Luftwaffe baut offensive Weltraumfähigkeiten auf

Lars Hoffmann

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Das All wird aufgrund seiner Bedeutung für zivile und militärische Dienste immer stärker als Operationsgebiet für kriegerische Handlungen gesehen. Erst vor wenigen Tagen näherte sich Pressemitteilungen zufolge ein russischer Spionagesatellit bis auf wenige Meter an einen Aufklärungssatelliten der finnischen Firma Iceye an – ein ungewöhnliches Manöver. Iceye liefert bekanntlich auch Daten an das deutsche Verteidigungsministerium.

Vor diesem Hintergrund sieht auch die Bundeswehr die Bedrohung ihrer Assets im Weltraum und bereitet sich auf die Abschreckung außerhalb der Atmosphäre vor. Die NATO sei zwar ein Verteidigungsbündnis, betonte der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, heute bei einer Paneldiskussion auf dem 3. Weltraumsymposium von Inspekteur der Luftwaffe und IABG in Ottobrunn. „Aber wenn wir angegriffen werden, werden wir zurückschlagen“, unterstrich der höchste deutsche Luftwaffenoffizier. Seiner Aussage zufolge arbeitet die Bundeswehr gegenwärtig an der Entwicklung von offensiven Fähigkeiten im Bereich Weltraum. Es gehe dabei um die Wirkung in allen Umlaufbahnen bis hin zu geostationären Orbits. Der Inspekteur wollte dabei auch die kinetische Wirkung im All nicht ausschließen. „Wir betrachten alle Möglichkeiten“, so Neumann. Bei der Wirkung werden seinen Worten nach auch die Bereiche Bodenstationen und Übertragung einbezogen.

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Neumann nannte im Zusammenhang mit offensiven Fähigkeiten das Projekt GISMO (German Inspector Satellite for Multiple Operations). Dem Vernehmen nach handelt es sich dabei nicht um einen einzelnen Satelliten, sondern um einen umfassenderen Ansatz mit zahlreichen Satelliten auf unterschiedlichen Orbits. In der Weltraumsicherheitsstrategie wird in diesem Kontext die „Entwicklung und Nutzung von hochagilen, signalarmen Wächtersatelliten sowie Raumgleitern/Raumflugzeugen zur Inspektion von und Wirkung gegen gegnerische Systeme“ gefordert. Gut informierten Kreisen zufolge werden im Rahmen von GISMO parallel Studien umgesetzt sowie Wirksatelliten entwickelt, um Zeit zu sparen.

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Wie Neumann am Rande der Veranstaltung vor Journalisten sagte, handele es sich bei GISMO um einen Erprobungsträger, der nur bedingt operative Fähigkeiten aufweise und für die Ausbildung genutzt werden solle. Auf die Frage, ob es sich um ein umfassenderes Programm handele, wollte er nicht eingehen. Die Luftwaffe hoffe, dass der Erprobungsträger Ende kommenden Jahres zur Verfügung stehe.

Unabhängig davon steht das Deutsche Zentrum für Raumfahrt (DLR) offenbar kurz vor der Vergabe von zwei ähnlichen Satellitenprojekten mit der Bezeichnung „Schwert” und „Schild”, die allerdings nicht Teil von GISMO sind.

Luftwaffe baut Weltraumstreitkräfte auf

„Wir werden auch Weltraumstreitkräfte aufbauen“, kündigte Neumann an. Seiner Aussage zufolge ist ein „vierstelliger“ Personalansatz bei den Weltraumstreitkräften vorgesehen, die zur Luftwaffe gehören werden. Wie der Luftwaffeninspekteur in der Paneldiskussion ausführte, werden gegenwärtig in einem ersten Schritt sieben Luftwaffensoldatinnen und -soldaten zu Satellitenoperateuren ausgebildet. Diese zukünftigen Operateure sollen Teil der in Aufstellung befindlichen Weltraumstreitkräfte werden. Eine andere Einheit der neuen Truppe werde den Auftrag bekommen, den sogenannten Responsive Space Launch umzusetzen, sagte der Inspekteur der Luftwaffe. Dabei geht es um die Fähigkeit, Satelliten kurzfristig und flexibel ins All zu bringen.

Beim Transport von Satelliten in den Weltraum verfolgt die Bundeswehr einen weiteren neuen Ansatz: Während bisher der Hersteller eines Satelliten in der Regel auch für den Transport ins All verantwortlich ist, schließt das Verteidigungsministerium (BMVg) neuerdings Vorhalteverträge mit Startdienstleistern ab. Wie Generalmajor Wolfgang Ohl, Stellvertreter des Hauptabteilungsleiters Streitkräfte im BMVg, bei der Paneldiskussion sagte, ist die Bundeswehr gegenwärtig dabei, Kontrakte mit Unternehmen zu schließen, die Space Launch Capacity garantieren. Diese Anbieter würden schon jetzt bezahlt, ohne dass feststehe, welche Last damit ins All geschickt werde. Dieses Vorgehen sei ein Novum unter den Bedingungen der Bundeshaushaltsordnung und äußerst ungewöhnlich. „Aber alle haben die Zeichen der Zeit erkannt und alle machen mit“, so Ohl.

Während Europa bei Satellitenfähigkeiten als leistungsfähig gilt, haben der Kontinent und Deutschland riesige Engpässe bei Startkapazitäten. Deshalb gilt die Sicherung von Launch-Slots als entscheidend, um Satellitenkonstellationen überhaupt aufbauen zu können.

Ohl zufolge benötigt die Bundeswehr in Zukunft sowohl kleine Launcher als auch Heavy-Lift-Raketen. Zu Letzteren zählt er SpaceX, Blue Origin und Ariane. Im Segment der Startplätze spreche Deutschland überdies auf Regierungsebene mit den norwegischen Partnern darüber, den Andøya Spaceport im Norden des Landes in einen militärischen Startplatz umzuwandeln. Sollte dies gelingen, werde voraussichtlich kein Fischerboot in Zukunft einen Startprozess unterbrechen.

Nach Aussage von Ohl gibt es auch bei dem gegenwärtig wohl größten Weltraumprojekt der Bundeswehr, der Satellitenkonstellation SATCOM Bw Stufe 4, wichtige Fortschritte. Seinen Worten zufolge soll der Vertragsschluss noch im kommenden November erfolgen.

Lars Hoffmann