Der Krieg in der Ukraine hat den militärischen Nutzen einer neuen Klasse von Flugkörpersystemen deutlich gemacht, die häufig als Mini-Marschflugkörper bezeichnet werden. Diese Systeme teilen viele Eigenschaften mit schwereren, etablierten landgestützten Marschflugkörpern, werden jedoch zu einem deutlich niedrigeren Preis angeboten, typischerweise im Bereich von etwa 150.000 bis 300.000 US-Dollar.
Verglichen mit schweren Marschflugkörpern wird diese Kostenreduktion vor allem durch ein weniger leistungsstarkes Triebwerk, den Verzicht auf die Integration kostspieliger Navigationssysteme und insgesamt eine weniger anspruchsvolle Systemarchitektur erzielt. An anderer Stelle werden Kosten durch neue und günstigere Herstellungsverfahren, etwa den 3D-Druck, oder durch die Integration ziviler Komponenten eingespart.
Eine wachsende Zahl von Herstellern in Europa und den Vereinigten Staaten bietet Lösungen im Bereich der Mini-Marschflugkörper an. Das Jahr 2026 könnte sich als entscheidend dafür erweisen, wie Marktanteile in diesem zunehmend wichtigen und wettbewerbsintensiven Flugkörpersegment verteilt werden.
Dieser Beitrag untersucht die Einsatzlogiken und Begründungen für die Beschaffung von Mini-Marschflugkörpern und gibt einen Überblick über US-amerikanische und europäische Hersteller, die 2026 in Europa um Marktanteile konkurrieren.
Was sind Mini-Marschflugkörper und wie unterscheiden sie sich von Langstreckendrohnen?
Mini-Marschflugkörper ähneln schwereren Marschflugkörpern in ihrer Grundform. Sie verfügen über einen langen, schlanken Rumpf, relativ kleine Tragflächen, die sich häufig erst nach dem Start entfalten, sowie Lufteinlässe für ein luftatmendes Triebwerk, in der Regel ein Turbojet-Triebwerk. Funktional kombinieren sie eine relativ große Reichweite mit mittleren bis hohen Unterschallgeschwindigkeiten und einer kleinen bis moderaten Nutzlast, abhängig vom jeweiligen Design.
Diese Eigenschaften unterscheiden Mini-Marschflugkörper von Langstreckendrohnen, die in der Regel mit geringeren Unterschallgeschwindigkeiten operieren und daher größere aerodynamische Flächen benötigen, um in der Luft zu bleiben. Dieses Flugprofil führt typischerweise zu einem schwächeren Stealth-Profil und einer geringeren Nutzlastkapazität. Langstreckendrohnen sind zudem häufig weniger anspruchsvoll in ihrer Systemarchitektur, was oft eine geringere Endphasenpräzision und eine höhere Verwundbarkeit gegenüber kinetischen und nicht-kinetischen Luftverteidigungssystemen, einschließlich elektronischer Kampfführung, zur Folge hat.
Gleichwohl bleibt die Grenze zwischen Mini-Marschflugkörpern und Langstreckendrohnen unscharf. Wenn das Design von Langstreckendrohnen so angepasst wird, dass sie schneller, überlebensfähiger, nutzlaststärker und teurer werden, nähert sich ihr Fähigkeitsprofil zunehmend dem von Mini-Marschflugkörpern an, und beide werden in ähnlichen Rollen eingesetzt. Die von Russland eingesetzte Geran-3 Langstreckendrohne ist ein gutes Beispiel hierfür.
Warum sind Mini-Marschflugkörper nützlich?
Mini-Marschflugkörper schließen die Lücke zwischen preisgünstigen, verlusttoleranten Langstreckendrohnen und teuren Hochwertflugkörpersystemen, einschließlich schwerer Marschflugkörper und konventioneller ballistischer Raketen. Sie bewahren die Erschwinglichkeit und relative Entbehrlichkeit von Langstreckendrohnen, bieten jedoch grundsätzlich eine höhere Überlebensfähigkeit und Letalität, wobei das Ausmaß dieser Vorteile stark vom jeweiligen Kontext abhängt.
Zwei Einsatzfälle stechen besonders hervor. Erstens sind sie attraktiv, wenn Langstreckendrohnen nicht über ausreichende Letalität oder Überlebensfähigkeit verfügen, der Einsatz schwerer Flugkörper jedoch unverhältnismäßig und kostenineffizient wäre. In solchen Fällen ermöglichen Mini-Marschflugkörper, weniger vorhandene Hochwertsysteme im Arsenal für Ziele zu reservieren, die deren Fähigkeiten tatsächlich erfordern.
Zweitens bieten Mini-Marschflugkörper in umkämpften Einsatzumgebungen, in denen Drohnen voraussichtlich nicht überleben und der Einsatz begrenzter Bestände teurer Flugkörper mit erheblichen Unsicherheiten verbunden ist, einen Kompromiss zwischen Kosten und Überlebensfähigkeit. Sie ermöglichen Versuche der Zielneutralisierung, ohne im Falle eines Fehlschlags prohibitive Verluste zu riskieren.
