Mit dem TAURUS (Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System) verfügt die Bundeswehr über einen luftgestützten Marschflugkörper, der sich besonders für die Bekämpfung von verbunkerten und eingegrabenen Zielen eignet. Öffentlich zugänglichen Informationen zufolge wurden im Zeitraum 2005 bis 2010 insgesamt 600 TAURUS-Marschflugkörper für die Bewaffnung der Tornado-Kampfflugzeuge beschafft. Nach Ausmusterung des Tornados wird der Eurofighter als Trägerflugzeug für den Waffeneinsatz des TAURUS fungieren, entsprechende Integrationsarbeiten finden gut informierten Kreisen zufolge derzeit statt.
Die öffentlich erklärte Absicht der Bundeswehr ist es, den TAURUS bis mindestens Mitte der 2040er-Jahre zu nutzen. Um dies zu erreichen, hat das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw Ende 2024 mit dem Hersteller Taurus Systems GmbH – ein Joint Venture von MBDA Deutschland und Saab – einen Vertrag zur Wartung und Modernisierung der Abstandswaffe (Generalüberholung 2) geschlossen, der die Einsatzfähigkeit des TAURUS bis mindestens 2045 sicherstellen soll.
In einem jüngst an das Parlament übermittelten Dokument des Verteidigungsministeriums mit einer vorläufigen Liste von 25-Mio-Vorhaben, die im zweiten Halbjahr dem Haushalts- sowie Verteidigungsausschuss zur Billigung vorgelegt werden sollen, ist unter Punkt 75 auch das Vorhaben „MAW TAURUS NEO inkl. Aufbau einer Fertigungslinie“ aufgeführt. Ein Grund sich das Waffensystem genauer anzusehen.
TAURUS
Auch wenn sowohl der Hersteller als auch die Bundeswehr seit wenigen Jahren nur sehr zurückhaltend über die Fähigkeiten des TAURUS kommunizieren, sind sehr viele Informationen über das Waffensystem verfügbar. Insbesondere in den 2010er Jahren haben der Hersteller und die Nutzer des TAURUS sehr viel und detailliert zu den Marschflugkörpern publiziert.
Der 1,4 Tonnen wiegende TAURUS-Flugkörper hat nach Angaben des Herstellers eine Reichweite von 500 km und ist mit einem rund 450 kg schweren Gefechtskopf bestückt, welcher gut 100 kg Explosivstoff enthält. Beobachter gehen davon aus, dass die tatsächliche Flugreichweite signifikant oberhalb der angegebenen 500 km liegt. Für den eigentlichen Waffeneinsatz ist jedoch von geringerer Relevanz, ob das luftgestützte Waffensystem 500, 600 oder 700 km weit fliegt. Im Gegensatz zu ballistischen Raketen – die eine lineare Flugbahn aufweisen – ist der TAURUS für den Einsatz im extrem tiefen Konturenflug mit Flughöhen unterhalb von 50 m über dem Boden ausgelegt. Gleichzeitig sieht die Einsatzstrategie der Abstandswaffe vor, dass der Flugkörper aus Gründen der Überlebensfähigkeit die Schwächen der feindlichen Luftverteidigung so gut wie möglich ausnutzt. Das bedeutet, dass die im Rahmen der Missionsplanung erkannten feindlichen Luftverteidigungssysteme mitberücksichtigt werden und die Flugroute des TAURUS so programmiert wird, dass Lücken bzw. Schwächen der feindlichen Flugabwehr sowie das Gelände möglichst optimal ausgenutzt werden. Auf dem Weg zu seinem Ziel muss der TAURUS daher viel manövrieren, wofür entsprechend mehr Treibstoff verbraucht wird als bei einem Geradeausflug in einer konstanten Flughöhe. Die effektive Reichweite des TAURUS ist daher keine statische Zahl, sondern kann abhängig von mehreren missionsspezifischen Faktoren jedes Mal anders aussehen.
Genau diese Aspekte einer TAURUS-Flugroute machen eine Reichweitendiskussion, insbesondere dann, wenn sie in der breiten Öffentlichkeit oftmals auch nur oberflächlich geführt wird, faktisch überflüssig. Da die Ziele mit dem TAURUS nicht auf direktem Wege bekämpft werden, muss das Waffensystem unter Umständen 500 km weit fliegen, um ein vom Startpunkt 300 oder 400 km entferntes Ziel bekämpfen zu können. Dabei stellt der Startpunkt die zweite Besonderheit des TAURUS gegenüber Langstrecken-Strike-Drohnen und bodengestützten Marschflugkörpern dar. Da der TAURUS luftgestützt von Kampfflugzeugen verschossen wird, können damit auch Ziele tief im feindlichen Hinterland angegriffen werden, die 1.000 km hinter der Front und sogar noch tiefer liegen. Das Limit wird hier also nicht von der Flugreichweite des TAURUS vorgegeben, sondern von der Fähigkeit der angreifenden Luftstreitkräfte, ein zum Eindringen in den feindlichen Luftraum befähigtes Strike-Package aufzubieten und der Risikobereitschaft, eine solche Mission anzugehen.
