Die Pressemitteilung des Bundesministeriums der Verteidigung anlässlich des gestrigen Deutsch-Französischen Ministerrats ist auf einen kurzen und doch vielaussagenden Satz begrenzt, wenn es um die gemeinsame Entwicklung des Multiplattform-Landkampfsystem der Zukunft geht: „Im Rahmen des Projekts Main Ground Combat System (MGCS) werden Deutschland und Frankreich eine plattformunabhängige Technologie entwickeln für zukünftige bemannte und unbemannte gepanzerte Plattformen und deren vernetztes Zusammenwirken mit Kampfpanzern“, schreibt das Ministerium.
Man spricht also nicht mehr von der gemeinsamen Entwicklung vernetzt agierender Kampfplattformenvarianten auf Basis eines einheitlichen Chassis, das sowohl von den französischen als auch deutschen Streitkräften beschafft wird, sondern nur noch von einer „plattformunabhängigen“ Technologie. Analog zur Entwicklung des „Future Combat Air Systems“ (FCAS) scheinen die beiden Nationen wohl auch in der Dimension Land gemeinsam unterschiedliche Wege gehen zu wollen, mit dem Unterschied, dass man es noch nicht so konkret aussprechen will.
Für aufmerksame Beobachter ist die neue Marschrichtung dennoch sehr deutlich erkennbar. Ähnlich wie schon in der Dimension Luft – wo die Nationen nur noch im Bereich der Vernetzung (Combat Cloud) gemeinsam entwickeln wollen – wird man auch beim MGCS offenbar nur noch bei der Entwicklung des für die vernetzte Operationsführung essenziellen „digitalen Nervensystems“ einen einheitlichen Weg beschreiten.
Bei der Unterzeichnung des Memorandum of Understanding (MoU) anlässlich der industriellen Verantwortlichkeiten bei MGCS im April 2024 hieß es noch unmissverständlich, dass ein Chassis als Basis für die gesamte MGCS-Fahrzeugfamilie – also die Kanonenplattform, die Flugkörperplattform und die Kampfunterstützungsplattform – dienen wird. Doch bereits damals war ein deutlicher Dissens zwischen Deutschland und Frankreich erkennbar, als man sich bei der Festlegung der Zuständigkeiten für die Entwicklung der acht MGCS-Entwicklungssäulen nicht auf ein einziges Turmsystem für die Kanonenplattform einigen konnte. Um das bereits deutlich verzögerte Vorhaben trotzdem einen Schritt weiterzubringen, wurde die Entscheidung auf später vertagt. In einem ersten Anlauf sollte jede Nation ihr jeweils eigenes Kanonensystem entwickeln. Im Anschluss sollte erprobt und erst danach entschieden werden. Bereits dieser Kompromiss widersprach dem Geist der vereinbarten gemeinsamen Entwicklung, bei der Ineffizienzen vermieden werden sollten.
Beschlossen wurde die Unterteilung des MGCS-Programms in acht sogenannte Pillars (Säulen):
- Pillar 1 – MGCS-Plattform mit Fahrgestell und automatisierter Navigation unter deutscher Führung
- Pillar 2 – Kanone, Turm und Munition unter deutsch-französischer Führung. In einem ersten Schritt sollen jeweils national unterschiedliche Kanonensysteme entwickelt und nach einer Vergleichserprobung ein System ausgewählt werden.
- Pillar 3 – Sekundärbewaffnung mit zum Beispiel Lenkflugkörpern unter französischer Führung
- Pillar 4 – Kommunikations-, Führungs- und Einsatzsystem als „digitales Nervensystem“ unter deutsch-französischer Führung
- Pillar 5 – Simulationsumgebung unter deutsch-französischer Führung
- Pillar 6 – Sensorik unter französischer Führung
- Pillar 7 – Schutz und Drohnenabwehr unter deutscher Führung
- Pillar 8 – Unterstützung, Logistik und Infrastruktur unter deutsch-französischer Führung
Jeder Leser ist an dieser Stelle eingeladen, sich den aktuellen BMVg-Satz zum MGCS nochmals durchzulesen und abzugleichen, welche der acht Pillars sich in diesen reininterpretieren lassen.
Unter Beobachtern der deutsch-französischen Panzerentwicklung galt es bereits seit geraumer Zeit als ausgemacht, dass die Zusammenarbeit alles andere als harmonisch abläuft. Nachdem beide Nationen zwischenzeitlich sogar die Entwicklungsabsicht eigener Kampfpanzerlösungen zur Überbrückung der Zeit bis zum Zulauf des MGCS mehr oder weniger öffentlich bekundet haben, galt es als ausgemacht, dass das MGCS-Vorhaben in der 2024 beschlossenen Form so nicht mehr so nicht mehr aufrechtzuerhalten sein würde. Kurz nach der ILA, zu der Bundeskanzler Friedrich Merz verkündet hatte, dass Deutschland und Frankreich kein gemeinsames Kampfflugzeug entwickeln würden, sprachen gut informierten Kreise immer lauter davon, dass MGCS „tot“ sei.
Vergleicht man die ursprüngliche Idee hinter dem Main Ground Combat System mit der im Anschluss an den Deutsch-Französischen Ministerrat kommunizierten Absicht, dann bleibt nur noch ein Fragment übrig. Dieses Überbleibsel weiterhin als „Main Ground Combat System“ zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung des Intellekts jeder Person, die sich mit dem Sachverhalt auskennt.
Auch wenn Berlin und Paris es nicht offen aussprechen, wäre die Grundidee einer gemeinsamen Entwicklung beerdigt, wenn die MGCS-Entwicklung tatsächlich auf den kommunizierten Inhalt des BMVg-Satzes reduziert würde.
Wie auch immer man das MGCS-Überbleibsel zukünftig bezeichnen wird, für die Panzertruppen der Bundeswehr dürfte dies eine positive Entwicklung sein. Die Truppe hat so die Möglichkeit, jene Systementwicklungen voranzutreiben, die man hier als zukunftsfähig erachtet, ohne Rücksicht auf französiche Forderungen nehmen zu müssen.
Waldemar Geiger














