Loitering Munition und die Aussagekraft von Trefferquoten

Waldemar Geiger

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Als sich Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, Ende des vergangenen Jahres im Zuge einer Vorführung im Gefechtsübungszentrum des Heeres den aktuellen Entwicklungsstand von Loitering-Munition-Systemen vorführen ließ, sah er die Einführung der neuen Wirkmittel in die Truppe auf einem guten Weg. Seinen Aussagen auf einer DWT-Veranstaltung am 8. Dezember zufolge, konnte er sich persönlich von der Leistungsfähigkeit der KI-gestützten Systeme überzeugen und sah die Trefferwahrscheinlichkeit bei „über 90 Prozent“. Nur wenige Wochen später ist in Zeitungsberichten mit Verweis auf vertrauliche Unterlagen zu lesen, dass eine der vorgeführten Kampfdrohnen im Rahmen einer Erprobung in der der Ukraine nur fünf von 14 Zielen getroffen hat, was einer Trefferquote von 35,7 Prozent entspricht.

Konkret geht es um die HX-2 von Helsing, die dem Vernehmen nach als einzige von den drei für die Bundeswehr in Frage stehenden Systemen eine offizielle Fronterprobung der ukrainischen Streitkräfte durchlaufen hat. Die anderen beiden Systeme, die die Bundeswehr beschaffen will, sind die Virtus von STARK und die FV-014 von Rheinmetall.

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Erwartungsgemäß dauerte es nicht lange, bis die HX-2 erneut im Mittelpunkt vieler Fachdiskussionen sowie Debatten – teilweise auch mit sehr viel Spott – in den sozialen Medien stand. Helsing schwieg lange zu den Details der Frontversuche. Gestern äußerte sich jedoch der Co-Gründer und Co-CEO des Unternehmens, Gundbert Scherf, gegenüber der Süddeutschen Zeitung und bestätigte die berichtete Trefferquote. 14 Drohnen habe man zuletzt an die Frontlinien im Donbass gebracht, um diese Systeme dort zu testen, sagte Scherf. „In fünf von 14 Fällen haben unsere Geräte ihr Ziel ausgeschaltet.“ Dabei handelte es sich um zwei feindliche Haubitzen und drei Logistikfahrzeuge, so Scherf. Dies sei „verhältnismäßig viel“, bewertet er die Trefferquote. Der Helsing-Gründer bestreitet in dem Beitrag zudem, dass die Ukraine die Drohnenbeschaffung, wie teilweise berichtet wurde, gestoppt hat. Seiner Aussage zufolge hat ein ukrainischer Verband erst jüngst 1.100 HX-2-Drohnen bestellt.

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Dass ein Unternehmenschef von der Leistungsfähigkeit seiner Systeme überzeugt ist, wird kaum überraschen. Aus neutraler Sicht sind die erzielten Ergebnisse auf der Basis der bekannten Informationen jedoch unmöglich zu bewerten. Bekannt ist nämlich nur, dass die Trefferquote rund 36 Prozent betrug und das die Angriffe im realen Kriegsbetrieb durchgeführt wurden. Es gibt aber keine Hinweise dazu, unter welchen Bedingungen die Einsätze erfolgt sind.

Ohne Kontext des Einsatzes kann die Trefferquote ja nach Auslegung als hoch oder wahlweise als niedrig eingestuft werden. Entscheidend für die Bewertung wären tiefergehende Informationen zu Art und Verhalten des Ziels sowie zu den weiteren Faktoren des Einsatzes, wie beispielsweise das Wetter und den Kenntnisstand der Systembediener über Stärken und Schwächen der Kampfdrohnen. Interessant wären zudem weitere Informationen zu den angegriffenen Zielen. Waren es beispielsweise gut getarnte Ziele in Bewegung oder statische Ziele auf einer Freifläche, um zwei Extrembeispiele zu nennen. Scharfe Tests im Kriegsgebiet sind nunmal deutlich herausfordernder, als auf freistehende Hartziele auf einem Übungsplatz der Bundeswehr zu schießen, wo ohne Probleme Trefferquoten jenseits der 90 Prozent möglich sind.