Mini-Marschflugkörper werden weder Drohnen noch schwere Flugkörpersysteme ersetzen. Vielmehr erfüllen sie überwiegend eine komplementäre Rolle. Eine Ausnahme könnte für kleinere Staaten mit begrenzten Verteidigungsbudgets gelten. Hier können Mini-Marschflugkörper Staaten, die zuvor aus Kostengründen vom Markt ausgeschlossen waren, den Aufbau tiefer Flugkörperarsenale ermöglichen. In diesem Fall ist die Fähigkeit nicht nur ergänzend, sondern ermöglichend.
Der Markt für Mini-Marschflugkörper in Europa und den Vereinigten Staaten
Eine wachsende Zahl amerikanischer und europäischer Hersteller betritt den Markt für Mini-Marschflugkörper, darunter etablierte Unternehmen ebenso wie jüngere Start-ups und Scale-ups. Angesichts der potenziellen Nachfrage ist diese Entwicklung wenig überraschend.
Eine konservative Schätzung legt nahe, dass allein die europäischen NATO-Staaten in Friedenszeiten rund 20.000 Mini-Marschflugkörper benötigen könnten, und bei einer Verschlechterung der Sicherheitslage erheblich mehr. Bei durchschnittlichen Stückkosten von 150.000 bis 300.000 US-Dollar entspräche dies einem europäischen Marktvolumen von etwa drei bis sechs Milliarden US-Dollar.

In den Vereinigten Staaten entwickeln die Start-ups Zone 5 Technologies und CoAspire im Rahmen des ERAM-Programms der U.S. Air Force Mini-Marschflugkörper mit den Bezeichnungen Rusty Dagger und RAACM. Ziel des Programms ist es, bis Ende 2026 einen kostengünstigen Marschflugkörper einzuführen. Beide Systeme sollen voraussichtlich auch an die Ukraine geliefert werden, die eine Genehmigung zum Erwerb von bis zu 3.350 ERAM-Flugkörpern hat.
Der norwegische Rüstungskonzern Kongsberg hat kürzlich eine Mehrheitsbeteiligung an Zone 5 Technologies erworben und dürfte Rusty Dagger und vergleichbare Produkte europäischen Kunden anbieten, möglicherweise mit lokaler Produktion. Anduril hat umfangreiche Kooperationsvereinbarungen mit taiwanischen, polnischen und deutschen Herstellern geschlossen, um lokalisierte Varianten seines Barracuda Mini-Marschflugkörpers zu entwickeln. Lockheed Martin und Kratos verfolgen parallele Vorhaben, bislang jedoch ohne bestätigtes Kundeninteresse.
In Europa bietet Destinus derzeit den kampferprobten Mini-Marschflugkörper Ruta an, der in der Ukraine umfangreich eingesetzt wurde, während das tschechische Unternehmen LPP plant, den Narwhal Mini-Marschflugkörper bis 2026 einzuführen. MBDA hat das Konzept CROSSBOW vorgestellt, das bei Vorliegen eines Kunden bis Mitte 2026 in Produktion gehen könnte. Der RCM2-Flugkörper von MBDA Deutschland, den die Bundeswehr voraussichtlich Mitte bis Ende der 2020er Jahre beschaffen wird, positioniert sich in einem höherwertigen Segment und dürfte mit Kosten zwischen etwa 500.000 und 1 Million US-Dollar eine Brücke zwischen Mini-Marschflugkörpern und teureren Flugkörpersystemen schlagen.
Europäische Hersteller könnten politisch von angespannten transatlantischen Beziehungen profitieren, allerdings nur, wenn es ihnen gelingt, die Produktion zu skalieren und robuste Lieferketten zu sichern. Einige Staaten könnten auch ukrainische Mini-Marschflugkörper in Betracht ziehen, insbesondere wenn der Krieg in der Ukraine an Intensität abnehmen sollte und ukrainische Hersteller über freie Produktionskapazitäten verfügen. In diesem Fall könnten verbesserte Exportvarianten von Mini-Marschflugkörpern wie Peklo, Bars oder Palianytsia für europäische Kunden zu realistischen Optionen werden. Kurzfristig erscheint dies jedoch unwahrscheinlich.
Fazit
Mehrere europäische Staaten werden 2026 voraussichtlich eine Fähigkeit im Bereich der Mini-Marschflugkörper anstreben. Angesichts der Vielzahl neuer Marktteilnehmer neben etablierten Unternehmen ist es gerechtfertigt, dieses Segment als eines der wettbewerbsintensivsten Bereiche des globalen und insbesondere des europäischen Flugkörpermarktes zu bezeichnen. Bis Ende 2026 dürfte klarer erkennbar sein, welche Akteure sich in diesem Segment als führend etablieren und wie sich amerikanische Wettbewerber im Vergleich zu ihren europäischen Pendants positionieren. Dieses Ergebnis wird voraussichtlich auch viel über die künftige Struktur des europäischen Flugkörpermarktes und die Rolle aussagen, die die Vereinigten Staaten darin spielen werden.
Autor: Fabian Hoffmann ist Doktorand am Oslo Nuclear Project an der Universität Oslo. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der aktualisierte Beitrag erschien erstmalig am 28. Dezember 2025 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.

















