Während die Vereinigten Staaten in Rekordtempo Flugkörperangriffe gegen den Iran fliegen und gleichzeitig in beispiellosem Ausmaß neue Flugkörpersysteme nachbeschaffen, sind die europäischen Arsenale an konventionellen weitreichenden Waffen nach wie vor erschöpft, und die Bemühungen, diese wieder aufzufüllen, wirken planlos und unzureichend.
Sollten die europäischen Entscheidungsträger ihren Kurs nicht rasch ändern und konventionelle weitreichende Bewaffnung zu einer zentralen Priorität bei der Fähigkeitsentwicklung machen, werden die europäischen Staaten in den späten 2020er Jahren — dem Zeitraum, den Nachrichtendienste und Politik als das Fenster größter Gefahr für den Kontinent identifiziert haben — ohne angemessene konventionelle Langstreckenschlagfähigkeiten in jeden hochintensiven Konflikt eintreten.
Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die aktuellen europäischen Entwicklungen im Bereich konventioneller Langstreckenwaffen und diagnostiziert einen europäischen „Sonderweg“: eine Abweichung vom Rest der Welt in diesem Fähigkeitsbereich.
Europäische Entwicklungen weitreichender Waffensysteme
Drei Arten konventioneller weitreichender Waffensysteme bilden das Rückgrat moderner Arsenale: Langstreckenangriffsdrohnen, Landangriffs-Marschflugkörper und ballistische Raketen. Hyperschall-Gleitflugkörper könnten in einigen Streitkräften ebenfalls eine Rolle spielen, wenngleich ihre relative Bedeutung in Europa geringer sein dürfte, insbesondere solange die anderen Fähigkeitsbereiche noch nicht ausreichend entwickelt sind.
Im Folgenden wird der Stand der europäischen Beschaffung in den drei Hauptkategorien kurz dargestellt.
Langstreckenangriffsdrohnen
In den vergangenen Jahren haben europäische Staaten begonnen, Langstreckenangriffsdrohnen zu entwickeln, die weitgehend mit der iranisch-russischen Shahed/Geran-Familie oder der LUCAS-Drohne vergleichbar sind, die derzeit von den Vereinigten Staaten im Irankrieg eingesetzt wird.
Frankreich ist am weitesten fortgeschritten und verfolgt zwei parallele Programme. Für den One-Way Effector von MBDA — ein strahlengetriebenes System mit einer Reichweite von 500 km und einem 40-kg-Gefechtskopf — wurde im Januar 2026 ein Entwicklungs- und Produktionsvertrag abgeschlossen; die ersten Lieferungen sind für 2027 geplant. Unabhängig davon bereitet sich Renault auf die Fertigung der Chorus vor, einer größeren Langstreckenangriffsdrohne vom Shahed-Typ, die gemeinsam mit Turgis & Gaillard im Rahmen eines potenziellen Zehnjahresvertrags im Wert von einer Milliarde Euro entwickelt wurde.
Auf multilateraler Ebene unterzeichneten Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Schweden und das Vereinigte Königreich im Februar 2026 im Rahmen des European Long-Range Strike Approach (ELSA) eine Absichtserklärung zur gemeinsamen Entwicklung und Beschaffung des One-Way Effector (OWE) 500 Plus, einer Langstreckenwaffe mit einer Reichweite von 500 km und einem angestrebten Stückpreis im fünfstelligen Bereich. Das Programm befindet sich weiterhin in der Konzept- und Machbarkeitsphase.
Landangriffs-Marschflugkörper
Seit 2022 verfolgen die europäischen Staaten zwei parallele Wege bei Landangriffs-Marschflugkörpern: die Beschaffung amerikanischer Systeme zur Schließung kurzfristiger Fähigkeitslücken bei gleichzeitiger Investition in längerfristige eigene Programme.
