Die Nutzung von Drohnen als Wirkmittelträger zum Angriff auf Soldaten und Wehrmaterial ist vielfältig. So unterscheidet sich das Einsatzprofil einer Langstrecken-Einwegdrohne erheblich von dem einer kleinen FPV-Drohne. Dementsprechend kann auch die militärische Drohnenabwehr nicht mit einem einzigen Mittel realisiert werden. Die Fachwelt ist sich einig, dass eine Drohnenabwehr in mehreren Schichten und einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme und Ansätze organisiert werden muss, damit sie effektiv schützen kann. Die unterste Schicht in einem solchen Aufbau bildet dabei der Plattformschutz, wenn es sich um Gefechtsfahrzeuge handelt, oder der Selbstschutz, wenn es um den Einzelschützen geht. Der folgende Beitrag beschreibt aktuelle Ansätze, wie die Selbstschutzfähigkeiten einzelner Soldaten gegen Drohnenangriffe mit geringem Aufwand effektiver gemacht werden könnten.
Ein mehrschichtiger Ansatz ist nichts Neues und wird in ähnlicher Art und Weise bei der Panzerabwehr praktiziert. Diese ist in modernen Streitkräften ebenfalls „mehrschichtig“ organisiert, mit dezidiert dafür aufgestellten Truppengattungen (Artillerie, Heeresflieger, Panzer- und Pioniertruppe) sowie Truppenteilen (bspw. Panzerabwehrzüge und -trupps) und vorgesehenen Waffensystemen (Kampfpanzer, Kampfhubschrauber, Panzerabwehrlenkflugkörper, Panzerabwehrminen und spezieller Artilleriemunition). Daneben wird die Panzerabwehr auch von der breiten Masse der Truppe betrieben, die den Kampf gegen den plötzlich auftretenden Panzerfeind im Rahmen der sogenannten Panzerabwehr aller Truppen mit Panzerabwehrhandwaffen wie der Panzerfaust führt.
Der große strukturelle Unterschied der Drohnenabwehr zur Panzerabwehr liegt in der quantitativen Dimension der Drohnenbedrohung, die auch abseits der direkten Front jederzeit und immer wieder aus allen denkbaren Richtungen auftauchen kann. Die große Herausforderung besteht also darin, sowohl Soldaten in der Etappe als auch an der Front so zu befähigen, dass diese sich gegen Drohnen wehren können, die nicht durch die eigentliche Drohnenabwehr bekämpft werden konnten.
An dieser Stelle sei zudem darauf hingewiesen, dass passive Schutzmaßnahmen wie Tarnung oder Härtung nicht in allen Fällen zum Einsatz kommen können.
Die Ansätze zum Selbstschutz vor Drohnenangriffen könnte man grundsätzlich in zwei „Extreme“ einer Bandbreite unterteilen. Das eine „Extrem“ wäre es, jeden Soldaten mit dezidiert für die Drohnenabwehr vorgesehenen Mitteln auszustatten, beispielsweise Peilern, Störsendern, Schrotflinten oder Drohnenabwehr-Feuerleitvisieren. Dieser Ansatz erfordert zwangsläufig, dass die Truppe mit zusätzlichen Systemen in der ganzen Breite ausgestattet werden muss. Sowohl Logistiker sowie Infanteristen oder Fernmelder müssten dann dauerhaft zusätzliches Material mitführen und an diesem geschult und beübt werden. Ein nicht zu unterschätzender Aufwand.
Die andere Seite des Spektrums wäre es, den Selbstschutz ausschließlich mittels Anpassungen an der persönlichen Ausrüstung der Soldaten zu ermöglichen, die die Soldaten ohnehin schon mit sich führen und in deren Nutzung sie geübt sind. Dieser Ansatz fokussiert sich also darauf, bestehende Ausrüstung zu nehmen und diese durch kleine Anpassungen so zu modifizieren, dass sie den Soldaten bei der Abwehr von Drohnen unterstützen können. Die Mitnahme zusätzlicher Ausrüstung würde entfallen.
Anpassung des Visiers
Ein Beispiel für eine solche Maßnahme wäre die Anpassung der Zieleinrichtung von Standardsturmgewehren, damit die Trefferwahrscheinlichkeit gegen die Drohnen-Zielkategorie – klein und beweglich – erhöht wird.
