Russische Streitkräfte setzen weiterhin auf Drohnenabwehrflinten

Kristóf Nagy

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Die russischen Streitkräfte setzen im Ukrainekrieg weiterhin auf Schrotflinten für die infanteristische Drohnenabwehr im Nahbereich. Dafür beschaffen sie tag- und nachtkampftaugliche Systeme sowie darauf abgestimmte Munition. Ein Beleg hierfür ist die kürzlich herausgegebene Pressemitteilung des Kalaschnikow-Konzerns, in der das Unternehmen mitteilt, dass es die Lieferung eines ersten Loses modifizierter MP-155-Flinten für die Drohnenabwehr an die russischen Streitkräfte abgeschlossen hat. Der russische Rüstungskonzern Rostec wiederum teilte Anfang des Jahres mit, dass man damit begonnen habe, spezielle Flintenmunition zu liefern und parallel die Ausbildung der Schützen zu organisieren.

Im Ausklang des Jahres 2025 hoben zunehmend auch russische Medienberichte und Militärblogger die Bedeutung der Flinte für die Abwehr von Drohnen hervor. Mit der erstmalig im Sommer 2024 vorgestellten modifizierten MP-155, einer Weiterentwicklung einer ursprünglich zivilen Flinte, verfügen die russischen Streitkräfte erstmalig über ein für die Drohnenabwehr entwickeltes System. Die Waffe wird anstelle des Kalibers 12/89 in der Ausführung mit kürzerer Hülsenlänge als 12/76 Version gefertigt. Hierdurch fasst das Stangenmagazin bis zu sechs Patronen. Der größte Unterschied zur zivilen Basiskonstruktion ist die Picatinny-Schiene auf der Gehäuseoberseite. Hierdurch kann nicht nur ein für die schnelle Zielaufnahme ideales Leuchtpunktzielgerät, sondern bei Bedarf auch ein parallel betreibbares Nachtsichtsystem montiert werden.

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Wenn man der Unternehmenskommunikation von Kalaschnikow folgt, könnte man meinen, dass die Flinten querschnittlich mit dem 1P87-Leuchtpunktzielgerät ausgeliefert werden. Die Optik, welche seit 2016 Teil des Ratnik-Soldatensystems ist, findet sich jedoch kaum an der Front und auch nicht im Bestand der Kräfte im rückwärtigen Raum, wie etwa eine kürzlich veröffentlichte Berichterstattung über eine Übung der 61. selbständigen Brigade der Nordflotte auf der Halbinsel Kola belegt.

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Der russische Ansatz bleibt daher, wie gewohnt, weitgehend rudimentär und fern von jeglichem „smarten“ Anteil. Der offenkundige Mangel an optischen Zielhilfen öffnet somit Spekulationen und Diskussionen Tür und Tor hinsichtlich der infanteristischen Drohnenabwehr auf russischer Seite. Dem Aufmerksamen Beobachter wird auffallen, dass die russischen Streitkräfte auch im vierten Kriegsjahr ihre Kräfte an der Front nicht querschnittliche mit Optiken auf Handwaffen, wie etwa Sturmgewehren ausstatten. Dennoch erhalten spezielle Kräfte, zu denen Flintenschützen zur Drohnenabwehr zweifelsohne genauso gehören, wie auch Scharfschützen, ihrem Auftrag entsprechend und nachweislich Optiken und optronische Geräte.

Die Gründe für das Fehlen könnten daher auf mehreren Faktoren beruhen. Die rasante Zunahme an Flintenschützen, welche an einem signifikanten Anteil der Front in jeder Gruppe oder teilweise sogar auf Trupp-/Fahrzeug-Ebene zu finden ist, könnte eine nicht unerhebliche Belastung für das bereits überstreckte Militärbudget darstellen. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass die 1P87- Optik die tägliche Belastung an der Front schlicht und einfach nicht übersteht und daher nicht verwendet wird. Es ist auch vorstellbar, dass die Schießtechnik die Nutzung einer Optik nicht zwingend vorsieht.

Die vorhandene Berichterstattung über russische Flinten-Lehrgänge zeigt ein Vorgehen, das sich stark am intuitiven, sportlichen Skeet- und Trap-Schießen orientiert, bei dem keine Optik genutzt wird. Trotz einer bereits erfolgten Erhöhung der Produktionskapazitäten für die MP-155-Flinte und der Ankündigung, weitere Losgrößen zeitnah zu fertigen, kann noch lange nicht von einer Standardisierung der Drohnenabwehrbewaffnung gesprochen werden. So werden an der Front und, wie die Berichterstattung zeigt, auch in den Lehrgängen noch lange eine Vielzahl unterschiedlicher Waffen das Bild dominieren. Die eingangs erwähnte Nachtkampffähigkeit ist somit ebenfalls weit davon entfernt, sich querschnittlich zu manifestieren.

Für die Drohnenabwehr optimierte Munition

Bereits vor der Einführung der MP-155 haben die russischen Streitkräfte eine ganze Familie von Flintenpatronen für die Drohnenabwehr bestellt und in den Bestand genommen. So teilte der russische Rüstungsverbund Rostec Anfang Januar mit, dass man begonnen habe, Schrotmunition des Typs Igla zu liefern. Diese wird Unternehmensangaben zufolge in der Version 30, 50 und 100 sowie mit einem Leuchtspurelement in der Ausführung 50 und 75 angeboten. Die Zahlen stehen für die effektive Reichweite in Metern. Die von den Nutzern als effiziente All-Round-Lösung Munitionsvariante Igla 100 wird seit 2024 eingesetzt und entspricht auch dem Munitionstyp, der sich aktuell im Zulauf befindet.

Laut Rostec besteht die Schrotladung der Igla 100 aus 42 Gramm Pellets nicht näher genannter Anzahl, welche aus einer Wolfram-Nickel-Stahl-Legierung bestehen sollen. Hierdurch soll, im Vergleich zu Blei, nicht nur eine größere Härte, sondern auch eine erhöhte Dichte der Pellets realisiert worden sein. Somit ist Rostec zufolge der Energieerhalt und die erhöhte Durchschlagskraft auch auf eine Entfernung von bis zu 100 m möglich, um Komponenten wie Motoren und Batterien effizient bekämpfen zu können.

Ausblick

Die Schrotflinte wird bis auf Weiteres und aus den bekannten Gründen das primäre querschnittliche Mittel der Wahl für die direkte Selbstverteidigung gegen Drohnen auf beiden Seiten des Ukrainekrieges bleiben. Neben der Verfügbarkeit, der relativen Effizienz sowie den vergleichsweise geringen Kosten liegt dies darin begründet, dass zahlreiche aktuelle Nutzer die Flinte seit Kindesbeinen kennen und förmlich mit ihr aufgewachsen sind.

Kristóf Nagy