In der Not schmeckt jedes Brot: Drei Wege zum schnellen Aufbau europäischer Deep-Strike-Fähigkeiten

Fabian Hoffmann

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Die Nachricht, dass die Vereinigten Staaten kein Long-Range Fires Bataillon nach Deutschland verlegen werden, hat in den europäischen Hauptstädten für mehr Aufruhr gesorgt, als es eigentlich gerechtfertigt wäre – und damit erneut die erhebliche Fähigkeitslücke sichtbar gemacht, mit der europäische Streitkräfte im Bereich der Präzisionswirkung in der Tiefe konfrontiert sind.

Die europäischen Arsenale an weitreichenden Flugkörpern und Deep-Strike-Waffen sind unzureichend – dies wurde an dieser Stelle bereits mehrfach festgestellt. Die Bemühungen, diese aufzufüllen, verlaufen schleppend, wobei glaubwürdige Aufrüstungszeitpläne bis in die 2030er Jahre reichen. Dies muss jedoch keine ausgemachte Sache sein. Den europäischen Staaten stehen drei glaubwürdige Wege zur raschen Aufrüstung im Deep-Strike-Bereich offen:

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  1. Kauf ukrainischer Systeme
  2. Kauf marktreifer nicht-ukrainischer Lösungen
  3. Beschleunigung von Entwicklungsprogrammen zu Crash-Programmen

Dieser Beitrag beleuchtet jede dieser Alternativen.

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Weg 1: Kauf ukrainischer Systeme

Die Ukraine hat in den vergangenen vier Jahren ein umfangreiches und vielfältiges Deep-Strike-Arsenal aufgebaut, das Langstrecken-Drohnen, Mini-Marschflugkörper und schwere Marschflugkörper umfasst. Ballistische Raketen befinden sich zudem in der Entwicklung.

Wenn europäische Staaten der Reichweite Vorrang einräumen und rasch eine Fähigkeit mit einer Reichweite bereitstellen wollen, die in etwa mit dem Tomahawk-Marschflugkörper (1.600 Kilometer) vergleichbar ist, dürften ukrainische Hersteller von Langstrecken-Drohnen die einzig realistische kurzfristige Alternative sein. Diese haben zuvor signalisiert, über freie Kapazitäten zu verfügen, um europäische Aufträge zu bedienen, was zugleich dazu beitragen würde, zusätzliche Kapazitäten für die Versorgung der ukrainischen Streitkräfte zu schaffen. Ein europäischer Auftrag würde diese These auf die Probe stellen.

Zu den wahrscheinlichen Kandidaten gehören FirePoints FP-1 und Antonows An-196 Liutyi, die je nach Variante Reichweiten von über 1.500 Kilometern und Nutzlastkapazitäten von bis zu 120 Kilogramm aufweisen. Diese Nutzlast ist deutlich geringer als jene eines Tomahawk oder eines vergleichbaren Systems (454 Kilogramm), und europäische Staaten müssten Abstriche hinsichtlich Überlebensfähigkeit, Letalität und Geschwindigkeit in Kauf nehmen. Sofern jedoch die Fähigkeit, Ziele in Moskau und darüber hinaus zu bekämpfen, die Hauptanforderung darstellt, handelt es sich um kampferprobte Systeme, die sich wahrscheinlich kurzfristig und zu vergleichsweise niedrigen Stückpreisen exportieren lassen. Je nach Vertragsvolumen dürfte der Preis wohl im mittleren bis hohen fünfstelligen Bereich liegen.

Weitere ukrainische Systeme verdienen ebenfalls Beachtung. Mini-Marschflugkörper wie Bars, Peklo und Palianytsia sind praktikable Optionen, die zwar etwas teurer sind als Langstrecken-Drohnen, jedoch eine höhere Geschwindigkeit und Überlebensfähigkeit bieten, auf Kosten der Reichweite, die für diese Systeme mit 500 bis 800 Kilometern angegeben wird.