So hat der US-Visierspezialist EOTECH mit dem HWS CUAS (Counter Unmanned Aircraft Sight) erst jüngst neue Varianten seiner kampfbewährten Handwaffenvisiere EXPS3 und XPS3 vorgestellt, welche mit einem speziell auf die Drohnenabwehr optimierten Absehen (militärischer Fachbegriff für Fadenkreuz) versehen sind. De facto hat EOTECH kein neues Visier, sondern „nur“ ein neues Absehen für den Markt entwickelt. Das HWS CUAS verfügt über einen zentralen Zielpunkt, der von unterbrochenen äußeren Kreisen umgeben ist. Dies soll Herstellerangaben zufolge die schnelle Zielaufnahme ermöglichen. Darüber hinaus unterstützen mehrere Vorhaltemarken bei der Bekämpfung beweglicher Ziele.
Das Absehen übernimmt somit die gleiche Aufgabe wie das aus dem MG3 bekannte Fliegerabwehrvisier, welches bei entsprechender Bedrohungslage aufgeklappt wurde und den MG-Schützen bei der Bekämpfung von Luftfahrzeugen unterstützt hat.
Anpassung der Sensorik
Bevor man Drohnen bekämpfen kann, muss man diese wahrnehmen. Dies passiert entweder dadurch, dass der Soldat eine Warnung von Dritten erhält oder die Bedrohung mit den eigenen Augen oder Ohren wahrnimmt.
Eine bessere Vernetzung der Soldaten sowie die Übermittlung konkreter Drohnenbedrohungen – je genauer, desto besser – über eingeführte Führungsinformationssysteme bis runter auf die Einzelschützenebene würde nicht nur die generelle Drohnenabwehr verbessern – ein Zeitgewinn für den Einsatz von Drohnenabwehrmitteln- und -kräften –, sie würde auch zu einem besseren Selbstschutz der ganzen Truppe beitragen. Soldaten hätten so beispielsweise mehr Zeit, um sich der Drohnengefahr zu entziehen (verstecken, tarnen oder Stellungswechsel) oder Maßnahmen zu ergreifen, die die Wahrscheinlichkeit des Selbstschutzes erhöhen. Praktisch könnte sich dies beispielsweise in der Herstellung einer Bereitschaft zur Drohnenabwehr äußern (beispielsweise Durchführung von Ladetätigkeiten, Stellungsauswahl und in Anschlag gehen).
Die gleichen Effekte würden mit der Verbesserung der menschlichen Wahrnehmung erzielt. So hat der dänische Gehörschutzspezialist Invisio im Juni auf der Rüstungsmesse Eurosatory 2026 in Paris mit dem T30 einen neuen Sprechsatz mit Gehörschutzfunktion vorgestellt, der über die „Drone Aware“-Funktion verfügt und die Fähigkeit der Nutzer verbessert, Drohnen früher zu erkennen, ohne dass dafür zusätzliche Ausrüstung erforderlich ist.
Technisch wird diese Funktion wie folgt umgesetzt: Der T30-Aktivgehörschutz isoliert die von Kopterdrohnen gängigen Geräuschmuster und gibt diese verstärkt wieder. Dadurch hört der Träger des T30 die Drohne deutlich früher als es ihm ohne den Gehörschutz möglich wäre. Auch hier kann der Soldat die gewonnene Zeit dazu nutzen, sich der Drohnengefahr besser zu entziehen oder eine effektivere Abwehr zu organisieren.
Anpassung der Kampfbeladung
Der Begriff der Kampfbeladung beschreibt im militärischen Sprachgebrauch die Munitions- und Kampfmittelmenge (Handgranaten, Nebeltöpfe,…), die ein Soldat oder ein Gefechtsfahrzeug üblicherweise zur Auftragserfüllung mit sich führt. Für das Standardsturmgewehr wären dies je nach Auftrag und Truppengattungszugehörigkeit üblicherweise drei bis sieben Magazine mit je 30 Patronen in der Waffe und direkt „am Mann“. Weitere Magazine oder noch nicht aufmunitionierte Munition würde oder könnte der Soldat im Sturmgepäck oder im Fahrzeug mitführen.
