Das deutsche Technologieunternehmen Helsing hat heute mit CONTRA ein KI-basiertes, autonomes Luftverteidigungssystem sowie die zwei Abfangflugkörper „AD-1 Inferno“ und „AD-2 Ambush“ zur Abwehr von schnellen strahlgetriebenen Angriffsdrohnen und Marschflugkörpern vorgestellt. Helsing sieht den Schutz von Bevölkerungszentren, den Liegenschaftsschutz, die Grenzverteidigung sowie den Schutz mobil eingesetzter Kräfte als mögliche Anwendungsgebiete für CONTRA.
Wie Gundbert Scherf, Co-CEO und Mitgründer von Helsing, im Rahmen eines Medienbriefings erklärte, ist das CONTRA-Führungssystem, welches auf Helsings militärischer KI- und C2-Plattform ALTRA basiert, bereits bei einem nicht näher spezifizierten Kunden unter Vertrag. Das Führungssystem fusioniert Helsing zufolge über offene, veröffentlichte Schnittstellen Radar-, elektrooptische, Infrarot- und akustische Daten von Sensoren beliebiger Hersteller und ist zudem an SitaWare, UMS Bw und nationale Luftverteidigungsarchitekturen angebunden. Die beiden Flugkörper AD-1 und AD-2 befinden sich hingegen aktuell in der frühen Phase der Flugtests, eine Marktreife wird für das zweite Halbjahr 2027 erwartet.
Helsing sieht die eigene Luftverteidigungslösung als notwendige Antwort auf die aktuelle Bedrohung mit strahlgetriebenen Angriffsdrohnen wie den russischen Modellen Geran-4 und Geran-5, von denen zuletzt Berichtten zufolge 4.000 Stück pro Monat eingesetzt wurden. Solche Systeme mit einem Stückpreis von rund 200.000 bis 250.000 Euro können Helsing zufolge nicht dauerhaft mit klassischen Luftverteidigungssystemen bekämpft werden, deren Abwehrflugkörper 500.000 Euro bis zu 4 Millionen Euro kosten und von denen nur Hunderte bis wenige Tausend Stück pro Jahr hergestellt werden. Elektrisch angetriebene Abfangdrohnen hingegen verfügten nicht über die notwendigen Marsch- und Höchstgeschwindigkeiten in Kombination mit der Ausdauer, um die bis zu 700 km/h schnellen Angriffsdrohnen und Marschflugkörper abwehren zu können, die täglich in großen Stückzahlen eingesetzt werden.
Helsing zufolge bedarf es für solche Bedrohungen eines Ansatzes, der eine KI-gestützte Führungslösung mit massenproduzierbaren Abfangsystemen kombiniert, die in der Herstellung günstiger sind als die Angriffsdrohnen.
CONTRA fällt als „Gehirn“ dieses Luftverteidigungssystems die Aufgabe zu, aus unterschiedlichen, bereits im Einsatz befindlichen Sensornetzwerken (Elektro-Optiken, Radare und Akustik-Sensoren) ein Luftlagebild zu erzeugen sowie erkannte Bedrohungen dem für die Bekämpfung am besten geeigneten Abwehrmittel (rohrbasierte Systeme, Abfangdrohnen, Abfangflugkörper sowie Abfangraketen) zuzuweisen und die Bedrohung bei Bedarf auch neu zu priorisieren. Das System muss nach Ansicht von Helsing autonom und unabhängig von Bedienern der Abwehrsysteme agieren können, um auch groß angelegte Sättigungsangriffe effektiv abwehren zu können. Der Mensch soll in einem solchen System ausschließlich die Regeln festlegen, unter welchen Bedingungen das Luftverteidigungssystem im Anschluss operieren soll. Diese Aufgabenverteilung soll das System dazu befähigen, auch Bedrohungen mit äußerst kurzen Vorwarnzeiten oder höchster quantitativer Komplexität effektiv abwehren zu können.
AD-1 Inferno und AD-2 Ambush
Weitere Kernbausteine des Helsing-Luftverteidigungssystems sind die beiden sich ergänzenden Abfangflugkörper AD-1 Inferno und AD-2 Ambush. Bei dem AD-1 handelt es sich um einen Abfangflugkörper mit Strahlantrieb, der mehr als 700 km/h schnell sein und in bis zu 9.000 m Höhe operieren soll. Der Flugkörper hat den Angaben zufolge eine Reichweite von über 20 km und kann diese abhängig von der Bedrohungslage für unterschiedliche Zwecke nutzen. Der Strahlantrieb soll das System in die Lage versetzen, Bedrohungen aus jenen Anflugvektoren anzugreifen, die eine besonders hohe Abfangwahrscheinlichkeit versprechen, oder bei Bedarf einen zweiten Anflug zu starten beziehungsweise auf ein höher priorisiertes Ziel umzuschwenken.
Der AD-2 Ambush hingegen ist ein Lenkflugkörper mit Feststoffraketenmotor für sehr schnelle Abfangeinsätze. Mit ihm sollen auch Ziele mit einer Reaktionszeit von wenigen Sekunden bekämpft werden können. Die Reichweite soll bei 20 km liegen, die Höchstgeschwindigkeit wird mit rund Mach 2,5, also mehr als 2.500 km/h, angegeben. Auch der AD-2 soll in der Lage sein, Ziele in bis zu 9.000 m Höhe abzuwehren.
Beide Systeme erhalten ihre Lenkdaten zunächst von CONTRA-Bodenstationen. Die Zielverfolgung in der Endphase übernimmt der integrierte, hochentwickelte Radarsuchkopf, der bei jedem Wetter und unabhängig von der Tageszeit funktioniert. Beide Lenkflugkörper werden aus Containern gestartet. Nach Angaben von Helsing soll ein 20-Fuß-Container 20 AD-1- oder 40 AD-2-Flugkörper aufnehmen können. Alternativ kann das CONTRA-Luftverteidigungssystem auch um Abfangdrohnen von Drittanbietern erweitert werden, um diese bei Bedarf gegen langsamere Bedrohungen einsetzen zu können.
Stückpreise und Produktionsdaten
Scherf zufolge soll der Stückpreis der beiden Flugkörper AD-1 Inferno und AD-2 Ambush jeweils unter 100.000 Euro liegen. Möglich werde dies durch die konsequente Nutzung von Hardware-Komponenten, die in großen Stückzahlen verfügbar oder herstellbar seien und deren Leistung teilweise mittels Software gesteigert werde. Ähnlich wie bei der Strike-Drohne HX-2 soll ein Teil der Hardware-Komplexität durch Software gelöst werden. Mit diesem Ansatz hat Helsing nach eigenen Angaben einen allwetterfähigen Aktiv-Radarsuchkopf entwickelt, der zu einem Zehntel der Kosten von Radarsuchköpfen mit vergleichbarer Leistung hergestellt werden kann. Auch das Strahltriebwerk für den Inferno sowie der Feststoffraketenmotor für den Ambush wurden den Angaben zufolge von Helsing selbst entwickelt.

Wie Scherf in einer anschließenden Fragerunde von Journalisten ausführte, kann sich Helsing bei den Flugkörpern auf eine zu 100 Prozent ITAR-freie Lieferkette stützen. Die Komponenten sollen zum größten Teil aus Europa bezogen werden. Der Co-CEO von Helsing geht von Produktionszahlen von mehreren Tausend Abfangflugkörpern pro Monat aus, sobald die Entwicklung im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres abgeschlossen ist.
Waldemar Geiger
















