In den kommenden Jahren will das Verteidigungsministerium umfangreiche Konstellationen mit mehreren Hundert Satelliten für Aufgaben wie Telekommunikation oder Aufklärung im Weltraum aufbauen. Dabei sollen sowohl der Low Earth Orbit (LEO), der Medium Earth Orbit (MEO) als auch geostationäre Umlaufbahnen genutzt werden. Während Deutschland und Europa beim Bau von Satelliten vergleichsweise gut aufgestellt sind, sieht es bei Trägerraketen und Startplätzen kritischer aus. Gegenwärtig befinden sich mehrere Raketenstartplätze in Europa im Aufbau. Dazu gehören unter anderem der Andøya Spaceport in Norwegen, der SaxaVord Spaceport auf den Shetland-Inseln oder das Malbusca Launch Centre auf den Azoren, von dem eine koreanische Orbital-Rakete noch im laufenden Jahr gestartet werden soll.
Der Nachteil der Plätz ist jedoch ihre Entfernung zum Äquator, so dass sie bei Starts von geostationären Satelliten deutlich benachteiligt sind. Nur der französische Weltraumbahnhof in Kourou, der bei etwa 5° nördlicher Breite liegt, kann die am Äquator größere Erdrotation für Raketenstarts nutzen. Eine Rakete, die von Französisch-Guyana nach Osten startet, nutzt diese Geschwindigkeit der Erddrehung und benötigt deshalb weniger Antriebsenergie als bei Starts weiter im Norden. Das heißt, die gleiche Rakete kann mehr Nutzlast ins All bringen als dies beispielsweise von Norwegen aus möglich wäre. Vor allem für die großen und schweren geostationären Satelliten ist dies von Bedeutung.
Das sieht offenbar auch die Bundeswehr so. Insbesondere für geostationäre Umlaufbahnen sei der Start möglichst nahe am Äquator unerlässlich, bestätigte ein Sprecher des BMVg auf Nachfrage von hartpunkt. „Alle realistischen Optionen werden dabei aktuell geprüft und bewertet“, so der Sprecher weiter. Auf Details zu möglichen Partnerländern oder Kooperationen für neue Startplätze wollte er sich nicht äußern.
Bislang hat Europa nur über den Weltraumbahnhof in Kourou aus äquatorialen Gefilden Zugang zum All. So setzt das BMVg neben der Möglichkeit, neue Launch Pads in Äquatornähe zu nutzen, weiterhin auf den Startplatz in Französisch-Guayana. „Sowohl die ArianeGroup als auch der europäische Weltraumbahnhof Kourou sind für den Aufbau der Weltraumarchitektur der Bundeswehr weiterhin von großer Bedeutung“, betonte der Sprecher. Gegenwärtig sollen Gespräche laufen, die Startfrequenz von Kourou zu erhöhen.
Deutschland ist nicht das einzige Land, das Interesse an äquatorialen Startbasen hat. Auch die Türkei hat die Vorteile erkannt und ist bereits dabei, einen eigenen Weltraumbahnhof in Warsheikh in Somalia aufzubauen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Äquatornähe sowie ein freier Startkorridor über dem Indischen Ozean nach Osten. Bei einem Fehlstart oder dem Niedergang von Raketenstufen befindet sich die Gefahrenzone über dem offenen Meer. Wie es in einem kürzlich bei defence-network.com veröffentlichten Artikel heißt, haben die türkischen Betreiber Interesse daran, dass auch deutsche Trägerraketen von Warsheikh aus gestartet werden.
Deutschland benötige mehr Diversifizierung und eine strategische Verteilung der Startplätze für Trägerraketen, um das Risiko eines Ausfalls so weit wie möglich zu minimieren, sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius Juli bei seinem Besuch bei Isar Aerospace in Ottobrunn. „Und deswegen denken wir aktuell auch über einen bundeswehreigenen Startplatz nach. Denn unsere nationale Sicherheit darf eben am Ende nicht im Stau, nenne ich es mal, kommerzieller Warteschlangen hängen bleiben“, sagte er. Neben den Ländern, die bisher eigene Weltraumstarts durchgeführt haben, könnten womöglich auch andere Staaten in Frage kommen, so Pistorius.
Hinsichtlich der Aussage zum bundeswehreigenen Startplatz stellte das BMVg auf Nachfrage klar, dass die sogenannten Weltraumbahnhöfe nicht als militärische Infrastrukturen vorgesehen sind und in kommerzieller oder institutioneller Hand verbleiben sollen. „Entscheidend ist für die Bundeswehr jedoch, dass deren uneingeschränkte Nutzung durch die Bundeswehr über Verträge gesichert wird. Vereinfacht gesagt beziehen sich die Überlegungen also auf mögliche „Bundeswehr-Startplätze“ im Sinne der Sicherstellung eines flexiblen Launch Slot-Pools für die Bundeswehr“, erläuterte ein Sprecher des Ministeriums. Eine derartige Nutzung bedürfe einer umfangreichen Abstimmung unter anderem mit den Partnernationen, mit den Institutionen und der Industrie. Die entsprechenden Prüfungs- und Entscheidungsprozesse stehen seinen Angaben zufolge noch am Anfang und sind noch nicht abgeschlossen.
