„Airbus wird die Valkyrie schrittweise zur Jagdbomberdrohne für die Bundeswehr weiterentwickeln“

Lars Hoffmann

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Der Rüstungskonzern Airbus Defence and Space hat bereits im vergangenen Jahr zwei unbemannte Kampfflugzeuge des Typs XQ-58A Valkyrie erhalten. Dieses vom US-Konzern Kratos hergestellten Collaborative Combat Aircraft (CCA) will Airbus mit der eigenen Missionssoftware MARS (Multiplatform Autonomous Reconfigurable and Secure) kombinieren und der Bundeswehr als Option für die Beschaffung einer sogenannten Jagdbomberdrohne anbieten.

Um bis zum Zieldatum 2029 ein möglichst umfassendes Angebot für dieses Programm parat zu haben, sind mehrere Flugkampagnen geplant, wie Marco Gumbrecht, Vertriebsleiter Deutschland  bei Airbus Defence and Space, im Interview mit hartpunkt erläutert. Die erste soll seinen Worten zufolge noch in diesem Jahr im europäischen Ausland stattfinden.

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Bei dem Flugtest handele es sich um einen sogenannten Pipecleaner. „Es werden dabei alle Aspekte des Umgangs und des Fluges, also mit Start-Flug-Landung getestet, um sicherzustellen, dass das System funktioniert“, erklärt Gumbrecht das Vorgehen. So werde unter anderem geprüft, ob die Ground Operations und der Start funktionieren. Der Flug verlaufe dann in verschiedenen Höhen- und Geschwindigkeitsprofilen und werde von der Landung und der Recovery des Luftfahrzeugs abgeschlossen. Grundsätzlich geht es bei dem ersten Test um die „Familiarization“, um sich mit dem System vertraut zu machen.

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Die Besonderheit an der Valkyrie ist, dass sie nach dem Hochfahren des Leiterrahmens ihres Transportanhängers mittels zusätzlicher Boost-Raketen und des eigenen Motors gestartet wird. Die Booster werden nach der Beschleunigungsphase abgeworfen. Das CCA landet nach Abschluss der Mission mittels dreier Fallschirme. Zur Vermeidung von Schäden am Flugzeug beim Aufsetzen auf dem Boden werden an der Unterseite der Maschine überdies mehrere Airbags geöffnet. Zu den Startvorbereitungen gehört unter anderem die Montage von Tragflächen, Leitwerk und Boostern, die während des Transportes in separaten Boxen mitgeführt werden. Bei der unmittelbaren Starvorbereitung wird der Trailer in Position gebracht, und das Team nimmt seine Position mit Abstand hinter dem CCA ein. Zur Bodencrew gehören drei Personen, dazu kommen der oder die Operateure des Flugzeugs.

Wie Gumbrecht ausführt, handelt es sich bei den anstehenden Flügen um ein Teilprojekt eines größeren Vorhabens. So werde parallel eine Kampagne verfolgt, um den Targeting Pod Litening 5 des israelischen Unternehmens Rafael als Relais für die Kommunikation mit der Valkyrie zu modifizieren und damit den Eurofighter, der den Zielpod erhalten wird, zum Führen der Kampfdrohne zu ertüchtigen. Der Pilot des Eurofighters wird nach den Planungen von Airbus dann initial über ein Tablet  auf seinem Oberschenkel Informationen über die Valkyire erhalten und Befehle an das unbemannte Flugzeug übermitteln.

„Wir legen das System so aus, dass alles vom Boden, beziehungsweise aus der Luft geführt werden kann oder komplett autonom funktioniert“, erklärt Marco Gumbrecht, Vertriebsleiter Deutschland bei Airbus Defence and Space, im Interview mit hartpunkt.
„Wir legen das System so aus, dass alles vom Boden, beziehungsweise aus der Luft geführt werden kann oder komplett autonom funktioniert“, erklärt Marco Gumbrecht, Vertriebsleiter Deutschland bei Airbus Defence and Space, im Interview mit hartpunkt. (Bild: Airbus Defence and Space)

In einem ersten Schritt solle noch im laufenden Jahre ein Learjet einen Pod erhalten und damit die Kommunikationsverbindung mit einer Bodenstation aufbauen, sagt Gumbrecht. „Bevor wir die Valkyrie in die Luft schicken, testen wir die Interaktion mit dem Litening Pod erst vom Jet aus mit einer Bodenstation.“ Im Jahr 2027 werde dann die Verbindung des mit dem Pod ausgestatteten Learjets mit der Valkyrie im Flug getestet.

