Die sicherheitspolitische Debatte in den Vereinigten Staaten wird derzeit durch ein Konzept geprägt, das unter dem Schlagwort Affordable Mass firmiert. Gemeint ist keine vollständige Abkehr von wenigen, hochkomplexen und kostenintensiven Waffensystemen, sondern eine ergänzende Zuwendung hin zu einer größeren Stückzahl vergleichsweise günstiger, schneller produzierbarer und im Zweifel verlusttoleranter Systeme. Diese Entwicklung steht im engen Zusammenhang mit den Erfahrungen aus jüngsten Konflikten, insbesondere in der Ukraine und im Nahen Osten, sowie mit strukturellen Defiziten der westlichen Rüstungsindustrie, die sich zunehmend als Engpass für die militärische Durchhaltefähigkeit erweisen.
Das Konzept und seine Bezeichnung sind indes nicht neu und werden seit 2023 von der U.S. Air Force bei der Beschaffung von Wirkmitteln mehr und mehr gelebt. Zudem wurde vornehmlich in den Vereinigten Staaten bereits im Zweiten Weltkrieg ein ähnliches Konzept mit prominten Vertretern wie dem Sherman-Panzer oder den Liberty-Schiffen erfolgreich umgesetzt. Im Kern beschreibt Affordable Mass eine strategische Neugewichtung zwischen Kosten, Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit militärischer Mittel. Ziel ist es, neben Hochwertsystemen eine ausreichende operative Masse bereitzustellen, ohne sich vollständig in kritischer Weise von einzelnen, technologisch überlegenen, aber extrem teuren Plattformen abhängig zu machen. Der Fokus verschiebt sich damit von maximaler Leistungsfähigkeit einzelner Systeme hin zu deren skalierbarer Verfügbarkeit und schneller Ersatzfähigkeit, ohne überlegen Schlüsselsysteme aufzugeben.
Diese Logik reflektiert die Erkenntnis, dass moderne Hochintensitätskonflikte durch erheblichen Munitionsverbrauch und Materialverschleiß über einen potenziell langen Zeitraum gekennzeichnet sind. Insbesondere in einem Szenario gegen gleichwertige Gegner kann der Verlust einzelner Systeme nicht mehr als Ausnahme betrachtet werden, sondern wird zum integralen Bestandteil operativer Planung. Entsprechend gewinnen sogenannte „Attritable Systems“ an Bedeutung, deren Verlust einkalkuliert und operativ verkraftbar ist.
Die praktische Umsetzung dieses Ansatzes zeigt sich insbesondere im Bereich unbemannter Systeme. Das US-Verteidigungsministerium treibt gezielt die Entwicklung kostengünstiger Drohnen voran, die in großen Stückzahlen produziert werden können und dennoch über eine hinreichende Leistungsfähigkeit verfügen. Systeme wie die Angriffsdrohne LUCAS stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Das Luftkriegsmittel verfügt zwar über eine leistungsfähige Sensorik und Zielerkennung, ohne jedoch in die Kostenregion klassischer Präzisionswaffen vorzudringen. Die Tatsache, dass entsprechende Systeme bereits in aktuellen Konflikten gegen den Iran eingesetzt wurden, verdeutlicht den Übergang von der konzeptionellen Ebene zur operativen Realität. Parallel dazu wird die Entwicklung kostengünstiger Präzisionsmunition vorangetrieben, da sich gezeigt hat, dass bestehende Bestände in intensiven Konflikten schnell erschöpft sind und die industrielle Basis bislang nicht in der Lage ist, kurzfristig ausreichend nachzuproduzieren.