Steht ein Drohnenangriff an, dem sich der Soldat durch Tarnung, Stellungswechsel oder Verstecken nicht entziehen kann, bleibt ihm im Grunde nur die Wahl zwischen den Alternativen „Ausmanövrieren“ oder „Abschießen“. Er könnte es also versuchen, abhängig von Gelände und Umgebung, der angreifenden Drohne mittels der eigenen Geschicklichkeit auszuweichen oder diese mit dem eigenen Sturmgewehr abzuschießen. Die Chancen, eine Drohne direkt zu treffen, sind jedoch nicht besonders hoch. Gleichwohl gibt es Entwicklungen, die die Wahrscheinlichkeit verbessern. Neben der bereits beschriebenen Modifikation der Zielhilfe wäre da noch die Nutzung einer speziell für die Drohnenabwehr konzipierten Sturmgewehr-Munition.
Solche Patronen verfügen über ein Mehrfachprojektil-Design. Nach dem Verlassen der Mündung werden mehrere Subprojektile freigesetzt, die mit leichter Streuung entlang der Schussachse ihren Flug fortsetzen. Mit diesem Ansatz besteht die Möglichkeit, das Wirkprinzip einer Schrotflinte mit einem Sturmgewehr nachzuahmen, gleichwohl mit einer deutlich geringeren Anzahl an Projektilen pro Patrone. Die Subprojektile einer solchen Patrone im Kaliber 5,56 x 45 mm haben genügend Energie, um Kopterdrohnen auf Distanzen von bis zu 75 m kritisch zu beschädigen.
Die Nutzung solcher Patronen ist geeignet, die Trefferwahrscheinlichkeit gegen anfliegende FPV-Drohnen durch Einzelschützen mittels schnellen Einzelfeuers signifikant zu steigern. In Verbindung mit entsprechender Ausbildung und Anpassung der Visiereinrichtung könnte die Wahrscheinlichkeit noch weiter erhöht werden.
In der täglichen Einsatzpraxis wäre es beispielsweise möglich, Drohnenabwehrpatronen in einer spezifischen Reihenfolge aufzumunitionieren – bspw. jede dritte oder fünfte Patrone im Magazin bzw. die letzten fünf oder zehn Patronen. So könnte jeder Schütze bei Drohnengefahr mit dem bereits in der Waffe befindlichen Magazin im schnellen Einzelfeuer oder im Dauerfeuermodus die angreifende Drohne beschießen. Denkbar wäre aber auch die Mitführung ganzer Magazine mit solchen Patronen. Sobald die Drohnengefahr erkannt oder gemeldet wird, kann dann das entsprechende „Drohnenabwehrmagazin“ in die Waffe geladen und so die „Bereitschaft zur Drohnenabwehr“ im Nahbereich hergestellt werden. Dies kann als Notfalldrill erfolgen oder es wird ein Soldat, welcher gleichzeitig auch die Rolle des Luftraumspähers übernimmt, mit dem geladenen Magazin zur Sicherung abgestellt, um Tätigkeiten, wie einen technischen Halt, das Schanzen usw. abzusichern.
Der Wermutstropfen: Solche Munitionssorten sind relativ neu und werden noch nicht in großem industriellem Maßstab hergestellt. Beobachter gehen davon aus, dass größere, für die breite Nutzung notwendige Mengen erst im Laufe des Jahres 2027 oder 2028 verfügbar sein werden.
Zusammenfassung
Die aufgeführten Einzelbeispiele sind keine vollständige Sammlung von „Mikromaßnamen“ mit denen Soldaten zu einer besseren Selbstverteidigungsfähigkeit gegen Drohnenangriffe befähigt werden können. Ein Kombination mehrerer solcher Anpassungsmaßnahmen kann in Summe das Abwehr-Potenzial eines jeden Einzelschützen hinreichend verbessern, so dass dieser sich effektiver gegen angreifende Drohnen wehren kann. Teilweise wirken die Maßnahmen sogar so, dass sie ihre Effektivität gegenseitig verstärken. Gleichzeitig wäre die Auswirkung dieser Anpassungsmaßnahmen – bezogen auf Gewicht, Ausbildungsaufwand etc. – für den einzelnen Soldaten minimal, so dass sich die Beeinträchtigung der Dienstausübung unabhängig von der jeweiligen Verwendung in Grenzen hält.
Ergänzt um eine bedrohungsangepasste Drohnenabwehrfähigkeit mit dezidiert dafür ausgebildeten und ausgerüsteten Kräften würden solche „kleinen“ Anpassungsmaßnahmen erheblich dazu beitragen, der Drohnengefahr effektiv und effizient begegnen zu können.
Waldemar Geiger


