Polen, Finnland und die Niederlande haben alle JASSM-ER im Rahmen von Foreign Military Sales bestellt; ein Lockheed-Martin-Vertrag vom September 2024 deckt diese Lieferungen bis Juli 2032 ab. Deutschland erwägt Medienberichten zufolge die Beschaffung von bis zu 400 Tomahawk-Block-Vb-Landangriffs-Marschflugkörpern sowie bodengestützten Typhon-Werfern als Übergangslösung und hat wahrscheinlich bis zu 75 JASSM-ER sowie etwa 185 bis 260 Joint Strike Missiles für seine F-35A-Flotte bestellt. Auch die Niederlande haben sehr wahrscheinlich Tomahawk-Block-IV und Block-V bestellt, eine Bestätigung steht jedoch noch aus. Frankreich hat die SCALP-EG-Produktion wieder aufgenommen, um Lieferungen an die Ukraine zu ersetzen — schätzungsweise 50 bis 100 Stück pro Jahr; die britische Storm-Shadow-Produktionslinie bleibt unterdessen stillgelegt.
Was die Entwicklung betrifft, unterzeichnete Deutschland im Dezember 2025 einen Vertrag zur Vorbereitung der Serienproduktion des Taurus Neo. Früheren Medienberichten zufolge sind etwa 600 Flugkörper geplant, die Auslieferung soll Anfang der 2030er Jahre beginnen. Auch Spanien und Schweden sollen sich dem über die OCCAR verwalteten Vorhaben anschließen. Norwegen und Deutschland entwickeln gemeinsam den Überschall-Landangriffs-Marschflugkörper 3SM Tyrfing. Ein Vertrag für die erste Phase wurde im Juli 2024 unterzeichnet, die Indienststellung ist für 2035 geplant.
MBDA entwickelt einen bodengestützten Landangriffs-Marschflugkörper im Rahmen des ELSA-Programms sowie des französischen nationalen FLP-T-Programms. Der Flugkörper basiert auf der Missile de Croisière Navale — welche auf französischen Schiffen und U-Booten eingesetzt wird — und soll eine Reichweite von über 1.000 km erreichen. Der erste Testabschuss ist für 2027 bis 2028 geplant. Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien entwickeln zudem STRATUS, den Nachfolger von Storm Shadow/SCALP-EG, dessen Indienststellung für etwa 2028 bis 2030 vorgesehen ist.
Großbritannien lancierte im September 2024 das Projekt Brakestop mit der Forderung nach einem Wirkmittel mit einer Reichweite von 600 km und einer Nutzlast von 200 bis 300 kg, das von einer mobilen Plattform aus gestartet wird und einen Stückpreis von unter 500.000 US-Dollar aufweist. Dies entspricht weitgehend dem durch den Krieg in der Ukraine etablierten Konzept des Mini-Marschflugkörpers. Drei Wettbewerber wurden in die engere Wahl gezogen. Im Dezember 2025 fand ein erster Testschuss statt, und die angestrebte Serienproduktion liegt bei mindestens 20 Einheiten pro Monat. Ein Produktionsauftrag wurde bisher nicht vergeben.
Ballistische Raketen
Seit 2022 stützt sich die Beschaffung ballistischer Raketen in Europa fast ausschließlich auf amerikanische und südkoreanische Systeme. Kein europäischer Staat setzt eine eigenständig entwickelte konventionelle ballistische Rakete ein oder steht kurz davor.
Das vorherrschende Muster war die Beschaffung der amerikanischen Kurzstreckenrakete ATACMS. Lettland, Litauen und Estland wurden jeweils bis zu 10, 18 und 200 ATACMS-Pods bewilligt, Polen 45. Die baltischen Staaten haben zudem Interesse an der Precision Strike Missile (PrSM) — dem ATACMS-Nachfolger mit einer Reichweite von 500 km — bekundet, doch lehnte Washington im August 2024 einen vergleichbaren Antrag Norwegens ab, was kurzfristige Lieferungen an die baltischen Staaten unwahrscheinlich macht. Norwegen und Polen haben beide das südkoreanische Mehrfachraketenwerfer-System Chunmoo bestellt, das die ballistische Rakete CTM-290 mit einer Reichweite von unter 300 Kilometern verschießen kann. Raketentypen und -mengen sind noch unbestätigt.
Das Vereinigte Königreich ist der einzige europäische Staat, der die Entwicklung eigener ballistischer Raketen vorantreibt. Das im Dezember 2025 gestartete Projekt Nightfall zielt auf eine bodengestützte ballistische Rakete für die Ukraine ab, mit einer Reichweite von über 500 km, einem 200-kg-Gefechtskopf und Stückkosten von unter 1,1 Millionen US-Dollar. Eine Auslieferung wird nicht vor Ende 2027 erwartet.
