Der Rüstungskonzern Airbus Defence and Space geht davon aus, dass beim aktuellen Stand der Technik auch die nächste Generation von Kampfflugzeugen noch bemannt sein wird. Wie Marco Gumbrecht, Vertriebsleiter Deutschland des Unternehmens, gestern vor Journalisten auf dem ersten Defence Summit von Airbus ausführte, bedarf es nach seiner Einschätzung auf absehbare Zeit weiterhin eines bemannten Kommando-Fighters, um in Kooperation mit unbemannten Kampfflugzeugen, so genannten Collaborative Combat Aircraft (CCA), und Drohnen komplexe Luftkriegsoperationen ausführen zu können.
Dieses so genannte Manned-unmanned Teaming (MUM-T) könne nicht über ein weit entferntes Flugzeug sichergestellt werden, da ein Gegner im Kriegsfall als ersten die Kommunikationsverbindungen mit den unbemannten Luftfahrzeugen unterbrechen könnte. Es gehe nicht darum, dass der Pilot im Kampfflugzeug seine Begleitflugzeuge einzeln steuere, sondern die Koordination und die Entscheidungsfindung manage, erläuterte Gumbrecht. Der Pilot habe die Aufgabe, „den Gesamtbefehl für eine bestimmte Aufgabe zu erteilen“.
Wie der CEO von Airbus Defence and Space, Michael Schöllhorn, in einer Paneldiskussion während des Summits sagte, gibt es Untersuchungen, wonach bemannt geführte MUM-T-Verbände einen Vorteil von 4 zu 1 gegenüber rein unbemannten Formationen aufweisen.
In einem Umfeld, in dem der Gegner die eigenen weitflächigen Kommunikationsnetze, etwa Datenlinks oder Satcom, stark stören oder ganz unterbinden kann, geht Gumbrecht davon aus, dass in Zukunft bemannte und unbemannte Luftfahrzeuge in kleinen Jagdmeuten, vergleichbar mit Wolfsrudeln, ohne ständige Datenanbindung an die eigene Truppe ihre Luftkriegsoperationen ausführen werden. Er sieht eine Analogie zur U-Boot-Kriegsführung des Zweiten Weltkriegs, bei der „Rudel“ von wenigen Booten in einem bestimmten Gebiet relativ autonom operierten und nur von Zeit zu Zeit Befehle über Funk erhielten.
Ukraine-Krieg keine Blaupause
Gumbrecht, der selbst viele Jahre als Eurofighter-Pilot in der Luftwaffe gedient hat, sieht den Krieg in der Ukraine nicht als Blaupause für einen zukünftigen Konflikt Russlands mit der NATO. Denn dort gehe es aus taktischer Sicht um ein sehr lineares Vorgehen. So könnten zwar mitunter mehrere Hundert Drohnen der Shahed-Klasse anfliegen, die bekämpft werden müssten, oder ein sich auf einer Straße bewegendes Infanteriebataillon müsse gestoppt werden. Das Bewegungsmuster des zu bekämpfenden Feindes weise allerdings keine großen Variationen auf, sagte der Airbus-Vertriebsmanager.
„Wenn man sich moderne Operationen gegen einen sogenannten gleichwertigen oder fast gleichwertigen Feind ansieht, wird die Situation so komplex und dynamisch, dass man eine Entscheidungsfindung braucht – auch bei den Einsatzregeln“, betonte Gumbrecht. Er geht überdies davon aus, dass sich auch die Einsatzregeln in der Ukraine stark von denen unterscheiden, die beispielsweise in einem NATO-Konflikt gelten würden, weshalb der Mensch „in the Loop“ zur Bewertung des Waffeneinsatzes benötigt werde.
Nach Einschätzung seines Unternehmens kann gegenwärtig laut Gumbrecht noch nicht vorhergesagt werden, was genau im Szenario 2040+ technologisch möglich sein wird. Man wisse schlicht nicht, wie lange etwas bemannt bleibe oder ab wann es rein unbemannt funktioniere. Wenn im Jahr 2026 der Entwicklungsauftrag für ein Kampfflugzeug der nächsten Generation kommen und Airbus alles auf unbemannte Systeme setzen würde, „könnten wir sehr wohl in einem endlosen Entwicklungszyklus stecken bleiben, weil wir diesen Reifegrad nicht in der erforderlichen Zeit erreichen“, warnt er. Ein solches hochkomplexes Programm sei nicht mit den Innovationszyklen von wenigen Monaten bei kleinen Drohnen zu vergleichen, sondern laufe über viele Jahre.
