FCAS: Luftfahrtindustrie fürchtet Ende des deutschen Kampfflugzeugbaus

Lars Hoffmann

Anzeige

Sollte sich der französische Flugzeughersteller Dassault mit seinen seit einem Jahr vorgetragenen Forderungen nach der Dominanz bei der Entwicklung des New Generation Fighters (NGF) und der Auswahl der Zulieferer im trinationalen Future Combat Air System (FCAS) durchsetzen, droht das Ende des Baus von Kampfflugzeugen in Deutschland. Dies geht aus einem vertraulichen Papier zum Sachstand der Verhandlungen beim Next Generation Weapon System (NGWS) des FCAS-Vorhabens zwischen den Partnerländern Deutschland, Frankreich und Spanien hervor, das der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) verfasst hat. Der Fighter ist Teil des NGWS. In dem Schreiben, das hartpunkt vorliegt, heißt es, dass Dassault seit Dezember 2024 dogmatisch auf dem Anspruch alleiniger Hoheit über die Auslegung des Flugzeuges und Auswahl der zu beteiligenden Zulieferer beharre. Gleiches gelte für die ebenfalls angestrebte Führungsrolle in der Gesamtarchitektur des NGWS.

Dem Papier zufolge liegt der deutsche Anteil am zukünftigen FCAS-Kampfflugzeug in Qualität und Quantität schon heute deutlich hinter dem in Bestandsprogrammen wie dem Eurofighter zurück. Und weiter: „Durch Schnittstellenabhängigkeiten sind zudem weitere, für den Programmerfolg maßgebliche deutsche Beiträge im Bereich Sensorik, intelligenter Vernetzung und Bewaffnung gefährdet.“

Anzeige

Aufgrund des kompromisslosen Feshaltens von Dassault an seinen Forderungen habe das Unternehmen bereits jetzt ein volles Jahr Verzug zu verantworten, kritisieren die Autoren des Papiers. Eine einseitige Verschiebung der Systemhoheit würde Deutschland nach Einschätzung des BDLI bei der Entwicklung, Fertigung, logistischen Betreuung und Weiterentwicklung des NGWS vollkommen dem Gutdünken von Dassault preisgeben. „Deutsches Steuergeld würde dafür verwendet, die europäische Luftfahrtindustrie einseitig in Frankreich zu konsolidieren. Es wäre nicht weniger als das Ende des deutschen Kampfflugzeugbaus“, schreibt der Verband. Das dürfe weder Ziel noch Ergebnis der deutsch-französischen Zusammenarbeit sein.

Anzeige

Die deutsche Luftfahrtindustrie sei indes weiter fest entschlossen, die Ambition von NGWS/FCAS gemeinsam mit den europäischen Partnern zu realisieren. „Es kann jedoch im Kreise von Partnern kein für den uneingeschränkten Führungsanspruch Einzelner geben“, betont der BDLI.

Während sich die deutsche Luftfahrtindustrie gegen das Dominazstreben eines Unternehmens aus Frankreich stemmt, wird in Fachkreisen mittlerweile hinterfragt, ob Dassault tatsächlich noch – wie allenthalben verkündet – über die umfassenden Kompetenzen zum Bau von Kampfflugzeugen verfügt.

Während nach dem 2. Weltkrieg die Entwicklung von Flugzeugen aus der Mirage-Familie, der Super Etendard, der Jaguar und zuletzt der Rafale auf den Flugzeugkonzern zurückgehen und im Abstand weniger Jahre neue Muster präsentiert wurden, hat der Prototyp der Rafale bereits 1991 seinen Erstflug absolviert. Öffentlich verfügbaren Quellen zufolge startete die Serienprodukion bereits 1997. Seit fast einem Vierteljahrhundert hat das Unternehmen also keinen wirklich neuen Jet vorgestellt. Seitdem erfolgte Sensor- und Avionik-Upgrades dürften eher auf das Konto von Thales gehen. Neu entwickelt wurde lediglich die experimentelle Stealth-Drohne Neuron, die allerdings keine Waffen trägt, im Unterschall fliegt und hinsichtlich Manövierbarkeit beschränkt sein dürfte.

Blickt man auf Airbus Defence and Space, den deutschen Partner beim NGF, so hat das Unternehmen erhebliche Expertise in verschiedenen Technologiefeldern bei Entwicklung und Produktion von Tornado und später Eurofighter aufgebaut, die sich ergänzen dürften. Zuletzt hat nur noch Deutschland den Tornado weiterentwickelt. Übrigens ist der deutsche ECR-Tornado das einzige Kampfflugzeug seiner Art in Europa. Auch die Modernisierung des Eurofighters erfolgt zunehmend durch Airbus.  So werden ein neues E-Scan-Radar von Hensoldt und das Selbstschutzsystem Arexis von Saab eingerüstet. Erst vor wenigen Wochen hat der Bundestag eine sogenannte 25-Millionen-Euro-Vorlage für ein „Aerodynamic Modification Kit“ (AMK) freigegeben, in deren Rahmen der Eurofighter modernisiert wird.

„Das Aerodynamic Modification Kit umfasst aerodynamische Anpassungen sowie Änderungen im Flugsteuerungs- und Avioniksystem des Eurofighters. AMK wird die Flugleistung verbessern und die Integration externer Lasten optimieren. ‚P4E Aerodynamic Modification Kit Step 1‘ umfasst die Entwicklung, Flugtests und Produktion der AMK-Hardware“, teilte dazu ein Airbus-Sprecher auf Nachfrage mit. Es geht also um tiefe Eingriffe in die Flugzeugarchitektur.

Neben Hensoldt, können auch weitere deutsche Zulieferer wie Liebherr, Litef, Diehl, MTU, Rolls Royce Deutschland oder Rohde & Schwarz Weltklasse-Beitrage für ein modernes Kampfflugzeug der nächsten Generation leisten. Setzt sich Frankreich dagegen beim New Generation Fighter durch, dürfte dies massive negative Auswirkungen auf die Branche haben – und das in Zeiten von Massenentlassungen in vielen Industrien. Als Ganzes betrachtet, dürfte die heimische Luftfahrtbrache also durchaus in der Lage sein, moderne Fighter zu entwickeln.

Ob ein Ende des FCAS-Vorhabens indes die deutsch-französische Freundschaft wirklich beschädigen würde, wie oftmals argumentiert wird, bleibt zweifelhaft. (Wobei implizit immer davon ausgegangen wird, dass nur Frankreich das Recht hat, verstimmt zu sein.) Denn erstens kommen die nicht akzeptablen Forderungen nach Änderungen einer vertaglich vereinbarten Arbeitsteilung von Dassault. Und zweitens dürfte auch der Kauf der F-35 in den USA, des Arrow-Raketenabwehrsystems in Israel oder das deutsche Aufsetzen der European Sky Shield Initiatve nicht im französischen, aber im deutschen Interesse gelegen haben. Dennoch muss eine echte Freundschaft solche Friktionen aushalten und hat es bislang auch getan.

Lars Hoffmann