Luftverteidigung: Northrop Grumman sieht IBCS als Schlüssel für effizienteren Einsatz von Flugkörpern

Lars Hoffmann

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Der Iran-Krieg hat gezeigt, dass die Verfügbarkeit von Munition entscheidend für die Abwehr gegnerischer Flugkörper sein kann. So wurde in den Golfstaaten eine vierstellige Anzahl von Patriot-Boden-Luft-Raketen gegen die aus Iran anfliegenden Flugkörper eingesetzt. Ein rasantes Absinken der Bestände ist die Folge, während die Industrie mit der Produktion neuer Effektoren nicht nachkommt.

Nach Einschätzung von Jeremy Knupp, Vice President for Global Command and Control Solutions (GC2S) bei Northrop Grumman, könnte das eigene Führungs- und Feuerleitsystem für die Luftverteidigung mit der Bezeichnung IBCS (Integrated Battle Management System) einen „Game Changer“ darstellen, um die so genannte Magazintiefe von Patriot-Feuereinheiten zu sichern.

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Wie er heute im Gespräch mit hartpunkt erläutert, erlaubt es IBCS, das gegenwärtig bei den Patriot-Bataillonen der U.S. Army eingeführt wird, dass nur noch eine Rakete auf ein Ziel abgefeuert wird, während bislang üblicherweise zwei gestartet werden. Möglich werde dies, weil IBCS das Verfahren des „Composte Tracking“ einsetze, bei dem die Zieldaten von mehreren Sensoren verwendet werden, was die Genauigkeit erhöhe. IBCS kann laut Hersteller unterschiedliche und über eine große Fläche verteilte Sensoren und Effektoren miteinander verknüpfen.

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„Die Trefferwahrscheinlichkeit steigt erheblich, sodass sich die Feuerdoktrin ändert und man weniger Abfangraketen auf eine Bedrohung abfeuert“, sagt Knupp. So bleibe die Magazinkapazität erhalten. Dazu trage überdies bei, dass bei IBCS alles miteinander vernetzt sei. „Das bedeutet, dass alle Patriot-Feuereinheiten miteinander verbunden sind und ein einheitliches Lagebild haben.“ Damit werde vermieden, dass verschiedene Einheiten das gleiche Ziel bekämpfen. Womöglich sei es in Zukunft möglich, aufgrund der neuen Technologie fast die Hälfte der kostbaren Effektoren einzusparen. Ein weiterer Vorzug des Systems ist es laut Northrop Grumman, dass aufgrund des genauen Lagebildes, das Risiko eines Angriffs auf eigene Kräfte im Chaos des Gefechtes deutlich reduziert wird. Nach Aussage von Knupp hat sein Unternehmen bis zum vergangenen Jahr 32 erfolgreiche Tests mit scharfem Waffeneinsatz absolviert, die die Leistungsfähigkeit von IBCS belegen.

Gegenwärtig sind Patriot-Einheiten der U.S. Army mit dem neuen IBCS in Baumholder, in Südkorea und auf Guam eingesetzt. Insgesamt sollen laut Northrop Grumman 18,5 Patriot-Bataillone der amerikanischen Streitkräfte sukzessive mit dem Battle Management System ausgestattet werden, das kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Bei der Weiterentwicklung fließen laut Knupp die „Lessons learned“ aus verschiedenen Konflikten ein. Dazu habe Northrop Grumman im Herbst vergangenen Jahren zusammen mit der U.S. Army das „Adaptive Framework“ ins Leben gerufen, um IBCS mobiler, überlebensfähriger und anpassungsfähiger für Missionen zu machen. Dabei werde sowohl in die Software investiert, um diese Hardware-agnostisch zu machen, aber auch in die Hardware. „Derzeit entwickeln wir es für den Einsatz auf einem Infantry Squad Vehicle, da dies das kleinste Fahrzeug in der U.S. Army ist.“ Das Design orientiere sich an der größten Herausforderung, so der Manager.

Dabei werde IBCS so erweitert, dass es von der Raketenabwehr und der strategischen Verteidigung eines großen Landes bis hin zur Abwehr von Artillerie, Mörsern oder Drohnen am unteren Ende skalierbar sei. Laut Knupp befindet sich sein Unternehmen bereits in der Prototypenentwicklung. Eine erste Demonstration soll seinen Angaben zufolge Mitte April stattfinden. Weitere Tests sollen folgen und im zweiten Halbjahr 2027 in einem Live-Schießen gipfeln.

Eine weitere Anforderung der US-Steitkräfte, sei die Reduktion der Operateure, erläutert John Frick, Director for Strategy and Growth for the IBCS program. Deshalb werde versucht, möglichst viele Funktionen zu automatisieren, um die kognitive Belastung für den Bediener zu verringern. Dabei komme auch Künstliche Intelligenz zu Einsatz. „Wir glauben, dass dies auch für Länder interessant sein wird, die ihren Personalbedarf reduzieren wollen.“

Der erste ausländische Nutzer des US-Battle-Management-Systems ist Polen. Das Land hat Ende des vergangenen Jahres die Full Operational Capability (FOC) für IBCS und seine Patriot-Einheiten erklärt. In einer zweiten Phase gehe es jetzt im Nachbarland darum, dass weitere Sensoren und Effektoren, etwa der Flugkörper CAMM von MBDA, in das System integriert werden, erläutert Frick. Dabei werden seinen Worten zufolge Modifikationen an der IBCS-Software erfolgen, um den nationalen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Auch die Bundeswehr betrachtet IBCS als zukünftiges Battle Management System für die eigenen Patriot-Feuereinheiten. Frick erwartet, dass die US-Regierung in Zukunft bei IBCS ähnlich verfährt wie gegenwärtig bei Patriot mit insgesamt 17 Nutzerländern. Im Rahmen dieser Partnerschaft werden Kosten und Wissen geteilt.

Während bei IBCS die Kernsoftware unter Kontrolle der US-Regierung bleibe und im Rahmen eines Foreign Military Sales an befreundete Nationen weitergegeben werde, könnten nach Einschätzung von Northrop-Grumman-Manager Knupp womöglich andere Hardware-Komponenten des Systems wie Fahrzeuge, Container, Racks und Kommunikationssysteme aus Deutschland beigesteuert werden. Sein Unternehmen habe im vergangenen Jahr die Produktion voll aufgenommen und die Herstellungskapazitäten vervierfacht. Gegenwärtig dauere es von der Bestellung bis zur Lieferung rund 21 Monate, was auf 18 verkürzt werden solle, so der Manager. Gegenwärtig untersucht Northrop Grumman noch mit deutschen Partnern, wie bei der Bundeswehr eingesetzte Battle Management Systeme mit IBCS verknüpft werden können.

Lars Hoffmann