Airbus setzt auf Optionally Piloted Vehicle
Airbus verfolgt laut Gumbrecht deshalb den Ansatz eines Optionally Piloted Vehicle (OPV), also eines Kampfflugzeugs, das von Beginn an so ausgelegt wird, dass es gegebenenfalls auch ohne Piloten fliegen kann. Die verwendete Missionsintelligenz soll, wenn die technische Reife erlangt ist, dann einen unbemannten Flug ermöglichen. Ob dies dann auch umgesetzt werde, sei letztlich die Entscheidung der jeweiligen Luftwaffe als Nutzer.
Airbus steht mit diesem Ansatz keineswegs allein. Der Manager verweist auf die neuen Flugzeugprogramme in den USA oder China, wo auch Fighterjets der sechsten Generation entwickelt werden, die auch weiterhin bemannt sein sollen. So soll die zukünftige F-47 NGAD der U.S. Air Force mit einem Piloten fliegen. Das gleiche gilt auch für das britisch-italienisch-japanische Vorhaben GCAP. Hinsichtlich der Entwicklungskosten eines unbemannten Fighters sieht Gumbrecht keine wesentlichen Einsparungen gegenüber einem bemannten. Schließlich sei die Zertifizierung weiterhin enorm aufwändig, da das unbemannte Kampfflugzeug auch im zivilen Luftraum operieren müsse. Er zweifelt überdies daran, dass der Bundestag ein Mandat erteilen würde, das den vollautonomen Einsatz eines unbemannten Kampfflugzeugs in einer dynamischen Umgebung zulässt.
Aufgrund der Blockade beim Future Combat Air System (FCAS) zwischen Frankreich auf der einen sowie Deutschland und Spanien auf der anderen Seite, stellt Airbus seit einiger Zeit Überlegungen an, ohne Dassault ein Kampfflugzeug der 6. Generation zu bauen. Während die französische Verteidigungsministerin Catherine Vautrin Ende vergangenen Jahres einem Interview sagte, dass Deutschland nicht über die Fähigkeiten zum Bau eines eigenen Kampfflugzeugs verfüge, sieht dies Gumbrecht offenbar anders.
Der gesamte Airbus-Konzern, immerhin der weltgrößte Flugzeugbauer, verfüge fast über alle erforderlichen Technologien, wenn man die Assets in der Zusammenschau sehe. Dabei bezieht er auch den Weltraumsektor ein, in dem besondere Verbundmaterialien zur Anwendung kommen. Airbus habe zwar nur einen Anteil von 40 Prozent am Eurofighter, räumte Gumbrecht ein. Wenn man allerdings den Airbus-Anteil am Jagdbomber Tornado betrachte, sei festzustellen, dass das Unternehmen dort genau die komplementären Baugruppen eines Kampfflugzeugs verantworte.
„Wenn man sich ansieht, was wir als Airbus beim Tornado machen, und wenn man sich ansieht, was wir als Airbus beim Eurofighter machen, dann ist da schon fast ein komplettes Kampfflugzeug in einem“, sagte Gumbrecht. So stellt sein Unternehmen beispielsweise beim Eurofighter, das Flugsteuerungssystem her, das das Herzstück des Flugzeugs darstelle. Dagegen werde das Cockpit des Eurofighters von einem Partner beigesteuert, beim Tornado wiederum sei Airbus für das Cockpit verantwortlich. Allein die Airbus-Standorte Manching und Getafe in Spanien könnten fast alles bereitstellen, was für einen neuen Jet benötigt werde. Airbus habe zwar genauso wie die anderen europäischen Flugzeugbauer noch keinen Stealth-Jet der fünften Generation entwickelt. Allerdings werde in Manching in einem großen Hangar „seit langer Zeit“ Tests an Materialien zur Reduzierung der Stealth-Signatur durchgeführt. Bereits 2019 hatte Airbus Defence and Space in Manching den Demonstrator LOUT (Low Observable UAV Testbed) bei einem Pressetermin vorgestellt. Die Entwicklung eines Flugzeugs der 6. Genration sei sicherlich herausfordernd, sagte Gumbrecht. Dennoch verfügte Airbus über die erforderliche „Tiefe“ in Bezug auf die technischen Ressourcen, in Bezug auf die Größe und auch in Bezug auf die Testanlagen. Man sehe eine Gelegenheit, mit Partnern an einem solchen Flugzeug zu arbeiten. Und um Kosten zu sparen, sei es möglich, auf bestehenden Technologien aufzusetzen, etwa einem europäischen Triebwerk oder dem Mk1-Radar von Hensoldt und Indra. Aufgrund der Weiterentwicklung solch wichtiger Komponenten könnten laut Gumbrecht womöglich über 40 Prozent der Kosten gegenüber einem völligen Neudesign gespart werden.
Lars Hoffmann


