Missionssystem MARS mit verschiedenen Ausbaustufen

Gumbrecht zufolge wird das Airbus-eigene Missionssystem MARS, mit dem die Valkyrie fliegen soll, bei einer Reihe von unbemannten Flugzeugmustern verwendet und dabei stets weiterentwickelt. Etwa bei einem anderen Projekt: So nutzt die auf einer modifizierten Airbus Do-DT25-Drohne basierende Abfangdrohne Bird of Prey des Luftfahrtunternehms ein Missionssystem aus der gleichen Software-Familie. Airbus und Frankenburg Technologies hatten vor wenigen Wochen eine Bird of Prey in einem Demonstrationsflug mit Mark-I-Luft-Luft-Raketen des estnischen Unternehmens zur Bekämpfung einer Angriffssdrohne erfolgreich eingesetzt.

MARS habe „verschiedene Ausbaustufen“, sagt der Airbus-Manager. Dabei verfügt das Missionssystem seinen Worten zufolge über mehrere GPS-unabhängige Navigationsmöglichkeiten. Beim ersten Flugtest im Sommer soll die Kontrolle der Valkyrie über eine Ground Control Station erfolgen. Dabei handele es sich nicht um ein „Containerdorf“, sondern eher um eine Station mit Laptop in einem geschützten Bereich mit mehreren Antennen, so Gumbrecht. Ein Ansatz ohne großen Aufwand, wie er betont.

Auch für den Startprozess in einem zukünftigen Concept of Operations werde die Ground Ground Control Station wichtig bleiben. „Es muss ja irgendjemand geben, der den Startknopf drückt.“  Die Frage, wann die Maschine im Flug an einen Eurofighter übergeben werde oder gar nicht, weil es als autonomes System agieren solle, werde irgendwann der Operator beziehungsweise die Bundeswehr entscheiden müssen. „Wir legen das System so aus, dass alles vom Boden, beziehungsweise aus der Luft geführt werden kann oder komplett autonom funktioniert.“

Bei der Führung geht es seinen Worten zufolge nicht um das detaillierte Steuern der Drohne mit einem Joystick, sondern um globale Befehle, die das CCA dann über die eigene Flugkontrollsteuerung umsetzt. Grundsätzlich werden Missionen im Voraus geplant. Allerdings kommt es immer wieder während einer Luftoperation zu kurzfristigen Anpassungen, bei denen MARS von einem KI-Agenten unterstützt wird, den Airbus ebenfalls entwickelt hat.

In MARS werden nach Aussage von Gumbrecht auch die verschiedenen Phasen einer Mission abgebildet. Komme eine Drohne wie die Bird of Prey im festgelegten Operationsgebiet an, werde beispielsweise die bordeigene Sensorik aktiviert, um anfliegende Shaheds oder Drohnen dieser Klasse zu erkennen, somit starte die sogenannte Feind-Phase. Darauf folge die „Fixphase“, wie der ehemalige Eurofighter-Pilot erläutert. „Jetzt muss ich das Target fixieren und identifizieren. Es könnte ja sein, dass es nur eine Privatperson in ihrer Cessna ist und keine Angriffsdrohne.“  Sobald eine Angriffsdrohne eindeutig identifiziert worden sei, starte die Engage-Phase. „All diese Phasen sind natürlich in dieser Software abgebildet.“ Für das CCA könne die Umsetzung einer oder aller sechs Phasen des Luftkampfes ausgewählt werden.

„Wir sind sehr zuversichtlich und wissen durch die Bird of Prey, dass das funktioniert. Wir entwickeln das System aber weiter, etwa bei der Härtung gegen elektronische Angriffe.“ Auch könne überlegt werden, weitere Waffen zu integrieren.  „Dann muss die Missionssoftware für den Teil der Engage-Phase adaptiert werden.“

Interner Waffenschacht wichtiges Kriterium bei Auswahl

Nach Aussage von Gumbrecht hat Airbus in einer internationalen Marktsichtung für ein CCA versucht, die erwartete Fokussierung der Bundeswehr auf eine Luft-Boden-Fähigkeit zu berücksichtigen. Für die Beschaffung einer Jagdbomberdrohne gibt es allerdings noch immer keine offizielle Ausschreibung. „Dementsprechend haben wir uns mit der Valkyrie auf ein System fokussiert, das zu dem Zeitpunkt das einzige nicht-klassifizierte System war, bei dem wir wussten, dass es schon mehrmals in Luft-Boden-Missionen gewirkt hat. Das System ist auch vom U.S. Marine Corps ausgewählt worden. Die Marines haben auch einen Luft-Boden-Fokus, im Gegensatz zur US Air Force mit Luft-Luft. Das System kann aber beides“, sagt er.