Allerdings eignen sich Kriegseinsätze generell nur schlecht für Leistungsvergleiche, da jeder Einsatz durch sich verändernde Rahmenbedingungen beeinflusst wird: Wetter, Bewuchs, gewähltes Flugprofil, Ausbildungsstand der Drohnenpiloten sowie des Feindes und das Verhalten des Feindes haben einen signifikanten Einfluss auf die Trefferquote, insbesondere wenn am Rand des Leistungsbereichs operiert wird. Um hier unterschiedliche Systeme miteinander vergleichen zu können, müssten diese gleichzeitig auf dasselbe Ziel geschossen werden.

Mit ein wenig Phantasie könnte man den „Verriss“ der HX-2 in den Medien und die gleichzeitige Zufriedenheit des ukrainischen Verbandes, der 1.100 weitere Drohnen bestellt haben soll, damit erklären, dass die Drohne in der öffentlichen Diskussion Opfer des eigenen Hypes um sie geworden ist. So war Helsing immer vorne mit dabei, wenn es darum ging, den Siegeszug unbemannter KI-gesteuerter Systeme in der Kriegsführung anzupreisen. Eine Story, die hier und da verfangen hat. Die Realität in der Ukraine sieht hingegen gänzlich anders aus: Die Masse der Kampfdrohnen wird dort weiterhin durch einzelne Piloten händisch ins Ziel gesteuert. KI fungiert dort, wenn überhaupt, nur als Assistenzsystem für einzelne Teilaufgaben. Oftmals wird die Drohnenkriegsführung in der Ukraine jedoch so diskutiert, als ob dort buchstäblich Killer-KI-Drohnen-Schwärme im Einsatz wären.

Die Soldaten an der Front kennen die Lage, jedoch so wie sie tatsächlich ist. Sie wissen, dass überhaupt nur ein Bruchteil der gestarteten Kampfdrohnen im Ziel ankommt. Unzählige Interviewaussagen von Drohnenpiloten und unabhängigen Kriegsanalysten – die immer wieder Forschungsreisen an die Front unternehmen – sprechen von Trefferquoten im Bereich von 20 bis 25 Prozent. Nur wirklich erfahrende Piloten sollen Trefferquoten von rund 40 Prozent erzielen können – unabhängig davon, ob die Systeme per Funk oder Lichtwellenleiter gesteuert werden. Nimmt man diesen Wert als Vergleich, erscheint die Erfolgsquote der HX-2 von rund 36 Prozent in einem anderen Licht. Zudem ist zu bedenken, dass die Trefferquote mit Drohnen eines Pilotloses mit zahlenmäßig geringem Umfang erzielt wurde. In der Einführungsphase zu erwartende Probleme wirken sich hier sicherlich stärker aus.

Fürsprecher der HX-2 können auf Basis des aktuellen Erkenntnisstandes also mit gutem Gewissen argumentieren, dass eine Trefferquote von 36 Prozent im Rahmen der Einführung eines neuen Systems sehr hoch ist, und weiter steigen wird, sobald sich die Truppe mit den Stärken und Schwächen der Drohne vertraut gemacht hat und Handlungssicherheit im Umgang damit gewinnt. Verglichen mit der durchschnittlichen Erfolgsquote wenig erfahrener Piloten schneidet das System fast doppelt so gut ab.

Kritiker der HX-2-Kampfdrohne werden die Ergebnisse sicherlich anders interpretieren und die erzielte Trefferquote als Beleg dafür anführen, dass die HX-2 mehr Schein als Sein ist.

Am Ende muss man jedoch konstatieren, dass die Interpretation der tatsächlichen Trefferleistung auf Basis der aktuell vorliegenden Datenlage ein substanzloses Stochern im Nebel ist. Ukrainische Nutzer scheinen die Trefferquote zumindest als hoch genug anzusehen, um die Serienbeschaffung einzuleiten. Diesen Umstand sollten auch Kritiker zur Kenntnis nehmen.

Waldemar Geiger