Grundsätzlich könnten europäische Staaten auch versuchen, in bestehende Programme für schwere Flugkörper einzusteigen, etwa in den Flamingo von FirePoint, einen schweren Marschflugkörper für Bodenziele, oder in die geplanten ballistischen Raketen FP-7 und FP-9. Im Gegensatz zu den oben genannten leichteren Systemen handelt es sich hierbei jedoch nicht um ausgereifte Programme. Eine Beschaffung wäre daher mit höherem Entwicklungsrisiko verbunden und würde voraussichtlich längere Lieferfristen mit sich bringen, insbesondere bei größeren Stückzahlen.

Weg 2: Beschaffung marktreifer nicht-ukrainischer Systeme

Wenn europäische Staaten eine Beschaffung in der Ukraine vorziehen zu vermeiden, stehen weitere Optionen zur Verfügung, darunter amerikanische Systeme. Mehrere europäische Staaten haben bereits den Tomahawk und die AGM-158B JASSM-ER beschafft. Doch selbst angesichts der vergleichsweise großen Produktionskapazität der USA haben sich die Lieferzeiten erheblich verlängert. Finnland, die Niederlande und Polen beispielsweise müssen bis 2032 warten, bis die 2024 aufgegebenen JASSM-ER-Bestellungen vollständig abgewickelt sind. Durch den Iran-Krieg bedingte Verzögerungen könnten diese Zeiträume noch weiter ausdehnen. Zudem ist eine Bestellung in den Vereinigten Staaten politisch eine zunehmend unattraktive Option und könnte aus eben diesen Erwägungen abgelehnt werden.

Südkorea und Israel bieten sich ebenfalls als Optionen an, doch Kapazitätsengpässe schränken auch dort die Möglichkeit einer raschen Lieferung ein. Südkoreanische Hersteller haben zuletzt eine Reihe von Exportverträgen für das Chunmoo-Raketenartilleriesystem abgeschlossen und damit vorhandene Überkapazitäten abgebaut. Die CTM-X, der Flugkörper mit einer Reichweite von über 500 Kilometern für das Chunmoo-System befindet sich zudem noch in der Entwicklung und wird vor den 2030er Jahren voraussichtlich nicht verfügbar sein.

Die andere Alternative ist die europäische Industrie. Während schwere Marschflugkörper, die europäische Staaten traditionell beschaffen, mit langen Vorlaufzeiten verbunden sind, besteht für europäische Hersteller das Potenzial, nennenswerte Mengen an leichteren Marschflugkörpern und Langstrecken-Drohnen deutlich schneller zu liefern.

Destinus, ein europäischer Flugkörperhersteller mit Sitz in den Niederlanden, könnte den Mini-Marschflugkörper Ruta liefern. Die Ruta Block 1, in der Ukraine ausgiebig im Kampfeinsatz erprobt, ist mit einem Turbostrahltriebwerk ausgestattet, hat eine Reichweite von über 300 Kilometern und trägt einen 150-Kilogramm-Gefechtskopf. Die kürzlich angekündigte Ruta Block 2, die bereits Flugtests absolviert hat, erweitert die Reichweite auf über 800 Kilometer und könnte eine naheliegende Wahl für die europäische Beschaffung sein.

Destinus produziert bereits rund 2.000 Ruta-Mini-Marschflugkörper jährlich, wobei die Produktion je nach Auftragslage erheblich skalierbar ist. Ermöglicht wird dies unter anderem durch den Aufbau zusätzlicher Produktionsstätten in Europa, darunter ein Joint Venture mit Rheinmetall in Deutschland. Die Produktionsvorlaufzeit für neue Bestellungen wird mit sechs Monaten angegeben.

Der europäische Flugkörperhersteller MBDA bietet ebenfalls mehrere Systeme an. Neben dem SCALP-EG, von dem derzeit schätzungsweise 100 Flugkörper pro Jahr produziert werden, hat MBDA einen Entwicklungs- und Kleinserienfertigungsauftrag für den One-Way Effector erhalten – eine Langstreckendrohne mit einer Reichweite von 500 Kilometern –, deren erste Auslieferungen für Mitte 2027 geplant sind. Mit ausreichender Dringlichkeit und zusätzlichen Mitteln könnte es gelingen, den Zeitplan zu beschleunigen und vergleichsweise rasch eine Serienproduktion von 1.000 Systemen pro Monat zu erreichen. MBDA gibt zudem an, dass sein Crossbow-Mini-Marschflugkörper produktionsbereit ist und lediglich eines Auftrags bedarf.