Eine theoretische Flugroute des TAURUS könnte wie folgt aussehen: Anstatt einen feindlichen Führungsbunker in einer gut verteidigten Großstadt auf direktem Wege anzugreifen und so den Wirksektor mehrerer unterschiedlicher Luftverteidigungssysteme zu „durchfliegen“, könnte die Abstandswaffe die Stadt erstmal in einem sicheren Abstand passieren. Im Anschluss würde der TAURUS das Ziel von hinten anfliegen und sowohl während des Marsches als auch im Zielanflug den Radarschatten von Bewuchs, Gebäuden und Gelände bestmöglich ausnutzen, um gänzlich unerkannt zu bleiben oder die Zielauffassung feindlicher Luftverteidigungssysteme ständig zu unterbrechen. Die Fähigkeit zum extrem-tiefen Konturenflug, die hohe Marschgeschwindigkeit und die geringe Radarsignatur sorgen in der Kombination für eine sehr hohe Überlebensfähigkeit des TAURUS.
Ist das Ziel erreicht, würde der TAURUS in der sogenannten Pop-up-Phase kurz vor dem Ziel aufsteigen um dieses dann senkrecht von oben angreifen. Der Tandem-Gefechtskopf des TAURUS ist dabei in die Lage, sogar stark ausgebaute Bunker zu penetrieren. Eine Vorhohlladung sprengt dazu beim Aufschlag eine Lücke in die Bunkerwand, durch die der nachgeordnete Penetrator ins Innere eindringen kann. Da der Sensor des Penetrators auf den Eindringwiderstand reagieren kann, kann im Rahmen der Missionsplanung selbst die exakte Bunkeretage festgelegt werden, in der Sprengkopf seine zerstörerische Wirkung zum Einsatz bringen soll.
Obwohl der TAURUS heute bereits über 20 Jahre alt ist, verfügt er über eine hochmoderne Navigationsarchitektur. Neben der klassischen GPS-Navigation und Trägheitsnavigation kann der TAURUS auch eine sogenannte Terrain Based Navigation (TRN) sowie eine Image Based Navigation (IBN) zurückgreifen. Insbesondere mittels TRN und IBN ist das Waffensystem auch dann in der Lage, sein Ziel zu finden, wenn die Satellitennavigation getäuscht wird oder gänzlich gestört ist.
TAURUS NEO
Zum TAURUS NEO selbst haben bisher weder die Bundeswehr noch der Hersteller Informationen veröffentlicht. Aus der Logik der vorgesehenen Zeitlinien für den Zulauf der Flugkörper sowie die technische Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahre lassen sich allerdings einige Aspekte des TAURUS NEO herleiten.
Flugzelle
Ein erster Aspekt des Flugkörpers kann bereits aus dem Namen abgeleitet werden. Der Umstand, dass der Flugkörper nicht TAURUS 2 oder einen gänzlich anderen Namen bekommen hat, deutet Beobachtern zufolge auf einen gewissen Konnex zwischen dem TAURUS und TAURUS NEO hin. So gehen gut informierte Kreise davon aus, dass sich der NEO äußerlich von dem „Ur-TAURUS“ kaum unterscheiden wird. Dies hat mehrere Gründe.
Der wohl wesentlichste Grund liegt in der Qualifizierung von Flugkörpern auf die jeweiligen Trägersysteme. Wenn das Air-Frame des Flugkörpers nicht geändert wird, können langwierige Flugtests etc. entfallen, weil der neue Flugkörper die gleichen Auswirkungen auf die Flugeigenschaften des Trägerflugzeuges aufweist, wie das Vorgängermodell. Die Nutzung des „alten“ Flugkörperzellendesigns würde somit in einer deutlich schnelleren operativen Verfügbarkeit des Waffensystems resultieren, als es bei einer kompletten Neuentwicklung möglich wäre.
Da der Air-Frame des klassischen TAURUS von Anfang an auf „Low Observability“ ausgelegt worden ist, dürfte der Handlungsdruck für eine Modernisierung dieser Komponente ohnehin vergleichsweise gering sein.
Überlebens- und Durchsetzungsfähigkeit
Zugutekommen dürfte auch der Umstand, dass der Flugkörper-Air-Frame über signifikante Raumreserven verfügt, die für zusätzliche Ausrüstung reserviert waren, die bei Telemetrie-Tests bzw. für die Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen für Schießvorhaben mit dem TAURUS auf Übungsplätzen notwendig sind.
Vorschriften sehen es beispielsweise vor, dass die Schießleitung über eine ständige Telemetrie-Verbindung zum Flugkörper verfügen muss, um den Abbruch eines Fluges aus Sicherheitsgründen jederzeit erzwingen zu können. Diese Telemetrie-Ausrüstung wird ausschließlich für Übungszwecke eingerüstet, im scharfen Einsatz steht der Bauraum theoretisch für andere Systeme zur Verfügung.
