Die auf der iranischen „Shahed“ basierende „Geran“-Einweg-Kampfdrohnenfamilie bildet das quantitative „Rückgrat“ der russischen Fähigkeiten für weitreichende Angriffe in die Ukraine. Mit der Geran-4, einer mit einem Jetantrieb ausgestatteten Einweg-Kampfdrohne, wollen die russischen Streitkräfte nun die Erfolge der ukrainischen Drohnenabwehr aushebeln. Dies hat jedoch seinen Preis.
Einem heute veröffentlichten Bericht der Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums der Ukraine (Militärgeheimdienst HUR) zufolge soll die Geran-4 im Mai die Einsatzbereitschaft erreicht haben, nachdem im Januar die Vorbereitungen für die Serienproduktion abgeschlossen worden seien.
Der Ukraine ist zuletzt immer öfter gelungen, russische Einweg-Kampfdrohnen mit eigenen kostengünstigen Abfangdrohnen abzuschießen. Dem HUR zufolge hat Russland deshalb die Geran-4 als Gegenmaßnahme zu den in den letzten Monaten zu beobachtenden Abwehrerfolgen ukrainischer Abfangdrohnen entwickelt. Die Höchstgeschwindigkeit von bis zu 500 km/h sowie eine Manövrierfähigkeit bei Geschwindigkeiten von 300 bis 400 km/h sollen es der Drohne mit Jet-Antrieb ermöglichen, sich ukrainischen Abfangdrohnen zu entziehen.
Bei der Geran-4 wurde nach Angaben des HUR der Einsatz von zwei Arten von Turbostrahltriebwerken beobachtet: dem nicht mehr produzierten chinesischen Telefly LX-WP-160-Triebwerk (mit 160 kg/1600 N Schub) und einem chinesischen Triebwerk Telefly TF-TJ2000A (mit 200 kgf/1960 N Schub), das zuvor in der Geran-5 zum Einsatz kam. Die maßgebliche Modifikation zur ebenfalls jetangetrieben Geran-3 soll jedoch in einer neuen, robusteren Flugzelle liegen.
„Zur Herstellung früherer Versionen von jetgetriebenen Drohnen, insbesondere der ‚Geran-3‘, nutzte der Feind die Zelle der benzinbetriebenen ‚Geran-2‘. Diese Erfahrung zeigte jedoch, dass deren strukturelle Festigkeit für Hochgeschwindigkeitsflüge unzureichend war, geschweige denn für Manöver unter hohen G-Belastungen“, schreibt der ukrainische Militärgeheimdienst in seiner heutigen Mitteilung. „Die strahlgetriebene ‚Geran-4‘ verfügt über eine eigene neue Flugzeugzelle mit verbesserter aerodynamischer Effizienz, einer verstärkten Struktur und einem Turbostrahltriebwerk mit erhöhter Schubkraft. Die Tragflächen sind nun fest in den Mittelteil des Rumpfes integriert. Um den Luftwiderstand zu verringern, wurde die Anzahl der technischen Luken am Rumpf auf ein Minimum reduziert“, heißt es in dem Bericht weiter. Des Weiteren wird darauf verwiesen, dass die neue Flugzeugzelle der Geran-4 ein aktives Manövrieren bei Geschwindigkeiten von 300 bis 400 km/h ermöglicht. Die verstärkte Struktur erlaubt es der Drohne zudem, erhebliche G-Belastungen standzuhalten. Die Abmessungen der Geran-4-Flugzeugzelle bleiben jedoch unverändert und betragen standardmäßig 3,5 Meter in der Länge und 3 Meter in der Breite (Spannweite).
Dank dieser Weiterentwicklungen kann die Geran-4 Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h und eine Höhe von bis zu 5.000 Metern erreichen. Die Drohne ist dem Militärgeheimdienst zufolge in der Lage, einen hochexplosiven Splitter-/Thermobar-Sprengkopf OFZBCH-50/TBBCH-50M (50 kg) oder einen vergrößerten Thermobar-Sprengkopf TBBCH-90 (90 kg) über eine Entfernung von bis zu 450 Kilometern zu transportieren. Zum Vergleich: Die mit einem Verbrennungsmotor angetriebene Geran-2 soll eine Reihweite von bis zu 2.500 km aufweisen.
Der heutige Bericht des HUR zeigt, dass sich physikalische Gesetzmäßigkeiten nicht außer Kraft setzen lassen. Die Steigerung der Durchsetzungsfähigkeit der Geran-Einwegdrohnen durch eine höhere Marsch- und Manövriergeschwindigkeit führt zu einem höheren Produktionsaufwand bei der Flugzelle und reduziert die Reichweite auf weniger als 20 Prozent. In Kombination mit der benötigten Startinfrastruktur, dem Zeitbedarf für die Startvorbereitungen und der damit einhergehenden Bedrohung durch ukrainische Waffen mit großer Reichweite dürfte sich der Einsatz der Geran-4 auf eine Eindringtiefe in die Ukraine von rund 350 km beschränken. Dies setzt allerdings voraus, dass die Analyse des HUR im Bereich der Reichweite zutreffend ist. Die Gefahr ist damit jedoch nicht gebannt, denn die ukrainische Hauptstadt – mit einer Entfernung von etwa 300 km zur russischen Grenze – sowie zahlreiche ukrainische Bevölkerungszentren im Osten der Ukraine dürften in der effektiven Einsatzreichweite der Geran-4 liegen.
Waldemar Geiger


















