen ausreichend gut ausgebildeter sowie ausgerüsteter Infanterie, so dass Spezialkräfte aus Mangel an Alternativen auch für klassische Infanterieaufgaben eingesetzt werden müssen.
Möglich wäre jedoch auch ein Verschieben von Zielhierarchien in der aktuellen Lage, in der einzelne Schützenstellungen als Begründung für die Kontrolle eines Raumes von mehreren Quadratkilometern Größe herangezogen werden. Durch das Nehmen mehrerer solcher Stellungen kann der Frontverlauf in relativ kurzer Zeit „signifikant“ verändert und das Gebiet der eigenen Kontrolle entsprechend ausgeweitet werden. In der aktuellen Kriegssituation nicht unwesentlich und von politischer Tragweite.
Denkbar ist zudem ein Einsatz im Vorfeld einer eigenen Offensivoperation, bei dem die Spezialkräfte besonders wichtige, bzw. besonders riskante Objekte nehmen sollen, um so eine Voraussetzung für den Einsatz regulärer Kräfte zu schaffen.
Welcher der drei aufgezählten Erklärungsansätze – die zudem sicherlich nicht alle denkbaren Interpretationen des Einsatzes darstellen – tatsächlich zutrifft, ist aus der Ferne mit den aktuell öffentlich zur Verfügung stehenden Informationen nicht seriös bewertbar.
Waldemar Geiger


















