Unbemannte Kampfflugzeuge für die Luftwaffe: Rheinmetall spricht mit Lockheed Martin, Boeing und Anduril

Lars Hoffmann

Anzeige

Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall befindet sich in Gesprächen mit den US-Unternehmen Lockheed Martin, Boeing und Anduril über eine Zusammenarbeit bei unbemannten Kampfflugzeugen, die auch als Collaborative Combat Aircraft (CCA) bezeichnet werden. Wie Rheinmetall CEO Armin Papperger gestern in einem Analysten-Call ausführte, benötigt die Bundeswehr nach seinen Informationen rund 400 dieser CCA, es handele sich also um ein „großes Geschäft“.

Laut Papperger geht es bei der Beschaffung um eine schnelle Umsetzung, was für Anbieter spreche, die sich bereits seit längerem mit der Thematik befassen. Die Newcomer bei CCA seien nach seiner Wahrnehmung nicht die präferierten Lieferanten, betonte Papperger. Dem Manager zufolge könnte bei einem gemeinsamen Projekt mit einem US-Anbieter rund 30 bis 40 Prozent der Wertschöpfung auf den amerikanischen Anbieter entfallen, der Rest auf europäische Partner, wobei Rheinmetall bei einem europäischen Business Hub die Mehrheit anstrebe und für die Implementierung der US-Technologie zuständig sei.

Anzeige

Boeing fliege bereits in Australien, sagte Papperger. Dort entwickelt der US-Konzern zusammen mit der australischen Regierung seit 2017 das CCA mit der Bezeichnung MQ-28 Ghost Bat. Wie Glen Ferguson, Director MQ-28 Global Program bei Boeing, vor einigen Monaten im Gespräch mit hartpunkt erläuterte, ist die MQ-28 in der Lage, mit allen bekannten Kampfflugzeugen, wie etwa dem Eurofighter, zusammen zu operieren. Interoperabilität und „Interchangeability“ mit allen existierenden Flugzeugen sowie Luftwaffen sei eine der wichtigsten Forderungen Australiens mit seinen kleinen Streitkräften bei der Entwicklung gewesen, sagte der Manager. Deshalb verfüge die MQ-28 über eine „vollkommen offene Architektur und Missionssystem“.

Anzeige

Dem Vernehmen nach hat sich auch die Deutsche Luftwaffe bei einer internationalen Marktsichtung für zukünftige CCA die MQ-28 angeschaut. Boeing-Manager Ferguson zufolge können Nutzer der MQ-28 alle Arbeiten, die in die Kategorie Maintenance, Repair und Overhaul (MRO) fallen, selbstständig vor Ort ausführen. Auch sei gegebenenfalls „überall auf der Welt“ eine Produktion realisierbar. Bis 2028 sei die Initial Operational Capability (IOC) der MQ-28 für die australische Luftwaffe vorgesehen.

Wie Papperger in dem Analysten-Call ausführte, hat ihm der CEO von Anduril angeboten, sämtliche eigene Technologien für die Nutzung in Europa zu untersuchen. Damit befasse sich gerade ein Team von Rheinmetall. Erst Mitte Juni hatten Rheinmetall und Anduril Industries eine strategische Partnerschaft zur gemeinsamen Entwicklung und Herstellung von Marschflugkörpern des Typs Barracuda, Fury-Kampfdrohnen sowie Feststoffraketenmotoren für Europa geschlossen. Wie Anduril seinerzeit mitteilte, sieht die Kooperation die Aufnahme einer europäischen Variante des CCA Fury in Rheinmetalls „Battlesuite“ vor. Bei Fury handelt es sich um ein unbemanntes Flugzeug, das Anduril selbst entwickelt hat und dessen Erstflug noch aussteht, wie ein Sprecher des Unternehmens in Paris erläuterte.

Die Einbindung von Fury in das Rheinmetall-Ökosystem von Produkten ermögliche es jedem Land, seine eigenen Kommando- und Kontrollsysteme und Einsatzkonzepte zu konfigurieren. Fury sei ein hochentwickeltes Kampfflugzeug mit der Flexibilität, eine Vielzahl von Sensoren und Nutzlasten zur Unterstützung der Missionsanforderungen zu integrieren. Nach Aussage des Anduril-Sprechers fließen in Fury die Erkenntnisse aus der Entwicklung des Collaborative Combat Aircraft für die U.S. Air Force ein, bei dem das Unternehmen neben General Atomics einer der zwei verbliebenen Wettbewerber ist.

Um welches CCA es sich bei den Gesprächen mit Lockheed Martin handelt geht aus den Ausführungen von Papperger nicht hervor. Mit dem US-Rüstungskonzern kooperiert Rheinmetall bei einer Reihe von Projekten, etwa bei der Produktion von Flugkörpern. Besonders hervorzuheben ist der Bau von Mittelrumpfteilen für das vom US-Konzern entwickelte Kampfflugzeug F-35 im nordrhein-westfälischen Weeze.

Interesse am deutschen Markt für CCA haben auch Airbus Defence and Space und Generals Atomics. So kündigte Airbus Mitte Juli an, zusammen mit dem US-Unternehmen Kratos ein CCA auf Basis der XQ-58A Valkyrie mit einem von Airbus hergestellten Missionssystem bis 2029 für die deutsche Luftwaffe einsatzbereit zu machen. Etwa zeitglich machte General Atomics publik, dass der Konzern die rasche Bereitstellung eines europäischen CCA plant, das auf einer US-Plattform basiert. Dieses solle in Europa montiert und mit europäischen Missionssystemen ausgestattet werden. Dazu will General Atomics seine unabhängigen US-amerikanischen und deutschen Luft- und Raumfahrttochtergesellschaften zu einem gemeinsamen Team zusammenführen.

General Atomics zufolge basiert das neue Flugzeug auf dem Prototyp YFQ-42A der US-Luftwaffe, der derzeit in Bodentests getestet wird und dessen Erstflug für diesen Sommer geplant ist.

Darüber hinaus gehen Beobachter davon aus, dass auch das auf KI spezialisierte Verteidigungsunternehmen Helsing Interesse an der Entwicklung von CCA hat, nachdem es den Flugzeugbauer Grob übernommen hat.

Lars Hoffmann