Schweden richtet seine Landstreitkräfte auf eine neue Größenordnung und Struktur aus. Mit „1–3-NEXT: Målbild Armén 2040“ hat die schwedische Heeresführung ein langfristiges Zielbild vorgelegt, das weit über eine bloße Vergrößerung der bestehenden Armee hinausgeht. Kern des Konzepts sind eine schwedisch geführte multinationale Korpsebene, drei Divisionen, regionale Kräfte für den Schutz des schwedischen Territoriums sowie nationale Verstärkungsreserven. Gleichzeitig sollen die Landstreitkräfte ihre Fähigkeit zum Führen des Gefechtes hoher Intensität, zur dimensionsübergreifenden Operationsführung und zur schnellen Anpassung an technologische Veränderungen deutlich ausbauen.
Die Bezeichnung „1–3-NEXT“ bringt den organisatorischen Kern des Zielbildes bereits auf den Punkt: ein Korps, drei Divisionen und eine Armee, die für die NATO sowie für Auslandseinsätze und territoriale Aufgaben entwickelt wird. Das Dokument ist dabei ausdrücklich nicht als fertig ausformuliert und mit Beschaffungs- oder Organisationsplanung hinterlegt zu verstehen. Vielmehr beschreibt es die Richtung, in die sich die schwedischen Landstreitkräfte bis 2040 entwickeln sollen. Die vorgesehenen Strukturen sollen schrittweise mit Personal, Material und Fähigkeiten aufgefüllt werden und anschließend als Grundlage für weiteres Wachstum dienen.
Hinter dem Konzept steht eine grundlegende Veränderung der militärischen Perspektive Schwedens. Mit dem NATO-Beitritt ist die Landesverteidigung nicht mehr ausschließlich auf das eigene Territorium begrenzt. Schweden betrachtet den nordisch-baltischen Raum zunehmend als zusammenhängenden Operationsraum. So werden Finnland, das Baltikum, Gotland, die Öresundregion, die Westküste und die Verkehrsverbindungen durch Schweden in dem Dokument als Teile eines gemeinsamen militärgeografischen Zusammenhangs beschrieben. Das hat unmittelbare Konsequenzen für die Landstreitkräfte. Das schwedische Heer soll nicht nur im Land selbst kämpfen können, sondern auch in der Lage sein, im Rahmen alliierter Operationen Kräfte bereitzustellen, die Verteidigung des Nordens zu unterstützen und gleichzeitig das eigene Land als logistisches und operatives Rückgrat für die Verstärkung der NATO zu schützen.
Das Zielbild unterscheidet deshalb ausdrücklich zwischen der vorderen Verteidigung, dem Schutz des schwedischen Territoriums in der Tiefe und der Ermöglichung eines Aufmarsches und Kräftebereitstellung von Verbündeten. Zu den Aufgaben gehören daher der Schutz von Häfen, Flugplätzen, Eisenbahnknoten, Logistikeinrichtungen, Führungsstellen und Mobilisierungsstrukturen ebenso wie die Unterstützung der Aufnahme und der Beweglichkeit von NATO-Truppen. Diese Verbindung von Territorialverteidigung und alliierter Operationsführung ist ein zentraler Gedanke von 1–3-NEXT. Schweden soll nicht nur militärische Kräfte für die NATO bereitstellen, sondern zugleich sicherstellen, dass diese Kräfte und die Verbände anderer NATO-Staaten überhaupt in den nordeuropäischen Operationsraum gelangen, dort versorgt und eingesetzt werden können.
Führung auf Korpsebene
Die vielleicht wichtigste organisatorische Veränderung ist die Einführung einer schwedisch geführten multinationalen Korpsebene. Nach dem Zielbild soll die Korpsführung vor allem in der nordöstlichen Operationsrichtung eingesetzt werden und in der Lage sein, schwedische und multinationale Kräfte zu führen. Dazu gehören unter anderem Fähigkeiten in den Domänen Führung, Aufklärung, Wirkung – insbesondere Luftverteidigung sowie elektronische Kampfführung – und Unterstützung. Die schwedischen Streitkräfte sollen hierdurch nicht nur größere Verbände aufstellen, sondern die Fähigkeit erhalten, mehrere Divisionen und deren unterstützende Fähigkeiten in einer zusammenhängenden Operation zu führen.
Die schwedische Heeresführung sieht gerade auf dieser Ebene die Möglichkeit, die verschiedenen Dimensionen moderner Kriegführung zusammenzuführen. Planungschef Rikard Daleke betont in einem Interview mit dem Fachportal Militär Debatt, dass Schweden seiner Einschätzung nach innerhalb eines Zeitraums von etwa 15 Jahren auf Korpsebene operieren können müsse. Die Korpsebene sei insbesondere erforderlich, um Fähigkeiten der Landstreitkräfte in einem dimensionsübergreifenden Ansatz miteinander zu verbinden.