Lehren aus dem Nahost-Konflikt
Gerade der aktuelle Nahost-Konflikt liefert ein besonders anschauliches Beispiel für die strategische Relevanz des Konzepts. Der umfangreiche Einsatz vergleichsweise günstiger Drohnen und Raketen durch staatliche und nichtstaatliche Akteure hat westliche Luftverteidigungssysteme vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Im Zentrum steht dabei eine strukturelle Kostenasymmetrie. Während Angreifer mit geringem finanziellen Aufwand große Mengen an Wirkmitteln einsetzen kann, ist der Verteidiger häufig gezwungen, signifikant teurere Abfangsysteme einzusetzen. Diese Dynamik führt zu einer strategisch nachteiligen Kostenkurve, bei der selbst erfolgreiche Abwehrmaßnahmen langfristig ökonomisch nicht nachhaltig sind.
Die Reaktion der Vereinigten Staaten besteht daher nicht nur in der Entwicklung eigener kostengünstiger Angriffssysteme, sondern auch in der Anpassung der Verteidigungsarchitektur, um massenhafte Bedrohungen effizienter bekämpfen zu können. Dass hier Protagonisten aus der Ukraine bereits früh mit ins Spiel gebracht wurden, um ihre Expertise und sogar vorhanden Systeme möglicherweise zu integrieren, sollte dabei niemanden überraschen.
Affordable Mass in der Drohnenabwehr
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Übertragung des „Affordable Mass“-Konzepts auf die Drohnenabwehr besondere Bedeutung. Klassische Luftverteidigungssysteme sind primär für hochwertige Ziele konzipiert und entsprechend kostenintensiv. Wird dieses Modell unverändert auf Drohnenbedrohungen angewendet, verstärkt sich die bestehende Kostenasymmetrie. Ein Ansatz, der auf Affordable Mass basiert, zielt daher darauf ab, auch in der Verteidigung eine skalierbare und kostenbewusste Struktur zu schaffen.
Eine zentrale Rolle spielen dabei kostengünstige Interceptor-Drohnen, die gezielt zur Bekämpfung feindlicher Angriffsdrohnen eingesetzt werden können. Das dieser Ansatz funktioniert, zeigen die teilweise beträchtlichen Abwehrerfolge in der Ukraine. Diese Systeme müssen nicht die volle Leistungsfähigkeit traditioneller Abfangmittel erreichen, sondern lediglich hinreichend effektiv sein, um einfache oder mittelkomplexe Drohnen zu neutralisieren. Ihr entscheidender Vorteil liegt in der Möglichkeit, sie in großen Stückzahlen bereitzustellen und Verluste, selbst von Bedienerteams und ihrer Infrastruktur operativ einzuplanen. In Kombination mit einer stärker geschichteten Luftverteidigung, bei der hochwertige Systeme komplexen Bedrohungen vorbehalten bleiben, während günstigere Mittel die Masse einfacher Ziele abfangen, entsteht ein robusteres und zugleich effizienteres Verteidigungssystem.
Die zunehmende Automatisierung und Vernetzung solcher Systeme ermöglicht zudem eine schnellere Reaktion auf Schwarmangriffe, bei denen die Koordination vieler einzelner Abwehrmittel entscheidend ist. Gleichzeitig eröffnet die vergleichsweise einfache Struktur kostengünstiger Systeme die Möglichkeit, Entwicklungs- und Produktionszyklen deutlich zu verkürzen, was angesichts der hohen Innovationsgeschwindigkeit von essenzieller und stetig wachsender Bedeutung ist.
Den damit verbundenen Chancen stehen jedoch auch erhebliche Herausforderungen gegenüber. Die technische Umsetzung kostengünstiger, aber zugleich zuverlässiger Abfangsysteme erfordert eine sorgfältige Balance zwischen Leistungsfähigkeit und Preis. Hinzu kommt eine potenziell erhöhte Verwundbarkeit gegenüber elektronischen Störmaßnahmen und Cyberangriffen, da unbemannte Systeme in hohem Maße von Sensorik, Datenverarbeitung und Kommunikation abhängen. Auch die logistischen Anforderungen dürfen nicht unterschätzt werden, da die angestrebte Masse entsprechende Produktions-, Lager- und Nachschubkapazitäten voraussetzt.