Der Vertriebsmanager geht davon aus, dass Airbus mit der Valkyrie frühestens in anderthalb Jahren Luft-Boden-Waffen kinetisch zum Einsatz bringen kann. Aufgrund der geplanten Flugkampagnen in 2026 und 2027 und dem von Kratos beigesteuerten Know-how sei dies der zeitlich erforderliche Vorlauf. „Wenn es darum geht, Waffen einzubauen, dann endet die Airbus-Roadmap. Airbus wird nicht in der Lage sein, Waffen zu kaufen und einzubauen.“ Dies müsse im Rahmen einer Bundeswehr-Kampagne erfolgen, anders sei dies aufgrund des Kriegswaffenkontrollgesetzes nicht möglich.

Kratos habe bereits mehrere Waffen in die Valkyrie integriert, sagt Gumbrecht. „Eine der Waffen, die im Rahmen der F-35 von der Bundeswehr beschafft werden, ist Teil der Valkyrie-Entwicklung. Das war übrigens eines der Hauptkriterien für die Auswahl der Valkyrie. Es bringt uns ja nichts, einen Waffenschacht zu haben, und die Waffe ist dann nicht im Inventar der Bundeswehr oder muss noch entwickelt werden.“ Ob diese Waffe dann für die Jagdbomberdrohne genutzt werde, müsse die Bundeswehr entscheiden.

Es sei natürlich auch denkbar, dass zum gegebenen Zeitpunkt andere Waffen integriert werden. „Unser Kriterium war jedoch, so wenig wie nötig, invasiv mit dem Flugzeug machen zu müssen“, betont Gumbrecht. Andernfalls seien die knappen Zeitlinien bis 2029 nicht zu halten. „2029 einsatzbereit zu  sein heißt nicht, dass ich 2028 zum ersten Mal fliege.“ Nach erfolgreich absolvierten Flugtests in diesem und im kommenden Jahr soll danach seinen Worten zufolge „eine bewiesene kinetische Fähigkeit mit einem bewiesenen logistischen Konzept“ der Bundeswehr zur Verfügung gestellt werden. Daran arbeite man mit Hochdruck. Anders als die Heron TP oder zukünftig die Eurodrohne soll die Valkyrie nicht im zivilen Luftraum fliegen. „Diese Maschine ist für den Einsatz oder für kontrollierte Lufträume gedacht“, betont Gumbrecht.

Weitere Details zur Waffe und dem Bombenschacht in der Valkyrie wollte der Airbus-Manager nicht nennen. In der Presse wurde das Flugzeug erstmals im Jahr 2021 mit einem geöffneten Waffenschacht gezeigt. Laut Hersteller kann das 8,8 Meter lange CCA intern eine Waffenlast von 600 Pfund transportieren. Da bei einem Einsatz als Jagdbomberdrohne insbesondere bewegliche Ziele im Fokus stehen dürften, können womöglich leistungsfähige Abstandswaffen eingesetzt werden. Die Nutzung eines internen Waffenschachtes ist insbesondere für die Beibehaltung der Stealth-Eigenschaften des Flugzeugs erforderlich. Diese ergeben sich vor allem aus dem Design. Für den Laien sind die Klappen des Schachtes an der Unterseite des Rumpfes aufgrund des Fehlens gerader Spaltlinien faktisch nicht zu erkennen. Airbus hat anhand des nicht flugfähigen Demonstrators Low Observable UAV Testbed (LOUT) bereits vor mehreren Jahren eigene Kenntnisse mit der Stealth-Technologie gesammelt. Auch die Valkyrie hat Tarnkappeneigenschaften.

Erfahrungen bereits mit dem Barracuda gesammelt

Airbus Defence and Space hat bereits vor rund zwei Dekaden mit dem Barracuda eigene Erfahrungen mit einem unbemannten Kampfflugzeug gemacht. Der Demonstrator wurde dann jedoch nach sechs Testkampagnen aus der Nutzung genommen und Folgeprojekte aufgrund fehlender Nachfrage nicht begonnen. Das damals gewonnene Know-how kann jedoch teilweise weiter genutzt werden. So seien damals mit dem Vorhaben befasste Ingenieure auch am aktuellen Projekt mit der Valkyrie beteiligt, sagt Gumbrecht.

