Die Bundeswehr rechnet offenbar mit einer effektiven Trefferquote der Loitering-Munition-Systeme, die im Rahmen des Vorhabens Aufklärungs- und Wirkverbund getestet wurden, unter Gefechtsbedingungen von mindestens 25 Prozent. Dies geht aus einem am 20. Mai auf der Bundeswehrseite veröffentlichten Beitrag hervor, der die im April 2026 im thüringischen Ohrdruf erfolgten Testversuche mit dem „Aufklärungs- und Wirkverbund unbemannte Systeme“ beschreibt.
Mit dem Aufklärungs- und Wirkverbund (AWV) führt das Deutsche Heer erstmals eine Fähigkeit ein, mit denen KI-gestützte Drohnenverbünde in komplexen Szenarien eingesetzt werden können. Als erster Großverband des Heeres wird die in Litauen stationierte Panzerbrigade über eine Einheit verfügen, die den AWV einsetzen soll. Mit dieser Fähigkeit soll es der Brigade möglich sein, Ziele in ihrem Verantwortungsbereich unbemannt aufzuklären und mittels Loitering-Munition- Systemen (LMS) zu bekämpfen. Dafür wurden drei unterschiedliche LMS mittlerer Reichweite von Helsing, STARK und Rheinmetall beschafft.
Als Bestandteil des Beitrages mit der Bezeichnung „Truppe testet Kamikazedrohnen“ wird auch auf den Erfahrungsaustausch der Bundeswehr mit der Ukraine eingegangen. „Wir bekommen Einsatzberichte sowohl von den Unternehmen als auch von den ukrainischen Streitkräften. Das hilft uns natürlich sehr, wobei wir bei der Auswertung auch vorsichtig sein müssen, denn nicht immer sind alle Rahmenbedingungen wie Wetter oder Ausbildungsdauer der Bediener bekannt. Zudem unterscheiden sich die Systeme der Ukrainer in manchen Bauteilen zu denen, die wir kaufen“, wird Oberstleutnant Tobias T., Leiter des Projekts Aufklärungs- und Wirkverbund im Planungsamt der Bundeswehr, in dem Beitrag zitiert.
Im weiteren Verlauf wird darauf verwiesen, dass das tatsächliche Bild der Trefferquoten von Loitering Munition und Strike-Drohnen trüber ist, als es viele mit Hinblick auf die im Internet verfügbaren Videos von Drohneneinsätzen in der Ukraine annehmen. Diese Aussage bezieht sich sowohl auf kostengünstige FPV-Drohnen als auch signifikant teurere Loitering Munition. „Im Schnitt, über alle Systeme hinweg, können wir eine deutlich niedrigere Erfolgsquote erkennen. Umwelteinflüsse, elektronische Gegenmaßnahmen oder einfache Verbindungsabrisse sind an der Tagesordnung. Wenn der Aufklärungs- und Wirkverbund unter Gefechtsbedingungen mindestens eine Quote von eins zu vier erreiche – also eine von vier LMS ihr Ziel erreicht und auch tatsächlich zerstört – sei das gut“, analysiert der LMS-Fachmann der Bundeswehr.
In diesem Zusammenhang ist es entscheidend zu verstehen, dass sich die Aussage auf eine effektive Trefferquote unter Gefechtsbedingungen bezieht. Es wird nicht von einer rein technisch möglichen Trefferquote gesprochen. Der Unterschied liegt unter anderem darin, dass die effektive Trefferquote mögliche Abwehrmaßnahmen des Feindes sowie Umstände der Trefferlage im Ziel mit einbezieht. Die Unterscheidung ist dabei nicht nur rein akademischer oder ökonomischer Natur, sondern von höchster taktischer Relevanz. Der Sinn und Zweck des AWV ist es, dem Heer eine Fähigkeit zu geben, Ziele in einem etwa 100 x 100 km umfassenden Einsatzraum unbemannt aufklären und bekämpfen zu können. Es kann also durchaus 30 bis 60 Minuten zwischen Aufklärung des Ziels und dem Eintreffen der Loitering Munition im Zielgebiet dauern. Ziele, die beispielsweise nicht im ersten Anlauf erfolgreich bekämpft werden können, können erst in 30 oder 60 Minitunen wieder „angeflogen“ werden. Ein Zeitraum der dem Feind die Möglichkeit zum Ergreifen von Maßnahmen zum Schutz vor dem Angriff ermöglicht, beispielsweise dem Aufsuchen einer Deckung, dem Gewinnen vom Abstand oder der Implementierung von passiven oder aktiven Schutzsystemen.