Zudem sind selbst zu großen Teilen automatisierte Abfangdrohne alles andere als ein Allheilmittel und ihr Erfolg hochgradig abhängig vom Ausbildungsstand der Bediener, der Einsatztaktik, verfügbarer Frühwarn- und Zielverfolgungssystemen und weiteren Faktoren, wie unlängst eine Analyse der ukrainischen Streitkräfte gezeigt hat. Demnach haben in den vergangenen Monaten die Hälfte der eingesetzten Teams zur Abwehr von Angriff mit russischen Geran-Angriffsdrohnen überhaupt keine Abschüsse erzielt, während der Großteil des Abwehrerfolgs einer vergleichsweise kleine Anzahl an Teams zuzuordnen ist. Somit lässt sich festhalten, dass Abfangdrohnen nur ein weiterer, wenn auch relevanten Baustein innerhalb eines komplexen Verteidigungsökosystems darstellen.
Industriepolitische Dimension und europäische Perspektive
Über den operativen Bereich hinaus ist Affordable Mass auch als industriepolitisches Projekt zu verstehen. Die Vereinigten Staaten bemühen sich, ihre Verteidigungsindustrie stärker auf Skalierbarkeit und Flexibilität auszurichten. Dabei gewinnen neue Akteure, insbesondere technologieorientierte Unternehmen, zunehmend an Bedeutung, während traditionelle Rüstungskonzerne unter Anpassungsdruck geraten. Gleichwohl bleibt offen, inwieweit sich die angestrebte Transformation tatsächlich realisieren lässt, da die bestehende industrielle Struktur in den letzten Jahrzehnten auf Qualität und Spezialisierung ausgerichtet war und weniger auf Massenproduktion im klassischen Sinne.
Aus europäischer Perspektive ergibt sich daraus ein ambivalentes Bild. Einerseits erhöht der amerikanische Ansatz den Druck auf europäische Streitkräfte und Industrien, ihre eigenen Strukturen zu überdenken. Die starke Fokussierung auf hoch entwickelte, aber kostenintensive Systeme erschwert eine schnelle Anpassung an die Logik von Affordable Mass. Andererseits eröffnen sich Chancen durch die stärkere Integration ziviler Technologien, modularer Produktionsansätze und neuer Marktakteure. Bemühungen in diese Richtung sind auch bei der Bundeswehr bereits zu erkennen.
Europäische Initiativen zur gemeinsamen Beschaffung und zur Stärkung der industriellen Basis könnten hierbei eine wichtige Rolle spielen, sofern sie konsequent auf Skalierbarkeit und Interoperabilität ausgerichtet werden.
Dem stehen jedoch erhebliche strukturelle Hindernisse gegenüber, darunter fragmentierte nationale Beschaffungsprozesse, divergierende sicherheitspolitische Prioritäten und begrenzte industrielle Kapazitäten. Zudem fehlen bislang vielfach die finanziellen und institutionellen Voraussetzungen für eine rasche und umfassende Transformation. Insgesamt erscheint Affordable Mass daher für Europa weniger als direkt übertragbares Modell denn als strategischer Impuls.
Fazit
Insgesamt ist Affordable Mass weniger als abschließende Lösung denn als Ausdruck eines Wandels in der Kriegsführung zu verstehen und stellt somit keinen Paradigmenwechsel dar. Die zunehmende Bedeutung von Masse, Kostenstruktur und industrieller Leistungsfähigkeit verweist auf eine Entwicklung hin zu hybriden Streitkräftestrukturen, in denen hoch entwickelte Schlüsselplattformen durch skalierbare, kostengünstige Systeme ergänzt, jedoch niemals ersetzt werden. Dies gilt sowohl für offensive als auch für defensive Fähigkeiten, insbesondere im Bereich der Drohnenkriegsführung und ihrer Abwehr. Entscheidend wird letztlich sein, ob es gelingt, eine tragfähige Balance zwischen Qualität und Quantität zu etablieren, die sowohl militärischen als auch ökonomischen Anforderungen gerecht wird.
Kristóf Nagy