Keines dieser Systeme ist mit den amerikanischen Wirkmitteln vergleichbar, die im Rahmen der Stationierung eines Long-Range Fires Bataillons verfügbar geworden wären. Sind europäische Staaten jedoch bereit, die Anforderungen an Reichweite und Nutzlast zu lockern, größere Mengen weniger leistungsfähiger Systeme zu akzeptieren und die Risiken in Kauf zu nehmen, die mit neuen Lieferanten und Lieferketten einhergehen, existieren durchaus europäische Lösungen für eine rasche Beschaffung.

Weg 3: Beschaffung durch Crash-Programme

Wenn europäische Staaten weder auf ukrainische Lieferanten zurückgreifen noch Abstriche bei einer schweren Deep-Strike-Fähigkeit machen wollen, die mit den nicht mehr lieferbaren amerikanischen Systemen vergleichbar ist, bleibt als einzig realistische kurzfristige Lösung die Umwandlung bestehender längerfristiger Entwicklungsprojekte in Crash-Programme für eine rasche Beschaffung.

Das Land-Cruise-Missile-Programm – die geplante bodengestützte Version des Missile de Croisière Navale und das direkteste europäische Pendant zum Tomahawk – dürfte der realistischste Kandidat sein.

Im Rahmen eines solchen Schnellprogramms könnten sich die am European Long-Range Strike Approach (ELSA) beteiligten Staaten rasch auf zentrale Konstruktionsparameter einigen, eine feste Beschaffungsmenge festlegen und die notwendigen Mittel bereitstellen, um den Zeitplan zu beschleunigen. Der Erfolg würde voraussichtlich davon abhängen, ob die beschaffenden Staaten bereit sind, Meinungsverschiedenheiten über die Verortung von Entwicklung und Produktion beiseitezulegen und die Mittel an jene nationalen Akteure zu lenken, die am schnellsten Ergebnisse liefern können – in diesem Fall die französische Industrie. Selbst dann erscheint eine Auslieferung der Land Cruise Missile an europäische Streitkräfte vor 2028 unwahrscheinlich.

Ein weiterer potenzieller Kandidat für ein Crash-Programm ist die im Rahmen des britisch-deutschen bilateralen Projekts vorgesehene Deep-Strike-Fähigkeit, bei der eine Vorverlegung des Einführungszeitplans von den 2030er Jahren auf die späten 2020er Jahre angestrebt werden könnte. Gleiches wäre möglicherweise im Rahmen des deutsch-norwegischen Projekts zum Überschallmarschflugkörper 3SM-Tyrfing denkbar. Allerdings dürften Machbarkeitsgrenzen die Spielräume für eine beschleunigte Auslieferung hier enger setzen als beim Land-Cruise-Missile-Programm.

Fazit

Den europäischen Staaten stehen begrenzte, aber keineswegs aussichtslose Optionen zur Verfügung. Klar ist jedoch: Angesichts des europäischen Zögerns, in den vergangenen Jahren in Deep-Strike-Fähigkeiten zu investieren, ist keine optimale Lösung mehr verfügbar. Europäische Staaten werden Kompromisse bei Waffeneigenschaften und Beschaffungsrisiken eingehen müssen, wenn sie bis zum Ende des Jahrzehnts zumindest eine hinreichende Fähigkeit zur Wirkung in der Tiefe aufbauen wollen.

Verfolgen die europäischen Staaten keine der drei skizzierten Optionen, ist eine glaubwürdige europäische Deep-Strike-Fähigkeit vor Mitte der 2030er Jahre kaum zu erwarten. Dies wäre ein gefährliches Glücksspiel – angesichts der zentralen Rolle, die diese Waffensysteme in der modernen Kriegsführung spielen, und der Tatsache, dass europäische Entscheidungsträger selbst die späten 2020er Jahre wiederholt als den Zeitraum größter Gefahr bezeichnet haben.

Autor: Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 9. Mai 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.