Die Einschätzung des Bundeswehrexperten, mag sich über kurz oder lang auch als zu optimistisch oder zu pessimistisch erweisen, zeigt aber einen wichtigen Aspekt auf, der insbesondere in der Öffentlichkeit und von Ökonomie-Aspekten geprägten akademischen Debatte rund um die Drohnenkriegsführung und Rüstungsbeschaffung zu oft übersehen oder bewusst unterschlagen wird. Gemeint sind die Aspekte der Zuverlässigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Konkret also die Fähigkeit einen Auftrag – in diesem Fall die Zerstörung eines Ziels – auch unter Gefechtsbedingungen erfolgreich ausführen zu können. Denn anders als in einem theoretischen Denkspiel bietet die Realität nicht immer die Möglichkeit – hier insbesondere unter Beachtung des Faktors Zeit – einen zweiten Anlauf starten zu können. Zudem ist auch die Masse kein verlässlicher Lösungsansatz für das Problem, da manche Ziele selbst dem gleichzeitigen Angriff mehrerer Drohnen widerstehen können. Diesen Aspekt im Hinterkopf erklärt sich auch das Festhalten von Streitkräften an etablierten Waffensystemen wie beispielsweise Rohr- oder Raketenartillerie, die eine viel schnellere Wirkung sowie „Nachwirkung“ im Ziel ermöglichen.
Durchsetzungsfähigkeit als Unterscheidungsmerkmal
Interessanter ist der Punkt jedoch für die Hersteller von Strike-Drohnen bzw. Loitering-Munition- Systemen und zwar als besonders relevantes qualitatives Unterscheidungsmerkmal. Bei der Bewertung und Beschreibung von drohnengestützten Wirkmitteln wird in den allermeisten Fällen auf die Reichweite, Nutzlastkapazität und den Preis eines Waffensystems referenziert. Abgeleitet davon werden dann nicht selten qualitative Aussagen zu den Systemen getroffen, die unter Umständen in die Irre führen können, wie die effektive Treffererwartung der Bundeswehr zeigt. Denn Angaben zur Durchsetzungsfähigkeit einer Kampfdrohne wird man weder in der öffentlichen Diskussion noch auf Werbeprospekten der Industrie finden, wie auch?
Zur Ermittlung einer Durchsetzungsfähigkeit reicht es eben nicht aus, Systeme so zu bauen, dass diese auch in gestörter Umgebung navigieren und Ziele präzise identifizieren und treffen können. Alle diese Aspekte sind wichtig und mitentscheidend, aber nicht allein ausreichend, da sie nur die Perspektive der Wirkdrohne abbilden. Ob Ziele im Gefecht zerstört werden können oder nicht, ist aber nicht nur eine Frage der Drohnenfähigkeit, sondern auch eine Frage von Feindfähigkeiten. Zuverlässige Informationen zu eben jenen Fähigkeiten – Sensorik, technische und taktische Schutzmaßnahmen, Effektorik, Ausbildungsstand, … – sind zumeist eingestuft und können sich zudem abhängig von Raum und Zeit deutlich unterscheiden.
Daraus lassen sich zwei generelle Schlussfolgerungen ableiten: Erstens ist es im Zusammenhang mit der Diskussion über die Drohnenkriegsführung nicht zielführend, sich ausschließlich auf Aspekte wie Preis und Reichweite abzustützen. Ein System mit einem höheren Stückpreis ist am Ende oftmals günstiger, wenn die Durchsetzungsfähigkeit höher ist. Dies gilt sowohl für den Vergleich von Waffensystemen der gleichen Kategorie als auch anderen Waffenkategorien, die eine ähnliche Wirkung erzielen. Zweitens bietet der Aspekt der Durchsetzungsfähigkeit auch für die Hersteller einen Hebelansatz für die Vermarktung der eigenen Systeme, schließlich bedeutet eine Zweitplatzierung im Gefecht keine Silbermedaille. Systeme die Ziele auch unter widrigsten Gefechtsbedingungen zuverlässig bekämpfen können, dürften sich auch in den Streitkräften besonderer Beliebtheit erfreuen.
Aufklärungs- und Wirkverbund
Mit dem AWV – die vollständige Bezeichnung lautet Aufklärungs- und Wirkverbund unbemannte Systeme – führt das Heer dabei eine Fähigkeit ein, bei der Aufklärungs-, Wirk- und Führungselemente in ein und derselben Einheit vereint sind; konkret geht es dabei um eine Artilleriebatterie. Zukünftig soll jede Brigade über eine solche Batterie verfügen, parallel werden ähnliche Fähigkeiten auf den weiteren taktischen Ebenen unterhalb und oberhalb der Brigade ausgerollt.
Kernbestandteil des AWV in der aktuellen Ausbaustufe ist die KI-unterstützte Führungssoftware „Command & Control Unmanned Management System Bundeswehr“ (C2-UMS Bw) sowie in die Bundeswehr bereits eingeführte Aufklärungsdrohne sowie die Loitering-Munition-Systeme mittlerer Reichweite vom Typ HX-2 (Helsing), Virtus (STARK) abgebildet und FV-014 (Rheinmetall).
Waldemar Geiger


