Auffällig ist, dass der Barracuda mit einem Triebwerk auf der Oberseite und seiner Formgebung den heutigen CCA bereits sehr ähnlich sieht. „You can`t beat physics“, kommentiert Gumbrecht das Design. „Der Barracuda ist ein sehr bildlicher Beweis dafür, dass wir richtig lagen mit vielen Sachen, die wir schon sehr  früh gemacht haben.“ Der Manager selbst hat – damals noch als Luftwaffen-Pilot – bei einer Landung 2012 im kanadischen Goose Bay erstmals den unbemannten Entwicklungsträger gesehen. „Airbus Defence and Space machte damals mit einem Learjet und dem Barracuda Crewed-Uncrewed-Teaming, DA-CAS hieß das seinerzeit, Digital Aided Close Air Support. Das kam mir vor wie Star Wars. Jetzt machen wir im Prinzip dasselbe. Aufgrund unserer Erfahrung sind wir uns sicher, dass wir bei vielen Aspekten richtig liegen und in die richtige Richtung gehen.“

Neben den Live-Flügen setzt Airbus stark auf sein Simulation Laboratory, in dem ein Digital Twin der Valkyrie in operationellen Situationen betrachtet wird. In diesen Simulationen sei die Erkenntnis gekommen, dass der autonome Einsatz einer Jagdbomberdrohne ohne Crewed-Uncrewed Teaming auf ein bewegliches Ziel regulatorisch sehr herausfordernd sei, so Gumbrecht. Denn dazu bräuchte es ein Mandat, wonach eine Drohne mittels eines autark laufenden KI- Algorithmus ein mobiles Ziel identifiziert und dagegen kinetisch wirkt. „Das ist technologisch natürlich möglich, ich sage nicht, dass das nie passieren wird. Ich denke nur, dass das nicht unbedingt der erste Schritt sein wird, da CCAs eine ganz andere Wirkungsklasse als Kleindrohnen sind.“

Robuste Produktions-Supply-Chain vorhanden

Airbus hat die gegenwärtig in Manching stehenden Valkyries bei Kratos in den USA gekauft und kann die Maschinen nun umfassend testen, das eigene Missionssystem integrieren sowie im Flug erproben. Es bestehe eine Vereinbarung, gegebenenfalls auch eine Version mit Fahrwerk, die augenblicklich entwickelt wird, einzusetzen, erläutert Gumbrecht. Ansonsten gebe es keine Kooperation mit Kratos zur Weiterentwicklung. „Uns war wichtig, freie Hand zu haben “, sagt er.

Sollte man zusammen mit Kratos ausgewählt werden, könne man auf eine robuste Produktions-Supply-Chain zurückgreifen. „Auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Projektes, das über schöne Power-Point-Präsentationen hinausgeht und sehr weit fortgeschritten ist. Ich wüsste nicht, wo sonst derzeit 30 Maschinen gebaut werden könnten“, so Gumbrecht. „Wenn wir jetzt liefern müssten, dann würden wir auf die bestehende Produktionslinie in den USA zurückgreifen. Es gibt Überlegungen und Gespräche mit Kratos, auch in Lizenz in Deutschland zu fertigen. Allerdings müssen wir dazu erst einen Kunden haben, das ist klar.“

Zwar müsste dies auch mit der US-Regierung abgestimmt werden, allerdings erkennt der Airbus-Manager eine große Kooperationsbereitschaft auf US-Seite. Dass das Flugzeug  auch der US-Exportkontrolle gemäß ITAR unterliegt, sieht er entspannt. Es gebe Komponenten, die ITAR-belastet seien. „In den für uns kritischen Themen haben wir aber die volle Souveränität, weil diese eben nicht ITAR-belastet sind.“ Während der Verkauf eines Flugzeuges mit ITAR-Komponenten in ein Drittland von den USA genehmigt werden muss, gibt es Gumbrecht zufolge keine Einschränkungen beim eigenen Flugbetrieb.

Der Airbus-Manager weist darauf hin, dass ein wettbewerbsfähiger Preis der zukünftigen Jagdbomberdrohne ein „ganz wichtiger Punkt“ für sein Unternehmen ist. Dabei lautet die Faustformel, dass das Kostenverhältnis von 1:10 zu einem bemannten Fighter nicht überschritten werden sollte. „Wir sind zuversichtlich, dass wir unser CCA-System zu einem erschwinglichen Preis anbieten können.“

Voraussetzung dafür sei, dass das System in der vorhandenen Konfiguration akzeptiert werde. Zwar könnten hinsichtlich der Zulassung Themen hochkommen, die womöglich Auswirkungen auf den Preis haben. „Wir wollen nichts dem Zufall überlassen.“ So habe Airbus die wichtigsten Dokumente für die anstehenden Flugtests bereits an die entsprechenden Behörden geliefert. „Daher sind wir auch sehr zuversichtlich, dass wir keine Showstopper dabei haben.“

Lars Hoffmann