Damit vollzieht Schweden einen deutlichen Schritt über die heute dominierende Brigade- und Divisionsebene hinaus. Das Zielbild folgt dabei der Überlegung, dass moderne Hochintensitätskriegführung nicht allein durch leistungsfähige Einzelverbände entschieden wird. Entscheidend sei vielmehr die Fähigkeit, Aufklärung, Feuer, elektronische Kampfführung, Luftverteidigung, Manöver, Logistik und Schutz über größere Räume und längere Zeiträume zusammenzuführen.
Drei Divisionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten
Unterhalb der Korpsebene sieht 1–3-NEXT drei Divisionen vor. Bemerkenswert ist, dass diese nicht als drei identische Großverbände gedacht sind. Stattdessen erhalten sie unterschiedliche regionale und operative Schwerpunkte.
Die Division Nord soll auf die nördlichen Landesteile und den Norden Finnlands ausgerichtet werden. Sie muss unter subarktischen Bedingungen, über große Entfernungen und bei begrenzter Infrastruktur operieren können. Damit wird sie zum wesentlichen schwedischen Beitrag für die Landoperationen im nordöstlichen Teil des nordisch-baltischen Operationsraumes.
Die Division Mitte soll das zentrale schwedische Operationsgebiet abdecken und vor allem als operative Tiefe für den Nordosten dienen. Sie soll zentrale schwedische Infrastruktur schützen und gleichzeitig Verbände nach Nordschweden, Finnland und in die Nordkalotte verstärken oder ablösen können.
Die Division Süd wiederum erhält einen Schwerpunkt auf Südschweden, der Westküste, der Öresundregion, Gotland und dem Baltikum. Zu ihren Aufgaben gehören der Schutz strategischer Knotenpunkte, die Unterstützung alliierter Kräfteaufstellung sowie die Sicherstellung der Durchhaltefähigkeit schwedischer Kräfte im Ostseeraum.
Damit ist die geografische Aufteilung zugleich eine operative Arbeitsteilung. Der Norden steht für subarktische Landkriegführung und große Räume, die Mitte für operative Tiefe und Verstärkung, der Süden für Ostsee, Gotland, Öresund und die Aufnahme alliierter Kräfte. Das Konzept ist jedoch, wie bereits erwähnt noch nicht final. So ist etwas etwa auch eine stärker mit gepanzerten Kräften ausgestatte Division und zwei stärker infanteristisch geprägte Divisionen mit der Fähigkeit zum Kampf in der Tiefe denkbar.
Mechanisierte Brigade, Infanterie und Deep Battle
Auch innerhalb der Divisionen verabschiedet sich das Konzept von einer weitgehend standardisierten Struktur. Vorgesehen sind jeweils Manöverkräfte, Kräfte für den Kampf in der Tiefe und spezialisierte Unterstützungsverbände. Eine mechanisierte Brigade soll die notwendige Kampfkraft im direkten Gefecht bereitstellen. Eine Infanteriebrigade soll dagegen Masse, Durchhaltefähigkeit und Einsatzmöglichkeiten in urbanem oder schwer zugänglichem Gelände liefern. Hinzu kommt eine neuartige „Djupstridsbrigad“ – eine Brigade für den Kampf in der Tiefe. Gerade diese Struktur ist eine der interessantesten Komponenten des Zielbildes.
Die Brigade für den Kampf in der Tiefe soll Fähigkeiten bündeln, die bislang stärker auf unterschiedliche Verbände verteilt sind. Dazu gehören unter anderem elektronische Kampfführung und weitreichende Artillerie. Sie soll hochwertige Ziele über große Entfernungen bekämpfen und dem Divisionskommandeur zusätzliche Möglichkeiten geben, den Gegner bereits beim Anmarsch anzugreifen, bzw. die gegnerische Logistik zu bekämpfen.
Interessant ist dabei auch die Rückkehr beziehungsweise Aufwertung von Infanterie. Nach Einschätzung der schwedischen Heeresführung ermöglichen neue Technologien heute eine Ausstattung von Infanterieverbänden mit Sensoren, unbemannten Systemen, Transportmitteln und Wirkmitteln, die vor einigen Jahrzehnten noch nicht verfügbar waren. Infanterie könnte dadurch künftig deutlich mehr Wirkung entfalten, ohne dass die Zahl der Soldaten im gleichen Maße steigen muss.
Integration moderner Technologie
1–3-NEXT versteht Technologie nicht als eigenständige Fähigkeit, sondern als integralen Bestandteil der künftigen Gefechtsorganisation. Unbemannte Systeme, Sensoren, Zielaufklärung, elektronische Kampfführung, Luftverteidigung einschließlich Counter-UAS, digitale Führung, Künstliche Intelligenz und autonome Systeme sollen in die regulären Strukturen der Verbände integriert werden. Bemerkenswert ist dabei die zeitliche Perspektive des Konzepts. Die schwedische Armeeführung warnt davor, die Erfahrungen aus dem Ukrainekrieg einfach in eine Zielstruktur für das Jahr 2040 zu übertragen. Viele Systeme, die heute als besonders innovativ gelten, wie etwa Drohnen und deren Abwehr, sollen nach dieser Logik bis 2040 bereits selbstverständlicher Bestandteil der militärischen Grundausstattung sein.