Das Vereinigte Königreich und Deutschland kündigten im Mai 2025 im Rahmen des Trinity-House-Abkommens ihre Absicht an, gemeinsam eine Deep-Strike-Waffe mit 2.000 km Reichweite zu entwickeln, was in einer ballistischen oder quasi-ballistischen Hyperschallwaffe resultieren könnte. Zugleich wurde die Entwicklung eines Marschflugkörpers im Rahmen desselben Programms angekündigt. Das Programm befindet sich weiterhin in der Konzeptphase, ein Industrievertrag liegt noch nicht vor.
Importe, Konzepte und Entwicklungen
Auf dem Papier wirken diese Bemühungen umfassend. Doch der Schein trügt. Viele Beschaffungsprojekte für konventionelle weitreichende Waffen stecken weiterhin in der Konzept- und Entwicklungsphase fest, während die wenigen europäischen Systeme, die tatsächlich produziert werden, nur in geringen Stückzahlen hergestellt werden.
Werden Systeme in größeren Stückzahlen beschafft, stammen sie aus den USA oder Südkorea. Als Übergangslösungen sind solche Beschaffungen zwar gerechtfertigt, doch verliert dieses Argument an Überzeugungskraft angesichts der mangelnden Dringlichkeit, mit der seit Februar 2022 eigene Programme für europäische Langstreckenwaffen vorangetrieben werden.
In mehreren Staaten — darunter Deutschland — wurden noch nicht einmal Übergangslösungen beauftragt, geschweige denn verbindliche Zusagen für eine eigene konventionelle Langstreckenlösung gemacht. ELSA ist ein typisches Beispiel. Seit Mitte 2024 diskutieren die teilnehmenden Staaten multilaterale Lösungen für Tiefenschläge. Fast zwei Jahre nach seiner Gründung hat das Konsortium nichts Greifbares hervorgebracht.
Hinzu kommt eine Diskrepanz zwischen der europäischen Beschaffung und den Realitäten industrieller Kriegsführung. Europäische Staaten benötigen nicht Hunderte von Flugkörpern — sie benötigen Tausende. Brächen morgen Kämpfe aus, wären die Bestände binnen Tagen bis Wochen erschöpft. Europa braucht skalierbare Produktionslinien sowohl für Low-Tier- als auch für High-Tier-Langstreckenwaffen, um im Kriegsfall eine kontinuierliche Nachschubversorgung sicherzustellen.
Europäischer Sonderweg
Was die Zurückhaltung Europas — insbesondere der großen europäischen Mächte — bei angemessenen Investitionen in konventionelle Langstreckenwaffen besonders auffällig macht, ist, dass sie im globalen Vergleich die Ausnahme darstellt. Nahezu jeder Staat außerhalb Europas, der sich auf einen Krieg vorbereitet, setzt massiv auf Flugkörper- und Langstrecken-Drohnentechnologie.
Dazu zählen China und die Vereinigten Staaten, die sich beide auf einen möglichen Konflikt im asiatisch-pazifischen Raum vorbereiten. Dazu zählt auch Russland, das seine aus der Sowjetzeit stammenden konventionellen Langstreckenwaffen in den 2010er Jahren modernisiert und die Produktion nach Kriegsbeginn rasch ausgeweitet hat. Aber auch andere Groß- und Mittelmächte, die historisch nicht mit fortschrittlichen Flugkörperarsenalen assoziiert werden — darunter Australien, Japan, Südkorea und Taiwan — haben trotz konkurrierender Beschaffungsprioritäten überdurchschnittlich in Langstreckenwaffen investiert.
Es sind die europäischen Staaten, die einen Sonderweg beschritten haben, der von den jüngsten Erfahrungen anderer abweicht. Europas Verbündete und Konkurrenten gehen davon aus, dass der Eintritt in einen hochintensiven Krieg ohne umfangreiche Bestände und robuste Lieferketten für Flugkörper keine tragfähige Option ist. Die europäischen Hauptstädte haben dies offenbar anders beurteilt.
Autor: Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 5. April 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.