Hier hat der Hersteller bereits in der Vergangenheit vorgeschlagen, den Bauraum für die Einrüstung von Düppel- und/oder Flares-Werfern bzw. im elektromagnetischen Spektrum wirkende Täuschkörper zu nutzen. Würde dieser Aspekt bei der Entwicklung des TAURUS NEO tatsächlich umgesetzt, könnte die Überlebensfähigkeit des Flugkörpers noch weiter gesteigert werden. Insbesondere in der finalen Pop-up-Phase, wo sich der Flugkörper den feindlichen Luftverteidigungssystemen deutlich stärker exponieren muss, könnten die Selbstschutzsysteme für eine höhere Überlebens- und somit auch höhere Durchsetzungsfähigkeit sorgen.
Navigation
Den größten Entwicklungssprung der letzten Jahrzehnte gab es auf dem Feld der Elektronik. Rechenleistungen, die noch vor wenigen Jahren nur durch große und sperrige Computer erbracht werden konnten, sind heute auf dem Smartphone verfügbar. Es gilt in Fachkreisen daher als gesichert, dass der TAURUS NEO über eine leistungsfähigere Elektronik auf dem aktuellen Stand der Technik verfügen wird.
Diese Elektronik dürfte in Kombination mit modernerer Sensorik – der Hersteller hat bereits in den 2010er Jahren eine Anpassung des Infrarotsuchkopfes auf einen neueren Stand vorgeschlagen – sowohl die TRN- und IBN-basierten Navigationssysteme spürbar verbessern und auch die Rechenschritte innerhalb des Flugkörpers – moderne Flugkörper sind fliegende Rechnersysteme – beschleunigen, beispielsweise im Bereich der Bildverarbeitung. Die modernere IT-Infrastruktur dürfte zudem die Missionsplanung vereinfachen und beschleunigen.
Wirkung
Der aktuelle Gefechtskopf des TAURUS gilt auch über 20 Jahre nach der Entwicklung als der leistungsfähigste seiner Klasse. Beobachter gehen daher nicht davon aus, dass beim TAURUS NEO wesentliche Änderungen an der Gefechtskopfarchitektur vorgenommen werden.
Antrieb
Die Meinungen zum Antriebssystem sind in Fachkreisen zwiegespalten. Einerseits gilt das derzeit im TAURUS verbaute P8300-15-Mantelstromtriebwerk des US-Herstellers Williams International als besonders leistungsfähig. Im Netz zugänglichen Informationen zufolge entwickelt das Triebwerk in Bodennähe einen Schub von bis zu 6,67 kN und damit ein einzigartiges Schub-Gewichts-Verhältnis, welches für den extrem-bodennahen Konturflug des TAURUS essentiell ist. Zum Vergleich: Der französisch-britische Flugkörper SCALP EG bzw. Storm Shadow weist eine dem TAURUS vergleichbare Größe und Gewicht auf, das zum Einsatz kommende Triebwerk Microturbo TRI 60 französischer Bauart entwickelt öffentlich zugänglichen Informationen zufolge jedoch nur eine Schubkraft von 3,5 bis 5,3 kN.
Die Problematik am P8300-15, wenn man es als solche ansehen möchte, liegt im Herstellerland. Da es in den USA gefertigt wird, unterliegt es den US-amerikanischen Exportbestimmungen, die sich auch auf die Exportfähigkeit und Weitergabe des ganzen Marschflugkörpers auswirken.
Nichtsdestotrotz gehen gut informierte Kreise davon aus, dass die Weiternutzung des Triebwerks für einen rasch zulaufenden TAURUS NEO alternativlos ist. Eine Neuentwicklung eines europäischen Triebwerks mit vergleichbaren oder verbesserten Leistungsdaten würde Fachleuten zufolge mehrere Jahre dauern und mit Entwicklungsrisiken verbunden sein, was schlussendlich im Zulauf der „finalen“ Marschflugkörper weit in den 2030er Jahren resultieren würde.
Gleichwohl halten es Beobachter für nicht ausgeschlossen, dass Optimierungspotenzial im Gesamtantriebssystem des TAURUS gehoben werden könnte, sodass der TAURUS NEO über eine höhere Maximalflugreichweite verfügen könnte, die unter Umständen auch bei rund 1.000 km liegen würde.
Zusammenfassung
Alles in Allem kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass der TAURUS NEO zwar eine dem TAURUS vergleichbare Wirkung und Aussehen aufweisen wird, jedoch über eine deutlich modernere Sensorik und Elektronik verfügen wird, welche die Missionsplanung erleichtern und die Navigationsfähigkeit des Flugkörpers auch in extrem gestörter Umgebung signifikant verbessern wird.
Weniger gesichert, aber dennoch wahrscheinlich gelten Verbesserrungen im Bereich des Antriebstrangs und die Integration von Selbstschutzsystemen, die in Summe Überlebens- und Durchsetzungsfähigkeit sowie die Reichweite des TAURUS NEO verbessern dürften.
Waldemar Geiger