Das Konzept versucht deshalb, weniger konkrete Systeme festzuschreiben als vielmehr eine dauerhafte Fähigkeit zur technologischen Anpassung zu schaffen. Neue Technologien sollen möglichst schnell erprobt, bewertet und sofern Kosten, Risiko und Komplexität dies erlauben, eingeführt werden. Hierdurch soll ein institutioneller Lernprozess etabliert werden. Erfahrungen aus Ausbildung, Übungen, Einsätzen, Erprobungen, Wissenschaft und Industrie sollen schneller in Taktik, Organisation und technische Lösungen überführt werden. Dieser Gedanke gehört zu den markantesten Aussagen des gesamten Dokuments. Die langfristige Überlegenheit der schwedischen Streikräfte soll nicht allein auf der Qualität der vorhandenen Systeme beruhen, sondern auf der Fähigkeit, Veränderungen schneller als der Gegner zu erkennen, daraus zu lernen und die Erkenntnisse in militärische Wirkung umzusetzen.
Die Konsequenz wäre ein Heer, in der Ausbildung und Fähigkeitsentwicklung nicht mehr voneinander getrennte Prozesse darstellen. Übungen sollen nicht nur überprüfen, ob ein Verband bestehende Verfahren beherrscht, sondern auch dazu dienen, neue Erkenntnisse zu gewinnen und diese anschließend in Ausbildung, Doktrin und Organisation einfließen zu lassen.
Territorialverteidigung als zweite Säule
Neben den hochmobilen Feldverbänden sieht 1–3-NEXT einen deutlichen Ausbau der territorialen Kräfte vor. Diese sollen wichtige Einrichtungen und Verkehrsverbindungen schützen und bereits im Normalzustand beziehungsweise früh in einer Krise verfügbar sein. Damit soll eine Lücke geschlossen werden, die sich aus der wachsenden Größe der schwedischen Gesamtaufgabe ergibt. Die Feldverbände werden für die eigentliche Hochintensitätskriegführung benötigt. Gleichzeitig müssen aber Häfen, Flugplätze, Logistikknoten, Führungsstellen, Liegenschaften und Mobilisierungsräume geschützt werden.
Die territoriale Komponente ist deshalb kein nachrangiges Element des Zielbildes. Sie soll vielmehr die Voraussetzung dafür schaffen, dass Schweden seine eigentlichen Feldverbände einsetzen kann und gleichzeitig als logistisches und operatives Rückgrat der NATO im Norden funktioniert.
Dem stehen offen benannte Schwächen der gegenwärtigen schwedischen Streitkräfte entgegen. Diese verfügen zwar über eine hohe Qualität und eine große Bandbreite an Fähigkeiten, aber über zu wenig Masse, begrenzte Durchhaltefähigkeit und zu geringe Reserven für gleichzeitig zu erfüllende nationale, nordische und NATO-Aufgaben. 1–3-NEXT setzt deshalb stark auf die Wehrpflicht. Sie soll die notwendige personelle Masse für einsatzbereite Verbände, territoriale Kräfte sowie Ersatz- und Ergänzungseinheiten bereitstellen. Eine größere Zahl ausgebildeter Wehrpflichtiger allein reicht allerdings nicht aus. Parallel müssen Material, Infrastruktur, Ausbildungskapazitäten und Ersatzteil- beziehungsweise Versorgungsstrukturen wachsen. Ein wesentlicher Punkt ist zudem die Fähigkeit zur Regeneration. Schweden will nicht nur mehr Verbände aufstellen, sondern in einem längeren Krieg auch Verluste ersetzen und neue Verbände nachführen können.
Fazit
Ob Schweden die personellen, finanziellen und industriellen Voraussetzungen für dieses Zielbild tatsächlich schaffen kann, bleibt die entscheidende offene Frage. Auch die schwedische Heeresführung macht keinen Hehl daraus, dass 1–3-NEXT bislang weder vollständig durchgeplant noch finanziell hinterlegt ist. Als strategische Zielmarke ist das Konzept dennoch eindeutig: Schweden will seine Landstreitkräfte von einem vergleichsweise kleinen, qualitativ starkem Heer zu einer skalierbaren Landmacht entwickeln, die auf Korps- und Divisionsebene führen und kämpfen kann und dabei eine zentrale Rolle in der Verteidigung Nordeuropas übernimmt.
Kristóf Nagy

















