Amphibischer UxS-Einsatz der ukrainischen Streitkräfte – Viel Hype um nichts?

Waldemar Geiger

Anzeige

Ein jüngst veröffentlichtes Video der ukrainischen Streitkräfte, das die Anlandung eines bewaffneten ukrainischen  UGV mittels eines unbemannten Bootes auf einem Strandabschnitt der von Russland besetzten Kinburn-Halbinsel zeigt, sorgt aktuell für viele Diskussionen. Medial wird teilweise sogar eine „neue Ära des Krieges“ ausgerufen. Doch ist dieser Hype gerechtfertigt?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich zuerst vergewissern, was das Video zeigt und was es nicht zeigt.

Anzeige

Das 20 Sekunden andauernde Video des Einsatzes, der dem Vernehmen nach durch die 123. Territorialverteidigungsbrigade der Ukraine durchgeführt wurde, zeigt im ersten Teil, wie ein unbemanntes Bodenfahrzeug (UGV) mithilfe eines unbemannten Überwasserfahrzeuges (USV) an einen Strandabschnitt der Kinburn-Halbinsel verbracht wird. Überwacht wird der Einsatz mindestens von einer Aufklärungsdrohne in der Luft (UAV). Nach Anlandung geht das UGV wenige Meter weiter in Stellung.

Anzeige

Ab Sekunde 8 wechselt die Perspektive zur UGV-Sicht von oben und zeigt, wie das Fahrzeug mehrere MG-Schüsse auf ein nicht erkennbares Ziel entlang des Strandverlaufes abgibt. Ab Sekunde 12 wechselt die Perspektive wieder, diesmal vermutlich auf die UAV-Sensorik, die auf ein nicht identifizierbares Ziel gerichtet ist. Zu sehen sind drei Schüsse des UGV, von denen keines das „Ziel“ trifft.

Was aus dem Video nicht hervorgeht, ist die Tatsache auf was genau geschossen wurde und ob die „feindliche Stellung“ überhaupt besetzt gewesen ist. Darüber hinaus wird nicht gezeigt, was mit dem UGV nach dem Feuerkampf passiert ist. Weder von russischer noch ukrainischer Seite sind Videos oder Bilder auftaucht, die die Zerstörung, Bergung oder Rückführung des Fahrzeuges durch eigene oder feindliche Kräfte zeigen würden. Über den Ausgang des amphibischen Einsatzes sowie die erzielte Wirkung ist somit nichts bekannt. Der Umstand, dass in den gezeigten 20 Sekunden kein Hinweis feindlicher Waffenwirkung gegen das USV oder das UGV zu sehen ist, deutet darauf hin, dass die Anlandung unbemerkt erfolgt sein könnte.

Möchte man den Einsatz besonders kritisch bewerten, wäre die Analyse wie folgt: Das Video zeigt, wie ein ferngesteuertes Bodenfahrzeug durch ein ferngesteuertes Boot an einen verlassenen Strandabschnitt verbracht wird, um im Anschluss auf weite Entfernung mindestens drei Schüsse auf ein unklares Ziel abzugeben, von denen keins ins Ziel trifft.

Eine wohlwollende Analyse würde sich hingegen so anhören: Das Video belegt die grundsätzliche Machbarkeit einer amphibischen Anlandung unbemannter Bodenfahrzeuge aus der Ferne sowie die anschließende Steuerung des Feuerkampfes aus der Distanz. Den Nachweis, dass ein solcher Einsatz auch gegen einen vom Feind bewachten und verteidigten Abschnitt möglich wäre, kann man zumindest nach aktueller Kenntnislage nicht führen.

Die Verkündung einer neuen Ära des Krieges greift somit deutlich zu weit. Das Video zeigt jedoch deutlich, dass die ukrainischen Streitkräfte stetig den Einsatz unbemannter Systeme aller Dimensionen (UxS) in unterschiedlichen Lagen und Szenarien erproben.

Dass der im Video gezeigte Einsatzausschnitt in absehbarer Zeit eine Blaupause für den Ablauf zukünftiger amphibischer Operationen sein könnte, muss jedoch kritisch angezweifelt werden. Dafür ist die Durchsetzungs- und Durchhaltefähigkeit von UxS-Einsatzverbünden nicht ausreichend genug. Selbst wenn die Anlandung auch gegen feindlichen Widerstand erfolgreich durchgeführt werden könnte, könnten die UGV nur die jeweils verfügbare Kampfbeladung zum Einsatz bringen. Sobald die im Magazin mitgeführte Munition verschossen ist, wird das UGV de facto kampfunfähig. Selbst die Nachversorgung des Landekopfes mit neuer Munition hilft da nicht weiter, da die jeweiligen Systeme keine Ladetätigkeiten durchführen können. Generell ist die aktuelle Generation von UGV gegenüber bemannten Gefechtsfahrzeugen oder selbst abgesessen kämpfenden Truppen in den Punkten taktische Mobilität und Agilität sowie Wirkung und Schutz (sowohl durch Panzerung als auch Mobilität) unterlegen. 

Denkbar wäre jedoch eine Integration einzelner Aspekte solcher UxS-Einsatzverbünde in „klassische“ Amphibik-Verbände, um die Kampfkraft, da wo sinnvoll, zu verstärken.

Waldemar Geiger