Auch in der Zukunft werde die Bundeswehr ganz überwiegend direkt oder indirekt Kunde von Startdienstleistungen bleiben und plane derzeit keinen eigenständigen Betrieb von Trägerraketen.
Deutsche Unternehmen kümmern sich um Startplätze
Deutsche Hersteller von sogenannten Microlaunchern, also kleinen Trägerraketen, führen bereits Sondierungen für günstige Startplätze durch. So hat die HyImpulse Technologies GmbH nach eigenen Angaben vom Juni einen Letter of Intent mit dem Etlaq Spaceport im Oman unterzeichnet, um mögliche Startoptionen zu prüfen. Der Weltraumbahnhof liegt auf dem 18. Breitengrad und damit deutlich näher am Äquator als etwa Cape Canaveral. Allerdings konzentriert sich HymImpulse vor allem auf den Transport von Satelliten in den LEO mit kleinen Trägerraketen. Perspektivisch könnten von Etlaq womöglich auch größere Trägerraketen starten. Allerdings dürfte für die Nutzung der Anlagen unerlässlich sein, dass sich die Sicherheitslage am Golf verbessert.
Wie Daniel Metzler, CEO von Isar Aerospace, beim Besuch von Minister Pistorius ausführte, plant sein Unternehmen in den kommenden Jahren ein strategisches Netzwerk aus Weltraumbahnhöfen mit weiteren Partnernationen. Neben Andøya will das Unternehmen auch den Startplatz Canso in der kanadischen Provinz Nova Scotia nutzen und baut dort bereits die entsprechende Infrastruktur. Welche weiteren Startplätze er im Blick hat, sagte Metzler nicht.
Bereits seit einigen Jahren ist auch die Nutzung von schwimmenden Startplattformen in der Diskussion. Während China dieses Konzept bereits in der Praxis umsetzt, nutzt SpaceX eine schwimmende Plattform zur Landung der ersten Stufe der wiederverwendbaren „Falcon 9“-Trägerrakete und auch das amerikanisch-neuseeländische Unternehmen Rocket Lab will in Zukunft eine schwimmende Landeplattform im Atlantik positionieren.
In Deutschland hatte insbesondere der Bremer Satellitenbauer OHB in der Vergangenheit Konzepte für schwimmende Startplattformen vorgeschlagen. Im November vergangenen Jahres gründete OHB dann auch die European Spaceport Company (ESC), die sowohl maritime als auch landgestützte Startplätze entwickeln und betreiben soll. Als eines der ersten Ziele gilt die Realisierung eines europäischen Offshore Spaceports. Wobei das Konzept vorsieht, dass eine schwimmende Plattform auch in Anbindung an bestehende Startplätze an Land eingesetzt werden kann, um deren Kapazität zu erhöhen. Dabei soll sie für verschiedene Raketentypen anpassbar sein
„Europa braucht einen zuverlässigen und unabhängigen Zugang zum Weltraum. Das haben wir bei OHB schon seit Jahren im Fokus. Und natürlich gehören dazu auch Startplätze. Für das Offshore-Spaceport-Konzept leisten wir schon heute einen wesentlichen Beitrag dazu, und den werden wir zukünftig noch weiter ausbauen“, wurde damals Marco Fuchs, Vorstandsvorsitzender OHB SE, in der Mitteilung zitiert. OHB beschäftigt sich nicht nur mit dem Bau von Satelliten und Startplätzen, sondern hält auch eine Mehrheitsbeteiligung am dritten deutschen Microlauncher-Start-up, der Rocket Factory Augsburg.
Beim Pistorius-Besuch in seinem Unternehmen im Juli sagte Fuchs, dass beim Start von einer schwimmenden Plattform die Nordsee der Ausgangspunkt gewesen sei. In Zukunft werde man „sichere westliche Gewässer“ und damit den gesamten Atlantik in den Blick nehmen. Möglicherweise auch in „äquatorialen Sphären“, so Fuchs. Resilienz werde nur erreicht, wenn man auf mehreren Möglichkeiten zurückgreifen könne, über Verlegefähigkeit verfüge und Varianz in der Lokalität aufweise, betonte er. Auch die Bundeswehr findet an dem Ansatz gefallen. „Aufgrund ihrer flexiblen Einsatzoptionen sind schwimmende Plattformen grundsätzlich eine interessante Ergänzung zu landbasierten Startplätzen“, teilte das BMVg dazu mit.
Lars Hoffmann
















